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Kritik

1000 km für das Tausendjährige Reich

Hamburg

April 1945: Die Alliierten haben bereits den Rhein überquert und fliegen Luftangriffe, die Rote Armee hat Danzig erobert und ist auf dem Vormarsch. Es sieht nicht gut aus für das Tausendjährige Reich. Vor dieser historischen Kulisse gibt Peter Keglevic in seinem Roman „Ich war Hitlers Trauzeuge“ den Startschuss für den großen Volkslauf „Wir laufen für den Führer“. Der Lauf findet zum 13. Mal statt. Wie jedes Jahr soll der Gewinner auch 1945 Hitler am 20. April zum Geburtstag gratulieren. Volksläufe zu Hitlers Geburtstag? Gab es die? Nein, Keglevic hat diesen Lauf wie auch die Ereignisse entlang der Strecke erfunden. Der Autor spult jedoch alles so dicht vor der tatsächlichen historischen Wahrheit ab, dass sich beim Lesen Fiktion und Wirklichkeit vermischen. Weil all das, was sich Keglevic da ausdenkt, zumindest hätte möglich sein können.

Tausend Kilometer in 20 Etappen stehen den wenigen Läufern bevor, die überhaupt rekrutiert werden konnten. Meist kümmerliche Gestalten, denen man die Strapazen des Laufs nicht zutraut. Leni Riefenstahl sieht sich in einem Dilemma: Schließlich will sie einen Durchhaltefilm über den glorreichen Lauf drehen und der Anblick der ausgemergelten und untrainierten Läufer ist alles andere als martialisch und heroisch. Zufällig sieht sie - kurz vor seiner Exekution – den Gefangenen Harry Freudenthal und schnappt ihn kurzerhand seinen Häschern weg. Der Jude Freudenthal ist der Protagonist des Romans und wird als blonder, großgewachsener Arier namens Paul Renner für Führer und Vaterland durch die Ruinen des Reichs laufen.

Während sich Harry -schlecht ausgerüstet und zunehmend mangelhaft ernährt – durch Deutschland quält, lässt er sein Leben Revue passieren. Und Schritt für Schritt, Kilometer für Kilometer, montiert Keglevic Harrys Vergangenheit: Die anfangs unbeschwerte Kindheit, die ersten Schikanen der Nazis und schließlich Flucht, ständige Gefahr und Todesangst.

Peter Keglevic gelingt etwas Besonderes: Bei allem Grauen, dass Harry durchstehen muss, liest sich der Roman wie eine Schelmengeschichte. Bei aller Gräuel, die als düsteres Hintergrundrauschen stets präsent bleibt, ist „Ich war Hitlers Trauzeuge“ auch ein humorvolles Buch. Wenn auch das Lachen (meist) im Halse stecken bleibt. Das Konzept, aus Harrys Lauf ums Überleben ein „Road-Movie“ zu gestalten, geht auf. Keglevic beschönigt und verharmlost die Naziverbrechen mit keiner Zeile, streut aber so geschickt merkwürdige Typen und skurrile Episoden ein, dass man sich - manchmal unter Tränen – getraut, zu lachen.

Das Pflichtbewusstsein der BDM-Maiden, die ihr Bestes geben um den Lauf zwischen den Fronten hindurch zu organisieren ist so absurd, dass eine komische Wirkung gar nicht ausbleiben kann. Und das wiederholte, unerwartete Auftauchen Leni Riefenstahls, die immer neue Anstrengungen unternimmt, um die ausgehungerten Läufer („in sich so zusammengesunken wie die Mumien in der ägyptischen Sammlung“) als Helden vor der Kamera zu inszenieren, ist als Running Gag, der seinen Effekt nie verfehlt.

Der Trupp wird von Etappe zu Etappe kleiner. Harry erkennt, dass er sich „in einem illustren Kreis von Deserteuren und Feiglingen“ bewegt; dass er mit „Befehlsverweigern, Simulanten und Selbstverstümmlern“ durch zerstörte Städte rennt. Er trifft auf Elend, Flüchtlingstrecks und Todesmärsche. Obwohl alle Zeichen auf Untergang stehen, werden an den Etappenzielen Grußkomitees zusammengekratzt, in Bayreuth gibt Familie Wagner den Gastgeber. Das alles ist gleichzeitig authentisch und absurd und hätte sich genauso - oder zumindest ähnlich -  abspielen können.

Irgendwo im zerbombten Deutschland greifen die Organisatoren des Laufs den amerikanischen Fallschirmjäger Joe Irving auf. Sportlich und unzerstörbar ist er Maskottchen und Schutzengel des Laufs. Er ist der „deus ex machina“ des Romans und taucht plötzlich immer genau dann auf, wenn man am dringendsten auf Rettung hofft. Joe bietet sich als „Perpetuum mobile“ an und lässt sich immer wieder gegen „beste Verpflegung“ austauschen. Nebenbei etabliert er ein schwunghaftes Wettgeschehen unter den vorrückenden Soldaten.

Angesichts des sich abzeichnenden Untergangs wird den Teilnehmern klar, dass ein Shake-Hand mit dem Führer nicht mehr so erstrebenswert ist, wie zu Beginn noch geglaubt. Man fokussiert sich lieber auf den 2. Preis: ein BMW-Motorrad und zwingt den Juden Harry in die Führungsrolle.

Harry läuft stoisch weiter, auch als er längst hätte aufhören können. „Etwas wollte nicht, dass ich mich in die Obhut der Amerikaner begab. Plötzlich wusste ich, was es war; es waren mein Vater und mein Großvater. Und die ganze Mischpoke. Sie wollten unbedingt, dass ich in den Bunker einzog.“

Harry läuft um sein Leben. Seine Geschichte ist die eines existentiellen Überlebenskampfes. Daran ist nichts Komisches. Darf vor diesem Hintergrund eine Story entstehen, die mit bitterem Humor versetzt ist? Ist ein Holocaust-Überlebender geeignet, der Held eines Schelmenromans zu sein? Ich meine: Ja! Peter Keglevic verniedlicht nichts, macht bei aller Situationskomik, die vielen Szenen eigen ist, keinen Klamauk. Ihm ist - nach immerhin 20 Jahren Recherche – ein geistreiches, (im besten Wortsinn) witziges und gleichzeitig nachdenkliches Buch gelungen.

Keglevic gibt seinem Protagonisten die Möglichkeit, seiner Opferrolle davonzurennen und den Auftrag seiner ermordeten „Mischpoke“ auszuführen. Er tut, was er tun muss und nutzt den entscheidenden Augenblick. Mission erledigt.

Peter Keglevic
Ich war Hitlers Trauzeuge
Knaus
2017 · 576 Seiten · 26,00 Euro
ISBN:
978-3-8135-0727-0

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