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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
Kritik

Isochronen und abknickende Vorfahrten

Hamburg

Der in Weimar lebende Lyriker und Philosoph Peter Neumann gehört zur jüngeren Generation der deutschsprachigen Lyrik: 1987 in Neubrandenburg geboren und damit fast ausschließlich im Kontext des "neuen", wiedervereinigten Deutschland sozialisiert, könnte man ihn rein zeitlich betrachtet als Exponenten einer wie auch immer beschaffenen ostdeutschen Nach-DDR-Literatur einordnen. Solche Zuweisungen sind meist nicht viel mehr als müßige Kategorisierungen, denn sie fassen mühsam etwas zusammen, das insbesondere in Zusammenhang mit lyrischem Schaffen fast immer an der Individualität von Schreibenden vorbeigeht. Diese Verengung auf Raum und Zeit sei hier dennoch erwähnt, stellt sie doch im vorliegenden Buch so etwas wie eine auktoriale Selbstbegrenzung dar und bezieht sich ganz direkt auf Thema und Titel von Neumanns drittem Gedichtband "areale & tage", der in diesem Frühjahr in der Dresdner edition AZUR erschien.

Freilich ist die konstatierte Raum-Zeit-Beschränkung gerade der Quell des Buches, dem Neumann ein Zitat von Hans Magnus Enzensberger vorangestellt hat, in welchem dieser "linien, die die risse und verwerfungen der geschichte zeigten" als Indikatoren für die "viele[n] ungleichzeitigkeiten in unserer welt" einfordert und vorschlägt: "man könnte sie isochronen nennen." Die Texte in "areale & tage" sind durchgehend in den neuen Ländern zu verorten, sie spielen mit Erinnerungen und Momenten, mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, mit der Relevanz eben jenes Ungleichzeitigen an einem Ort, von dem Enzensberger spricht. Ein Verfahren, das sich auf diesen Versuch einlässt, zwischen Ort(en) und Zeit(en) einen ungewohnten Wirkungszusammenhang herzustellen, ist das so genannte "deep mapping". Es begnügt sich nicht mit der zweidimensionalen Topographie gewöhnlichen Kartenmaterials. Es bezieht sich vielmehr im literarischen Kontext auf eine Form des Schreibens, die thematisch mit räumlich begrenzten, oft ländlichen Gebieten verknüpft ist und ursprünglich, aus den USA kommend, einen dokumentarisch-literarischen Charakter aufwies. Ein populäres Beispiel in deutscher Sprache wäre vielleicht Judith Schalanskys faszinierender "Atlas der abgelegenen Inseln", in dem sie kleinen, den meisten Menschen völlig unbekannten Eilanden historische Ereignisse und Geschichten zuordnet und dabei Form und Gestalt der Kartendarstellung eine enge Beziehung mit dem literarischen Gehalt eingehen. Peter Neumann hat diesen Anspruch auf das Schreiben von Gedichten ausgeweitet, und er geht dabei noch einen Schritt weiter, verzichtet gänzlich auf eine klassische topographische Darstellung der von ihm porträtierten Landstriche: deren Form und Gestalt werden eins mit der sprachlichen Ebene. Seine lyrischen Isochronen durchziehen die Gedichte fast unbemerkt:

"[...] die ähnlichkeit, wie sie / zwischen einem großen und einem kleinen / kreis, einem areal und der höhenkarte / dieses areals besteht. mit jedem tag fällt mehr / gelände hinter diesen horizont zurück, / wie jede stunde ihren ort, jeder querbalken / seine stille hat. [...] da haben wir fußball gespielt, ich in der vergangenheit, du in der zukunft, das tor / blieb leer bei einem spielstand von tagundnachtgleiche. [...]"

