Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Edition Lyrigma (Beitragsbanner)
x
Edition Lyrigma (Beitragsbanner)
Kritik

Jahreszeiten, Missgeschicke, Nekrologe

Hamburg

wo sommers Kletten lustig fliegen
und Knaben holzge Birnen essen

Peter Huchels Werk bleibt in Bewegung. Jüngst mit dem Band Havelnacht, in der Insel Bücherei, in Verbindung zu den Fotografien von Roger Melis gesetzt, leuchten ausgewählte Gedichte aus der langen Schaffensphase Huchels neben den Momentartefakten Melis‘, der selbst im Hause Huchels gelebt hat, sich in einem ähnlich dialogischen Verhältnis zu jener Havellandschaft bewegt. Letztere, das muss hinzugefügt werden, ist eine vergangene; nicht nur der Klimawandel hat all den Bildern aus Regen, Herbstnis, Sand, Mooren, Wald und unasphaltierten Dörfern zugesetzt, „Du gehst den Weg, den öden Weg, / der Regen geht die endlos nach.“ In Havelnacht einzutauchen, heißt auch gewesene Stimmungen erinnern, heute kann man genauso gut Dürrelieder aus derselben Region singen. Doch zurück zum Eigentlichen. Der Band ist fantastisch.

BLICK AUS DEM WINTERFENSTER

Kopfweiden, schneeumtanzt,
Besen, die den Nebel fegen.
Holz und Unglück
wachsen über Nacht.
Mein Meßgerät die Fieberkurve.

Wer geht dort ohne Licht
und ohne Mund,
schleift übers Eis
das Tellereisen?

Die Wahrsager des Waldes,
die Füchse mit schlechtem Gebiß
sitzen abseits im Dunkel
und starren ins Feuer.

Zusammengestellt von Lutz Seiler, der außerdem das Nachwort besorgt hat, behutsam Huchel und Melis‘ auf der Spur, inszeniert Havelnacht den Bezug zur Landschaft, indem die Gedichte selbst zu Landschaften werden. Man läuft durch sie, erfährt die Veränderungen. Aus eleganten Reimen, denen zuweilen noch etwas Verhaftetes anhängt, werden flügge Körper, die sich mehr und mehr herausnehmen, inkorporieren, trotz Abkehr oder gerade mit ihr, das Politische verhandeln, thematische Erweiterungen um Ophelia, Undine etc. zu einander in Beziehungen setzen. Egal wie sparsam oder netzvoll die Texte sind, der Rhythmus läuft bei Huchel mit, das Schrittmaß vollkommen ausgeprägt. Im Nachwort lässt Seiler Huchel selbst zu Wort kommen: „Oft trägt der Mensch dann die Züge der Natur, und die Natur nimmt das Gesicht des Menschen an. Aber nicht so sehr das Hinfinden des Menschen zur Natur, nicht so sehr das Einfühlen oder die Rückkehr in die Natur will in den Gedichten zum Ausdruck kommen, mehr noch ist es die Natur als Handelnde, die auf den Menschen eindringt und ihn in sich hineinzieht.“

Die Landschaft als eine Haut, oder die Haut als ein Garten. Zu durchstreifen mit Tellereisen, Körben, Reusen, voll Getier, Ertrag und einer alles niederhaltenden Schwere, die der Sommer allein zu nehmen scheint, passiert von Onkeln, jagenden Großvätern, Figuren, die wie Fallobst ins Bild purzeln oder schon immer an der Ecke sich anlehnten – Huchels Bilder sind eigentlich all one long song, ein einziges Bild.

Eine Legende bin ich,
ein Wasser grau bewegt,
in dem die Reusen
und Blätter schwimmen.

In Wurzelkörben
unterwaschener Weiden
schwankt mit dem Laich
der Fische mein Schmuck,
vom Maul der Hechte bewacht.

Melis‘ Fotos hingegen atmen auf geschickte Weise vielmehr den Habitus einer sauberen Kohlezeichnung. Die Ausschnitte skulpturaler, häufig verwaschener Bäume, Tümpel oder verwitweter Mauern sind oft bewusst unscharf wie Gemälde, wie Impressionismus in Graustufen. Mit einer kaum hell zu nennenden Sonne irgendwo im Bild, bloß eine Staffage, aber ohne Bezug zum Leben. Mit Vorliebe ist hier eine Sprache anwesend, die nicht viel Vokabular unter sich schart, dieses dafür immer neu zusammensetzt. Dazu mögen Huchels Gedichte spiegelbildlich agieren

Und in der Nacht
das Sausen in den Schlüssellöchern.
Die Wut des Halms
zerreißt die Erde.
Und gegen Morgen wühlt
das Licht das Dunkel auf.
Die Kiefern harken Nebel von den Fenstern.

[...]

Ich bin nicht gekommen,
das Dunkel aufzuwühlen.
Nicht streuen will ich vor die Schwelle
die Asche meiner Verse,
den Eintritt böser Geister zu bannen.

Mit Havelnacht liegt niemand falsch. Eine rundum gelungene Zusammenarbeit von Lutz Seiler und den ausgewählten Werken Roger Melis‘ und Peter Huchels, die gemeinsam etwas schaffen, statt sich gegenseitig zu verobsoletieren. Eine Erinnerung, lebendig zwischen den Buchdeckeln.

UNTER DER WURZEL DER DISTEL

Unter der Wurzel der Distel
Wohnt nun die Sprache,
Nicht abgewandt,
Im steinigen Grund.
Ein Riegel fürs Feuer
War sie immer.

Leg deine Hand
Auf diesen Felsen.
Es zittert das starre
Geäst der Metalle.
Ausgeräumt ist aber
Der Sommer,
Verstrichen die Frist.

Es stellen
Die Schatten im Unterholz
Ihr Fangnetz auf.

Peter Huchel · Roger Melis · Lutz Seiler (Hg.)
Havelnacht
Insel-Bücherei
2020 · 123 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
978-3-458-19487-3

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge