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Kritik

„Ein Theater der Liebe im Zeichen der Kunst“

Die Geschichte von Boris Pasternak, Marina Zwetajewa und Rainer Maria Rilke
Hamburg

Einem überbescheidenen Autor Peter Michalzik ist mittels seines im Aufbau Verlag erschienenen Buches Die Liebe in Gedanken gelungen, was er selbst im Nachwort als beinah nicht zu leisten skizziert:

„Man kann sich kein hinreichendes Bild machen, was im Jahr 1926 zwischen Pasternak, Rilke und Zwetajewa geschah. Man spürt, dass es etwas Großes war, aber man versteht es nicht. Ich versuche, mich dem Vorgang zwischen den dreien so weit als möglich anzunähern.“

Es gehe hier „nicht um Wissenschaftlichkeit und Eindeutigkeit“. Das Buch sei „eine Darstellung einer außerordentlichen Geschichte für Leser, es geht darum, die Geschichte zu erzählen.“

Der entsprechende Untertitel des Buches „Die Geschichte von Boris Pasternak, Marina Zwetajewa und Rainer Maria Rilke“ lässt dann also ein Sachbuch erwarten, das biographische Leerstellen wohl recht ausladend in erzählender, aber eben doch erkenntnisfördernder Weise füllen wird.

Ungesichert nämlich, so der Autor hinsichtlich der Korrespondenz zwischen Zwetajewa und Pasternak, bleibt allemal so manches:

„Es fehlen weiterhin Briefe, die existierenden Briefe sind manchmal bruchstückhaft und schwer zu verstehen. Nur ein Teil der Briefe [allein die auf Pasternaks Austausch mit Zwetajewa gemünzten mehr als 200 zwischen 1923 und 1936, welche 2004 in Moskau endlich in Buchform erschienen, R.S. nach Michalzik], konnte rekonstruiert werden, die Textgrundlage ist unzuverlässig. Vom bestehenden Textkorpus der russischen Ausgabe ist bisher nur ein Teil ins Deutsche übersetzt.“

Michalzik hat es also mit einer Heldin und zwei Helden zu tun. Was wird er forcieren: Die Darstellung eines homogenen Gesamtkunstwerks mit dem Etikett „Liebe per Briefaustausch“? Oder besonders Abstufungen, auch Sympathieabstufungen hinsichtlich der drei Akteure?

Die Antwort lautet glücklicher- und notwendigerweise: beides.

Eine Liebe also, ausgedrückt ausschließlich in Briefen (o ja, man plante auch Treffen, man plante), die drei herausragende Literaten in den 1920er Jahren einander zustellen bzw. zuleiten lassen.

Dazu holt der Autor durchaus weit aus, beleuchtet nämlich neben der Moskauer Literatenszene mit ihren niedergehenden und aufstrebenden Schulen auch die Liebe als solche, hat in die fünf Kapitel seines Buches drei „Exkurse über die Liebe“ integriert (zitiert auch den „großen Liebestheoretiker“ Niklas Luhmann), präsentiert darin schließlich im Sinne eines Kontrastprogrammes sogar eine Kennzeichnung der andersartigen Liebe heute:

„In Zeiten der Genderbewegung ist die Liebe nicht mehr privat, sie ist Teil einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung und ein Teil der persönlichen Orientierung. Aber merkwürdig, auch als überzeugter Anhänger der Genderbewegung kann man dabei einen Verlust empfinden.“

Trotz der elektrisierenden Ausstrahlung der jungen Sowjetunion gerade auch im hier besonders beleuchteten Jahr 1926 mit seinen intensiven Reiseaktivitäten nicht zuletzt unter Literaten – in die Sowjetunion fuhren damals ja Egon Erwin Kisch, Ernst Toller, Walter Benjamin – und all deren Beschreibungen eines so dynamischen Lebens, spielt sich der untersuchte Briefwechsel in anderen Sphären, anderem Tempo ab: 

„Was Pasternak, Zwetajewa und Rilke taten, verweigerte sich dezidiert dem Lauf der Zeit. Es beharrte. Es war nicht oberflächlich, nicht künstlich und nicht schnell. Und doch war es auf eine versteckte Weise modern. Sie beharrten auf etwas, das sehr einfach zu benennen, aber schwer zu bestimmen und zu begreifen ist, sie beharrten auf Poesie und Liebe, auf Dauer und Konzentration, auf Gefühl und Traum.“

Poesie, Liebe, Gefühl, Traum. Aber das sei bitte nicht als „Schwärmerei“, gar „heiliges Delirium der Kunst“ zu apostrophieren, wie der Autor entschieden der seiner Meinung nach etwas diffusen Einschätzung Susan Sontags widerspricht, der ansonsten „großen Essayistin“, in ihrem insgesamt auch durchaus „schönen Aufsatz“, den sie der amerikanischen Übersetzung der Briefe von Pasternak, Rilke und Zwetajewa voranstellte (einer Ausgabe, so Michalzik, die ansonsten der deutschen weitgehend gleiche).

