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Kritik

Suchbewegungen

1900 - Vegetarier, Künstler und Visionäre suchen nach dem neuen Paradies
Hamburg

Die Geschichte des Monte Verità in Ascona ist schon einige Male erzählt worden und immer wieder mussten magere Faktenlagen mit phantasiereichen und spekulativ ausgerichteten Hilfen überwunden werden. Es fanden sich in den letzten Jahren jedoch Autoren, die zumindest für gewisse Personen die Asconeser Zeiten genauer nachzeichnen konnten und so weitete und verbreiterte sich das Faktenmaterial auf spannende Art und Weise, so dass nun Peter Michalzik in seinem Panorama „1900 – Vegetarier, Künstler und Visionäre suchen nach dem neuen Paradies“ romanhafter als jemals zuvor möglich nachzeichnen konnte, was mit wem geschah nach der Jahrhundertwende im kleinen Tessiner Fischerdorf und wie es seine Reise zu einem Mythos antreten konnte.

Wir starten im Heute. Das Problem heute ist das Fehlen von Utopien. Die globalen Verknüpfungen sind derart komplex, dass einzelne Lebensweisen schlichtweg nicht mehr zu entkoppeln sind vom System des Ganzen. Selbst wer auf soziale Medien verzichtet und bspw. noch handgeschriebene Post austauscht, nutzt ein logistisches, technologisiertes Netzwerk, welches auf seine Weise tief bis nach Silicon Valley reicht. Der Klein-LKW, der den fair gehandelten Kaffee ausliefert, genauso: sein Navi, das verhindert, dass dieser durch Städte irrt, kann nur auf der Basis der Verknüpfung ins Globale seinen Job erledigen. Windkraftanlagen erreichen nur deshalb eine maßgebliche Effizienz, weil sie auf einem technologischen Boden wachsen, der verseucht ist von „ungrüner“ Philosophie und „schuldhafter“ Verstrickung.

Die „Dinge der Zukunft“, alles irgendwie Erleichterungsdinge, die in unseren Alltag finden, sind sämtlich so gewachsen, dass sie uns weit mehr in den Gang der Dinge knechten als es uns bewusst ist und uns die freie Wahl der Alternativen abnehmen: Wer denn Nutznießer der Erleichterung sein möchte, hat damit eine Entscheidung getroffen, die weit über sein eigentliches Begehr hinausgeht – und weiß es nicht einmal. Die Erleichterungsdinge sind so handsome, smart, klein und schmeichelnd, dass man die zerstörten Landschaften, aus denen man die in ihnen verbauten, seltenen Erden saugt, nicht sieht. Und sie treten als Lebensunterstützer auf, als Lebensbewältigungshelfer. Der Apparat wird zum Freund, der uns vor der tierischen Wucht der Welt beschützt bis in unsere Träume hinein. Er erlaubt uns puppenhaftes Dasein, ohne Schweiß und Makel, und manch einer schafft es mit seiner persönlichen „Anleitung zum Puppensein“ per Schminktipps berühmt zu werden und ein Auskommen zu finden. Kaum eines dieser Kinder der Zeit würde jemals aufbegehren gegen das Große der Zeit und freiwillig die Spielzeuge einer scheinbaren Autonomie opfern, das Errungene und teuer Erkaufte austauschen gegen weltverträglichere Klamotten, die es sowieso und ohnehin kaum gibt. 

Dass der puppenhafte Mensch keine Utopien mehr kennt, liegt in seinem Geborgensein im Schoß der Technokratie, die ihn bis ins Zähneputzen begleitet, wenn dort künstliche Nanopartikel das makellose Weiß herbeischeuern. Es bettet ihn bis zu seinem Tod in einer apparateüberwachten Intensivstation, er glaubt sich befähigt zu einer Herrlichkeit und Hoheit (der Mensch, dank seines Wissens der wahre Herrscher der Welt), die über die Natürlichkeit hinausgeht. Schminkprozesse und Kontrollapparate verdeutlichen diesen Machtanspruch, versinnbildlichen weitestgehende Autonomie: wer als Püppi einem selbstfahrenden Auto entsteigt und über einen roten Teppich läuft, hat es in die maximale Autonomie geschafft: kein Unbill kann ihm/ihr mehr etwas anhaben, im Gegenteil prasselt im Blitzlichtgewitter der höchstmögliche Lohn herbei – der Illusion der Berühmtheit, die verheißt, jetzt schon weiter aber auch nach dem Tod noch weiter zu leben.

Wir können solche ironische Beschreibungen für uns als nicht stimmig erklären und es nicht wahrhaben wollen, und doch sind wir alle „irgendwie so“ und agieren in einer Weise, die unser Wesentliches scharf von der Welt abgrenzen möchte. Es sind immer nur wenige, die ihr Wesentliches genau anders herum in einer konsequenten Öffnung zur Welt entdecken möchten, bis hin in Nacktheit und pureness, die keine Angst vor dem Regen haben und sich in die Sonne stellen - um diese Menschen geht es in dem Buch von Peter Michalzik. Man kann sie sich als bunter Haufen vorstellen, denen eines gemein ist: dass sie nicht so ticken wie der große Rest, das Große, das Gesamte. Ein schwaches Merkmal, aber immerhin eins, das man teilen kann in einer Art Bruderschaft der Andersdenkenden. Der Monte Verità steht für genau das. Obgleich nie als solches geplant, entwickelte sich aus einer kurbetrieblichen Keimzelle, die ein vegetarisches, zivilisationsfernes, „anderes“ Leben anstrebte, ein Kaleidoskop der unterschiedlichsten Weltbewältigungs-und Zivilisationsverweigerungsstrategien, die im Grunde nur darin miteinander kompatibel waren, daß sie sich vom Gros zuhause unterschieden, ob das Theosophen waren, Anarchisten, Vegetarier, Lebensreformer, Künstler oder Wanderprediger, die nachgewiesene große Buntheit, die sich über die Jahre in und um Ascona an ihrer eigenen Utopie versuchte, war keine auf das thronende Sanatorium begrenzte, sondern eine durch die Hoffnung auf ein bißchen eigene Insel, ein bißchen eigene Luft befördernde Anmaßung: wenn es dort Nackte auf Lichtwiesen gab, vielleicht konnte es dann auch unregulierte Parzellen für mich geben, meine Vision, meine persönliche Utopie. Vielleicht konnte man in einem Rahmen, der Unerhörtes zuließ, auch das eigene Unerhörte aussprechen und zulassen.

In diesem Sinn spinnt sich das Buch durch verschiedene Leben, das der Richthofen-Schwestern, Hermann Hesse taucht auf, ein schlafloser Max Weber, ein tuberkulöser, sich selbst heilender Reinhard Goering, ein radikal umtriebiger Otto Groß, der schöne Johannes Nohl. Allesamt Figuren, über die in den letzten Jahren im Zusammenhang mit dem Monte Verità geforscht und veröffentlicht wurde – und es ist Peter Michalziks Leistung in seinem Buch diese verschiedenen Stränge lebendig romanhaft zu entwickeln und erstmals in einer komplexen Gesamtschau zusammenführen. Harald Szeeman hatte 1978 in seiner grandiosen Monte Verità Ausstellung eine erste, wilde, halbgare Zusammenführung begonnen, in der sich alles mischte, was im Umkreis zu finden und auf irgendeine Weise kurios oder abweichlerisch war. Er sprach von einer sakralen Topographie. Seine Ausstellung ist noch immer die Basis dessen, was heute in einer frisch renovierten Casa Anatta auf dem Berg der Wahrheit wieder zahlenden Gästen aus Ascona präsentiert wird und das dazugehörige Archiv, das Szeeman anlegte, die Schatzkammer belegbaren Wissens vom Berg (heute beheimatet im Getty Research Institute, Los Angeles).

