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PROSANOVA Festival für junge Literatur 2020
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PROSANOVA Festival für junge Literatur 2020
Kritik

Handke fährt jetzt Straßenbahn

Und der Erzähler seiner Maigeschichte „Das zweite Schwert“ wirkt müde
Hamburg

Es war im Grunde zu erwarten, dass die erste Veröffentlichung Peter Handkes nach der Verleihung des Literaturnobelpreises ihren Ereignischarakter nicht durch ihren Inhalt, sondern in erster Linie durch die Besprechungen in den Feuilletons bekommen wird. Kein Radiointerview, so gut wie keine Rezension, in der nicht gefragt wird, ob das Buch den nächsten Skandal darstellt, ob es darin um Serbien geht und ob die angekündigte „Rachegeschichte“ eine Abrechnung mit „den“ Journalisten nach der Berichterstattung im Herbst 2019 ist. Nein, nein und nein.

Ratlosigkeit, vielleicht sogar Enttäuschung angesichts der Skandalfreiheit dieser Maigeschichte, lassen sich folglich in den Zwischentönen und Zwischenzeilen von Deutschlandfunk bis Tagesspiegel finden. Sie äußert sich darin, dass das Gros der Kritikerinnen und Kritiker über „Das zweite Schwert“ so gut wie nichts zu berichten weiß, was sich nicht auch auf zahlreiche vorangegangenen Erzählungen Handkes anwenden ließe. Ein fiktionalisiertes Ich oder eine dritte Person macht sich auf den Weg, kommt im allegorischen Sinne davon ab und landet schließlich auf einem Fest. Spoiler-Alarm nur für all jene, die keine einzige seit den 1990ern erschienene Seite Handke gelesen haben. (Was natürlich nicht heißt, dass man sich deshalb nicht lautstark am Diskurs über ihn beteiligen kann.) Auch angesichts dessen, was zwischen Oktober und Dezember des vergangenen Jahres über den Autor zu lesen war, wirkt so manche/r Feuilletonist/in fast ein wenig überfordert damit, nun konkret über eines seiner Bücher Auskunft geben zu müssen. Und so herrscht eine merkwürdig friedvolle Einigkeit über die stilistische Brillanz und die wieder einmal sprachliche Ausgefeiltheit Handkes von SWR bis FAZ. Ein wie kurz vor Erscheinen des Buches geschlossener Nichtangriffspakt aller gegenüber dem Nobelpreisträger. (Verdient hat er ihn, aber bekommen hätte er ihn nicht dürfen. *hüstel*)

Dabei gibt es am neuen Buch des Schreibers Handke etwas zu kritisieren oder wenigstens zu bemerken, das man durchaus auf den Sprecher Handke beziehen kann, nämlich großen Ankündigungen keine oder recht ungelenke Taten folgen zu lassen. Mit Journalisten werde er nie wieder reden, sagte er, bevor er unter anderem der ZEIT ein großes Interview gab. Darin äußerte er eine freilich rhetorische (und etwas – pardon – lächerliche) Gewaltfantasie: Er werde einen Hammer holen, sollte Ulrich Greiner das Wort „Mitschuld“ noch einmal in den Mund nehmen. Nun gut.

Der Reihe nach. Der seit Jahrzehnten im Modus der Autofiktion schreibende Handke lässt seine neue Erzählung mit einem Blick in den Spiegel beginnen. Sein ihm zum Verwechseln ähnlicher Ich-Erzähler sieht sich als Rächer, sieht die Zeit der Rache gekommen. Seiner „heiligen Mutter“ ist vor Jahren, Jahrzehnten gar, ein Unrecht angetan worden. Eine Journalistin montierte ihr Bild in das einer Hitler zujubelnden Menge. Eine Tat, die den Erzähler seither beschäftigt und nicht ungestraft bleiben soll. Weder war seine Mutter an besagtem Ereignis beteiligt, noch war sie Anhängerin des „Führers“. Rache will der Erzähler verüben, und zwar gewaltvolle.

Ja doch: Schon als Kind hatte ich Gewaltvorstellungen gehabt, und das waren mitnichten bloße Phantasiespiele, zu schweigen hier vom Stiefvater, dem ich nach den Nächten, da er die Mutter quer durchs Haus prügelte – dazu sein Lachen –, mit der aus der Holzhackhütte geholten Axt, als er am Morgen am Fußboden neben dem Ehebett seinen Rausch ausschlief, den Schädel einschlug.

Bevor sich solche erinnerten Episoden jedoch psychologisieren lassen, lässt Handke die Ausführungen seiner Gewaltfantasien kippen. Mit einer Bazooka wolle sein Erzähler das Nachbarhaus mit seinen ewig kläffenden Kötern beschießen. Auch wenn er zugeben muss, dass er nicht weiß, wie so eine Bazooka funktioniert.

Und eine Gewalttat werde ich eines Tages tatsächlich ausführen (oder auch nicht): dem Yoga-Laden um die Ecke mit einem der vielen aus den Königszeiten herumliegenden Randsteinbrocken das Schaufenster einschlagen, zur Strafe für die mißbrauchten Dichterverse zu Bäumen, Selbstüberhebung und Seelenruhe, unterspickt mit indischen und tibetanischen Weisheitssprüchen wie „alle Situationen, alle Emotionen, alle Aktionen, alle Wesen akzeptieren“, und zwischengespickt mit „Gefälligst zehn Minuten vor der Zeit dasein“ und „Es wird ersucht, vor dem Eintreten die Schuhe auszuziehen“.