Nein, bei aller schwierigen Verständlichkeit hier und da: diffus sei dieser Briefwechsel „an keiner Stelle“ sondern „im Kern immer von stechender Klarheit.“

Zu dieser Einschätzung kann der Autor wohl auch dadurch gelangen, dass er für sich eine recht bestimmte Reihenfolge hinsichtlich des poetischen Liebesausdrucks der drei ausgemacht hat:

Zwetajewa, dann  Rilke, dann Pasternak. (Letzterer aber wiederum durchaus als der Champion einer besonderen Spielart von Liebe.):

“Wenn irgendwo, dann hat Rilke, der Großerotiker des Briefes, hier seine Meisterin gefunden.“ Denn „die Höhe und Heftigkeit des Austauschs zwischen Zwetajewa und Rilke ging eindeutig von Marina aus. Rilke war gewohnt, in Briefen die Richtung vorzugeben, hier aber war er lediglich das reagierende Moment.“

Um unseren Blick erst recht auf den Siechenden im Musenturm des schweizerischen Muzot zu richten (Rilke stirbt ja schon am Ende des ominösen Jahres 1926), legt der Autor noch nach:

„Rilke, der kranke Rilke, war zu wenig er selbst, um Marina Zwetajewa, dieser Naturgewalt, zu begegnen und standzuhalten. Sie war zu viel für ihn. Er hatte Angst vor ihr.“

Pasternaks Liebe zu Rilke dagegen (von dem der Knabe Pasternak einen unauslöschlichen Eindruck als eines Mitreisenden im Zug in Russland bewahrte) sieht Michalzik eher auf der Ebene der  notwendigen Formierung seiner eigenen Künstlernatur:

„Dieser Rilke war ein Phantasma, eine bloße Liebe, die Pasternak tief in seinem Inneren wie einen geheimen Schatz mit sich herumtrug, er war seine Idee vom wahren Dichter.“

Doch gilt ein Großteil des Autors Zuwendung trotzdem Pasternak, ihm gehört sein übergeordnetes Mitgefühl, ihn namentlich möchte er im Nachhinein ein wenig herausführen aus seiner Not.

Not mit der Zwetajewa nämlich, obwohl Pasternak auch mit männlichen Konkurrenten – vornehmlich leichteren Geblüts - wie Ilja Ehrenburg seine liebe Mühe hatte. Und hat denn Pasternaks Sorge um die Vollblutdichterin nicht, wie der Autor für möglich hält, dahingehend gefruchtet, dass er sie von ihren beständigen Selbstmordgelüsten einige Jahre abhalten konnte, bis sie ihnen 1941, zurückgekehrt in die missgünstige Heimat, doch nachgab?

Beide sind sie ja schließlich die Moskauer Kinder, aufgewachsen in sehr ähnlichen Elternhäusern mit ihrem gemeinsamen Gesetz der „Heiligkeit der Kunst“, Geschwister gleichsam, auseinandergerissen dann: sie zunächst in Berlin, dann mit Stipendium in Prag, schließlich im französischen Exil (Paris und der Vendée): sie die „Weiße“, er der „Rote“ daheim. Was sollte auch Rilke trotz deklamatorischer Lobpreisung dessen aufstrebenden Werks schon anfangen mit Pasternaks „erhabener Tragik der Revolution“; einem Ton, den die Zwetajewa ja schon nicht mochte mit „ihrem lyrischen Subjektivismus, wo Pasternak doch „seinen historischen Objektivismus“ ins Feld führte.

Eine Fehlausrichtung in ihren Augen, deren Kommentierung sie sich aber in allen Details hingab, auf diese Weise dem Kameraden, dem Geliebten von immenser Orientierung:

„Er brauchte Marina als Schutz und als Medium, sie war der einzige Mensch, dem er vertraute, dem er mehr vertraute als sich selbst.“

Und so verdient sich Pasternak wegen seiner selbst auferlegten Formel der Liebe als Leid des Autors besonderes Verständnis, bekommt das du angeboten:

„Leiden, aber mit ihr, so war jetzt seine Devise. Das ist eine Figur großer Liebe. Auch wenn Liebe Leid bedeutet, sie bleibt Liebe. Darin war Boris groß.“

Ach, und was hat es nicht zusätzlich auch  noch auf sich mit der „uneindeutigen Geschlechteridentität“ sowohl Pasternaks als auch Zwetajewas, von welcher der Autor, Catherine Ciepiela zitierend, spricht?

