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ULF – Das Unabhängige-Lesereihen-Festival
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ULF – Das Unabhängige-Lesereihen-Festival
Kritik

Weltenraum und Plattenbauküche

Hamburg

Márió Z. Nemes' Nachwort leistet einen knappen Überblick über den geschichtlichen Kontext der Gedichte, die Herausgeber*innen Orsolya Kalász und Peter Holland in ihrer deutschsprachigen Anthologie ungarischer Gegenwartslyrik versammeln: Die Texte stammen von Autor*innen mit Geburtsdatum ab 1980, die vor dem Hintergrund einer schwindenden Bedeutung der Gattung und zerbröselnder ideologischer Gewissheiten schreiben. Der programmatische Bogen ist aufgespannt zwischen einerseits (pseudo-)privaten "End-of-History-Schreibweisen" mit oder ohne explizit postmodernem Theoriegehalt, und andererseits der Strömung einer "Neuen Ernsthaftigkeit", die sich tendenziell gegen den ironischen Gestus wende, eine "Virulenz von Körperpoetiken" aufweise und sich

immer mehr vom humanistischen Menschenbild und dem anthropozentrischen Subjekt entfernt. Anstelle eines anthropomorphen Naturbildes steht in den Texten (…) die Natur als Textgenerator im Mittelpunkt, die ihre Formlosigkeit (…) entfaltet.

Wir können, was Nemes über diese beiden Pole ungarischer Gegenwartsdichtung im Einzelnen schreibt, mit den jeweils von ihm referenzierten Einträgen in die Sammlung selbst einigermaßen zur Deckung bringen. Das steigert die Gewissheit, es werde an seiner Darstellung alles seine Richtigkeit haben, und so überlassen wir uns der Anthologie als einem, sozusagen, Zoobesuch unter fachkundiger Führung: Auf knapp 120 Seiten sehen wir uns über ein sonst im deutschen Sprachraum kaum wahrgenommenes, klar bestimmtes und nicht ganz unwichtiges Feld europäischer Textproduktion sowie über die dazugehörigen Produzent*innen punktgenau und unkompliziert unterrichtet.

Die von Nemes geschilderte und von der Anthologie dargestellte Gemengelage läuft, wenn der Augenschein dieser Auswahl nicht trügt, tatsächlich auf eine substanziell von der "westlichen"  unterschiedliche Literatur hinaus. Damit ist gemeint, dass nicht bloß unvertraute Ornamente und Generalmetaphern vorliegen, sondern dass die Gebilde uns einen (ever so slightly) anderen gesellschaftlichen Ort, eine tendenziell anders zusammengesetzte Öffentlichkeit für lyrische Texte andeuten, als wir ihn bzw. sie in Deutschland und Österreich sehen. Auch die artifiziell aufgespreizteren Texte sind merklich um greifbare Alltäglichkeit und "Volkstümlichkeit" (in einem nicht unrühmlichen Sinne) bemüht, und zwar in einer Weise, die (mir, und vielleicht fälschlich) nahelegt, es hätte das Publikum dieser Dichtung viel weniger Geduld, Zeit oder bloß Interesse, um den Autor*innen in beliebige Sphären zu folgen, als das (ausgeruhtere? unaufmerksamere? spezialisiertere?) deutschsprachige. Es scheint eine Übereinkunft zu bestehen, wonach Gedichte zumindest einigen aus einer kurzen Liste klar bestimmter Ansprüche genügen sollen …

… Oder zumindest ist das meine Interpretation des (von Nemes ohnehin erwähnten) wiederholten Auftauchens der beiden Motivgruppen "Weltraum" und "Plattenbauküchenelend", unabhängig voneinander. Der Titel der Sammlung – "Dies wird die Hypnose des Jahrhunderts" – und die Cyberpunk-Ästhetik des Umschlags legen nun die (nirgends explizit vertretene) These nah, es wäre eine dieser beiden Dimensionen – space oder kitchen floor – ein illusionäres Komplement zur Realität der anderen; als ginge es zwischen Ideologie und Wirklichkeit um eine Entscheidungsfrage, und zur Debatte stehe bloß – in der ungarischen Lyrik wie in der weiterhin postkommunistisch gedachten ungarischen Wirklichkeit – which is which?

Dazu passt dann (leider) diese eine problematische Wendung im letzten Absatz von Nemes' Nachwort, die m.M.n. mindestens einer abendfüllenden Diskussion über die Grundlagen seiner-meiner-unserer Literaturauffassung bedürfte1:

(…) den Glauben an die Verantwortung der Poesie wieder herzustellen, ohne sie der deformierenden Wirkung gesellschaftspolitischer Ideologien auszusetzen.

… und das setzt das ja nun nicht nur einen undeformiert-vorideologischen Zustand voraus (am Nicht-Ort, jenseits der Geschichte), oder identifiziert fälschlich den überwundenen Zwang zu staatskommunistischem Humptata mit Gesellschaftspolitik insgesamt, sondern macht auch die Frage auf, worin jenseits von Gesellschaft und Ideologie eine

Verantwortung der Poesie

sonst noch bestehen könnte. Dass es, Nemes ansonsten so plausiblem Überblick über die heutige ungarische Lyrik zufolge, in ihr, zwischen Weltenraum und Plattenbau, gerade um diese ungelöste Frage geht, würde eine solche Diskussion doppelt und dreifach lohnend machen. Ersatzweise wird die Kontemplation der Gedichte des Bandes uns gar nicht wenig weiterhelfen.

 

***

Autor*innen: János Áfra | András Bajtai | Tímea Bíró | Réka Borda | Kornélia Deres | Renátó Fehér | Richárd Fekete | Tímea Gulisio | Zita Izsó | Tibor Juhász | Ágnes Kali | Ákos Fodor Kele | Lili Kemény | Tamás Korpa | Dénes Krusovszky | Lidi Kupcsik | Gábor Lanczkor | Zoltán Lesi | Márió Z. Nemes | Bálint Németh | Sándor Attila Pál | Márton Simon | Mátyás Sirokai | Örs Székely | Petra Szőcs | Anna Terék | Kinga Tóth | Tímea Turi | Ádám Vajna | Kamilla Vida | Péter Závada | Anna Zilahi

Übersetzung: Orsolya Kalasz, Peter Holland, Monika Rick, Timea Tankó, Christine Schlosser, Emese Dallos, Christian Fillips, Max Oravin, Agnes Relle, Terézia Mora, Éva Zádor

  • 1. Hervorhebung von mir
Peter Holland (Hg.) · Orsolya Kalász (Hg.)
Dies wird die Hypnose des Jahrhunderts. Ungarische Lyrik der Gegenwart
KLAK Verlag
2019 · 122 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-948156-04-6

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