Man könnte sagen: Michalziks Buch ist der weiterentwickelte Roman zu Teilen davon. Roman nicht nur deshalb, weil es Anekdoten erzählerisch reiht, sondern weil es aus einer ungeheuren Gemengenlage von Daten und rhizomatischen Strängen eine stimmige Gesamtschau entwickelt, die auch die Persönlichkeitsnoten und Menschlichkeiten integriert, ja sogar sehr spezifisch darauf besteht: der Mensch, der Geschichten schreibt, ist auf eine sehr persönliche Weise der Grund für diese Geschichten. Michalzik entwickelt die Figuren und erhält daraus eine Art narrative Spannung, überstrapaziert nicht, wo Vermutungen zu Fakten wurden und andere Fakten alternativ berichtet. Wer das Material kennt, aus dem sich ein Roman um den Monte Verità speisen muss, der erlebt, wie sich der riesige Komplex an Forschungsdaten und Überlieferungen rundet, wie Michalzik geschickt Leben in die „Sache“ bringt, Dinge sprechen lässt, die geschehen (weil Dinge entsprechend ihrer figurativen Essenzen geschehen). Eine um psychologische Einsichten erweiterte ungeheure Detailtreue, auf die am Ende nicht in einem Quellenverzeichnis verwiesen wird, die aber, das weiß der Fachmann, korrekt erarbeitet ist und belegbar. Ich vermute, dass es eine zweite Version des Romans gibt, in der alle Fußnoten und Quellen eingearbeitet sind, nur würde in so einer Version, der angestrebte Fluss ins Lebendige zerstört werden und das gewollte Leseerlebnis verunmöglicht. Ganz selten muss man von (dann kleinen) Ungenauigkeiten oder Fehlern sprechen (Bsp. S. 389: die 15-jährige „Sängerin“ die er Reinhard Goering kennenlernen lässt, war die „Tänzerin“ Niddy Impekoven), aber nichts davon ist tragisch oder von größerem Belang. Selbst Stellen in den Quellen, die bereits anekdotisch verzerrt sind (und gerne zu sensationelleren Lesarten einladen) und aus denen Michalzik nacherzählt, werden von ihm in großer Sorgfalt nur vorbehaltlich integriert – besonders heikel immer wieder das ambivalente Verhältnis von Hermann Hesse zu Gusto Gräser, dem wanderpredigenden Bruder des Monte Verità Gründungsmitglieds Karl Gräser, das seit Jahrzehnten von der einen Seite („Hesse-Verwalter“ Volker Michels) bis zur Nichtexistenz heruntergespielt, von der anderen Seite („Gräser-Verwalter“ Hermann Müller) über Gebühr aufgebaut und strapaziert wird. Sich hier dazwischen entlang zu hangeln ist keine einfache Übung, die Michalzik jedoch sehr gut gelingt, und worin man die Stärke dieses Buches sehen kann: es ist erzählerisch unterwegs, aber nicht erfinderisch (auch dort wo es erfindet, ist es zumindest stimmig nachempfunden!), es hangelt sich vernünftig entlang einer Faktenlage, auch wenn diese mager und oft zwiegespalten ist, und entwickelt aus all den einzelnen Strängen das einzige Narrativ, das schließlich auf den Monte Verità in Ascona zutrifft: dort wurde das Paradies gesucht, von unterschiedlichsten Menschen auf unterschiedlichste Art und Weise. Es ist ein Ort, der Sehnsüchte ans Licht bringen half, nicht kraft einer besonderen Geo- oder Topologie, sondern aufgrund einer einzigen großen Gemeinsamkeit: um die eigene Utopie zu leben, muss man Nein sagen zum Betrieb der Herde, muss sich ausklinken aus den Verknüpfungen ins kranke Netz. Insofern ist der Roman um Ascona ein Bild dafür, dass jede Gesellschaft ihre Alternativen hat, sie vielleicht sogar braucht als Ahnung wirksamer Korrektive. Zur Jahrhundertwende 1900 jedenfalls waren Gedanken wirksam, denen man eine Realisierung tatsächlich noch zutraute. 

Nach unserem Einstieg oben ins Thema würde sich jetzt die Frage stellen, wo denn die heutigen Alternativen zu suchen wären? Es könnte sein, dass uns Suchbewegungen von heute durchaus wieder zurückführen zu Suchbewegungen von damals. Es könnte aber auch sein, dass wir in einem viel größeren Dunkel tappen als die Menschen und Autoren von 1900, einfach deshalb, weil wir insgesamt technokratischer leben und uns von wirklich freien Denkweisen sehr weit entfernt haben. Das Strahlen des Jetzt könnte genau das Dunkel sein, das unsere nachhaltige Weiterentwicklung verhindert. Die Erleichterungswelt könnte der Einstieg sein zu einer Hölle, aus der niemand mehr entkommt.

Peter Michalzik
1900 - Vegetarier, Künstler und Visionäre suchen nach dem neuen Paradies
Dumont
2018 · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-8321-9873-2

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