Und ist eine Liebe zu dritt denn überhaupt möglich, wenn wir nur der Zwetajewa zuhören:

„Hör, Rainer, von Anfang an, dass Du’s weißt. Ich bin schlecht. Der Boris ist gut.“

oder

„Bald bekommst Du etwas von mir über Dich. Und außerdem Rilkes Elegie an mich. Ich liebe Dich.“

Für all diese Haltungen führt der Autor in seinem Buch zahlreiche, optisch klar abgesetzte Auszüge aus ihren Briefen an (nur einen einzigen Brief allerdings bekam Pasternak von Rilke, nur einen schickte er zurück), bringt uns so die drei in ihren Liebesbekundungen nahe. Es schrieb

Zwetajewa an Rilke:

„Der erste Hund, den Du nach diesem Brief streichelst, bin ich. Pass auf, was er für Augen macht.“

„Ohne Brief – ohne Dich, mit Brief – ohne Dich, mit Dir – ohne Dich! In Dich! Nicht sein. – Sterben!“

Und dem schon toten Rilke nach:

„Liebster, mach, dass ich manchmal von dir träume.“

Rilke an Zwetajewa:

„Wellen, Marina, wir Meer! Tiefen, Marina, wir Himmel.
Erde, Marina, wir Erde, wir tausendmal Frühling, wie Lerchen,
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft.“

Pasternak an Rilke:

„Ich liebe Sie, wie die Dichtung geliebt werden will und soll. […] Ich liebe Sie und kann stolz darauf sein, dass ich Sie durch diese Liebe nicht erniedrige, weder ich, noch meine größte und wahrscheinlich einzige Freundin.“

Rilke an Pasternak:

„Ich bin so erschüttert durch die Fülle und Stärke seiner Zuwendung, dass ich mehr heute nicht sagen kann: aber das beiliegende Blatt schicken Sie dem Freunde von mir nach Moskau zu. Als einen Gruß!“ (Rilke an Zwetajewa mit der Bitte um Weiterleitung an Pasternak)

Rilke hatte 1925 einige Gedichte Pasternaks in einer Anthologie Ilja Ehrenburgs gelesen.

Im März 1926 teilte Pasternaks Vater Leonid dem Sohn aus Berlin mit, Rilke habe ihm einen Brief zur Weiterleitung an ihn in Moskau geschickt, in dem er über seine von Valéry übersetzten Gedichte in einer Pariser Zeitschrift „mit Entzücken“ spreche.

Der geht dem Ungeduldigen in der Abschrift seiner damals in München lebenden Schwester endlich am 3. April zu.  Diesen habe Pasternak in einem Umschlag mit der Aufschrift „Das Teuerste“ stets bei sich getragen, wohl gar bis zu seinem Tod 1960.

Zwetajewa an Pasternak:

„Borjuschka, ich habe noch nie einen geliebten (?) Menschen geduzt, es sei denn im Scherz, aus Unbehagen über seine plötzliche, offenkundige Leere um ein Loch zu stopfen. Ich sieze Sie, doch bei Ihnen, bei Dir, bricht sich das Du unaufhaltsam Bahn, mein großer Bruder.“

Pasternak an Zwetajewa:

„In mir ist ein Abgrund weiblicher Züge. Von unendlich vielen Seiten kenne ich das, was man ‚leidender Zustand‘ nennt. […] Und in meinem Roman habe ich eine Heldin, keinen Helden, das ist kein Zufall.“

„Ich habe das Gefühl, als schöbest du mich ein wenig von Rilke fort.“

„Ich bin bereit das zu ertragen. Das Unsrige bleibt uns. Ich nannte es Glück. Lass es Leid werden.“

Neben dem Faszinosum einer „Liebe im Zeichen der Kunst“ gilt Michalziks wesentliches und mitreißendes Interesse in diesem Buch der jungen Sowjetunion in den nachrevolutionären Jahren.

Es ist Leserinnen und Lesern zu empfehlen, die sich neben all ihrem Wissen über die Sowjetliteratur zusätzliche, vielleicht auch auffrischende Impressionen mittels der sachdienlichen Fabulierkunst des Autors erwerben möchten. Auch solchen natürlich, denen das Andenken an den Reiz des Briefeschreibens in seiner Bereitschaft zur Konfession lieb ist. Leserinnen, die ihre Liebesfähigkeit an derjenigen der Heldin des Buches, Marina Zwetajewas, überprüfen möchten; Lesern, die sich fragen, wie und ob das gelingen kann: Größe zu gewinnen als gleichsam körperlos vorgehender Mann, wie Rilke hier und Pasternak. Um im Dreierverbund trotzdem als Giganten einer eigenen und edlen Spielart von Liebe vorgestellt zu werden.

Peter Michalzik
Die Liebe in Gedanken / Die Geschichte von Boris Pasternak, Marina Zwetajewa und Rainer Maria Rilke
aufbau
2019 · 333 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-351-03767-3

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