Sucht Neumann bei aller lyrischen Individualität also doch vielleicht das Verbindende, vielleicht gar das einem diffusen Heimatbegriff Nachspürende in seinem Gedichtband? Es gibt durchaus Anhaltspunkte dafür, allerdings keine, die im neu gegründeten "Heimatmuseum" (O-Ton Horst Seehofer) als die geforderte Leitkultur stützend empfunden würden. Peter Neumanns Heimatbegriff ist ein durchweg gebrochener, der allenfalls am Rande als politisch wahrgenommen werden könnte:

"[...] also auf der trümmerinsel / steht kein haus mehr, dort stand mal ein haus, fußwärts / einer mächtigen kiefer. sprengkabel bis zum / oberbach. tief im stein abgeformt eine strecke für / panzer, planierraupen, spähwagen. sensibles / material, schwer zu verbinden. da waren die hohen / zäune, das rasseln der ketten. röhricht und ried.[...]"

Ein traditioneller Heimatbegriff scheint gerade einmal in der "mächtigen kiefer", dem "röhricht und ried" auf, in weit auseinander gezogenen Benennungen, die durch das nicht mehr existente Haus als intimer Wohnstätte von Ortsansässigen nur noch in der Erinnerung sekundiert werden. Der Rest ist das Ergebnis von Gewalt, gemahnt an bewaffnete Konflikte und ist auch in dieser Hinsicht mit einem dem Gedicht nachgestellten Zitat von der "erschröckliche[n] eroberung und blutige[n] zerstörung der stadt new brandenburg, 1631" mit dem Dreißigjährigen Krieg überzeitlich verknüpft. Solchen Texten stehen die wenigen reinen Momentaufnahmen entgegen, in denen das "deep mapping"-Konzept weit in den Hintergrund tritt und in denen der Heimatbegriff eher implizit mitschwingt:

"schnitt // in der rechten / das messer. // quer zur tafel die klinge: / wildbraten. // alle sitzen am tisch. // dir / läuft der saft / von den fingern."

Aus Zeilen des Gedichtes "beim verlassen einer abknickenden vorfahrtstraße in gerader richtung" und seiner lakonischen Schussbemerkung

"[...] so früh wir auch / kommen, wir kommen immer zu spät."

wäre, wie auch bei anderen Texten des Buches, ein latenter Bezug zur DDR und ihren "längst erloschene[n] dörfer[n]" sowie zur ökonomischen Kolonisation durch die alte BRD zu erkennen; dies sind aber stets nur mögliche, nie unmissverständlich zwingende Verständnisansätze. Überhaupt scheint das gleichermaßen Faszinierende wie Problematische des "Deep-mapping" zu sein, dass (zumindest in Peter Neumanns "areale & tage") nie ganz klar wird, was an Essenz tatsächlich aus dem Text heraus- und was gegebenenfalls in ihn hineingelesen wäre. Das schafft zwar Rezeptionsfreiräume, die immer zu begrüßen sind, unterläuft jedoch den dokumentarischen Aspekt des reinen Protokollierens, der dem Verfahren seine eigentliche Legitimation verleiht; am konsequentesten setzt Neumann dies im zweiten Kapitel "abends leuchten die strümpfe vom grund" um, in welchem er alle Texte als Dialoge anlegt, deren Protagonisten sich gegenseitig die Beobachtungen zuspielen.

Wie stark dieser programmatische Bezug aber auch sprachlich seine Wirkung entfalten kann, zeigt sich besonders an Stellen, in denen Kommunikation reflektiert wird, ein überörtliches, überzeitliches Unterfangen bei Freunden, die sich offenbar lange nicht mehr gesehen haben:

"[...] wo haben sich / unsere wege getrennt, wo nehmen / die wege uns wieder auf / das gespräch, ein bedarfshalt, die worte / zeitverfugt, ein delay [...]"

Das Motiv des Reisens per Zug durchzieht schließlich den gesamten Band über alle vier Kapitel hinweg, nicht zuletzt durch ein Langgedicht, welches in mehreren Fortsetzungen immer wieder auftaucht und schließlich mit einem fast zärtlich empfundenen thüringischen Dialektwort endet:

"und auf einmal ist da / die stimme des schaffners, / und die nennt sich: weimor."

 

Peter Neumann
areale & tage. Gedichte
edition AZUR
2018 · 80 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-942375-32-0

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