Handke kann auch witzig, wenn auch zugegebenermaßen am Rande der unfreiwilligen Komik schreiben. Als Leser ist man letztlich doch versucht, die mitunter ungelenken Äußerungen des Autors auch auf seinen Erzähler zu beziehen. Autofiktion ist eben vermintes Gelände. 

Apropos Gelände. Der Erzähler macht sich schließlich auf ins Pariser Umland, um die Journalistin, die wie er in der Île-de-France lebt, aufzusuchen. In der Hinführung zu diesem Aufbruch lässt sich die angesprochene stilistische Brillanz Handkes erkennen, für die er den Nobelpreis in der Tat und doppelt und dreifach verdient hat. Wie zuletzt die „Obstdiebin“, deren Odyssee erst nach über hundert Seiten beginnt, nimmt auch der Erzähler der Maigeschichte einen langen narrativen Anlauf, schafft er sozusagen überhaupt erst einmal die Vorbedingungen des Erzählens und des Unterwegsseins. Gerade in dem Moment, in dem sich der Leser vielleicht schon etwas ungeduldig fragt, warum er erneut das Lokalkolorit der Niemandsbucht dargestellt bekommt, hört sich der Erzähler in seinem Stammlokal halb ernst, halb scherzhaft nach einem Auftragskiller um. Er findet keinen und so nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Besser gesagt, sie nimmt Fahrt auf, denn Handkes Erzähler geht nicht mehr! Und man fragt sich, wie die großen Feuilletons diesen Aspekt der Erzählung in ihren Besprechungen unterschlagen konnten, denn seit Jahrzehnten ist der Modus der Erzählungen Handkes wesentlicher als deren „Plots“, ist die Erzählung überhaupt das, was durch ihre Form entsteht. Darin besteht die nobelpreiswürdige Größe des Erzählers Handke – nicht im Was, sondern im Wie. Dieses Wie erfährt in „Das zweite Schwert“ eine entscheidende Veränderung, denn Handke weicht von seiner rhythmusgebenden Poetik des Gehens ab. Sein Erzähler nimmt die neugebaute Tram, den Bus, das Taxi, verbietet sich selbst sogar das Gehen, was selbstverständlich Einfluss auf das Erzählen, das Erzählte, die Erzählung hat. Dass er zwischenzeitlich mit diesem selbstauferlegten Verbot bricht, passt ins Bild. Dennoch heißt es an einer entscheidenden Stelle im Buch:

Schluß auch, was mich betraf, mit solch Überlandgehen: „Das wird das letzte Mal gewesen sein!“

Man kommt nicht umhin, angesichts dieser neuen Erzählung festzustellen: der große literarische Überlandgeher Peter Handke wirkt müde. Clever ist, und clever war er ja immer, dass auf dem Scheitelpunkt der Erzählung – verortet in Port Royal des Champs – ein ruhiges Gespräch ausgerechnet mit einem Richter entsteht. Die Rache indes, es ist kein Verrat (an) der Erzählung, vollzieht der Fahrende nicht. Stattdessen nimmt er einen Vorstadtbus zurück, fährt bis zur „Endstationsgaststätte“, in der ein kleines Fest stattfindet. Es ist nicht zu viel verraten, denn auf diese Weise hat Handke seine Geschichten schon viele Male enden lassen. Sie ist Teil seiner Poetik. Im Journal „Am Felsfenster morgens“ heißt es dazu:

Fest: Station vor dem Tod

Das ist plausibel. Weniger plausibel hingegen ist, dass der Modus des sich organisch formenden Erzählens diesmal durch ein Moment der Plötzlichkeit derart unterbrochen wird, dass das Ende schlichtweg müde, fast unmotiviert angefügt wirkt. Auf einmal ein Fest, zu dem, anders als in früheren Erzählungen, nicht einmal in einem Halbsatz hingeführt wird. Auf einmal ein Fest, weil es sein muss.

Und die Rache an der Journalistin? Sie wird nicht vollzogen, aber eine Versöhnung findet auch nicht statt. Die Rachegelüste scheinen einfach zu verpuffen und auch nach sonstiger Genugtuung scheint der Erzähler nicht mehr zu trachten. Die Rechtfertigung vor sich selbst besteht darin, dieser Person keinen Platz in (s)einer Erzählung einzuräumen. Das soll die Rache des Erzählers sein. Den Anlass für die Erzählung ließ er sich durch die Journalistin immerhin liefern. So lässt der Erzähler den Leser etwas ratlos zurück. Er wirkt – ich wiederhole mich hier – schlichtweg müde. So müde, dass er nicht einmal mehr seine „heilige Mutter“ bedenkt. Ihre verletzte Ehre war doch zuerst die Triebfeder für den Feldzug, aber beizeiten kein Wort mehr von ihr. Als wolle der Erzähler nach all der Aufregung und Anstrengung schlichtweg abwinken. Das wäre möglich. Sogar aus [der] Geste des Abwinkens heraus könnte Handke auf zehn Seiten noch eine große Friedensszene schreiben. Aber wozu das alles noch?

Peter Handke
Das zweite Schwert - Eine Maigeschichte
Suhrkamp
2020 · 160 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42940-2

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