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Kritik

Rohstoff

Hamburg

Das Foto, das Hans Jürgen Balmes in seinem erhellenden und kundigen Nachwort erwähnt, habe ich im Netz nicht finden können, aber andere, die Peter Orlovsky mit seiner Familie, mit der Mutter und den Geschwistern zeigen. Bilder, die eine bedrückende Aussichtslosigkeit erahnen lassen. Die großen Hände und der leere Blick.

Aufgewachsen in großer Armut mit einer allein erziehenden Mutter, und vier Geschwistern von denen drei gravierende psychische Probleme entwickelten, muss Orlovsky irgendeine geheime Quelle in sich angezapft haben, um all das Elend und die Aussichtslosigkeit in Kreativität und Lebenslust zu verwandeln. Etwas, das es ihm ermöglichte den grauen Alltag, die Armut, die seine Kindheit mit vier Geschwistern und einer___STEADY_PAYWALL___ tauben Mutter, bestimmt hatten, in Farben zu tauchen, den Moment zu feiern, ohne irgendetwas zu beschönigen. Bis zuletzt hat Orlovsky auf seine Rechtschreibfehler bestanden, die auch in der von Marcus Roloff übersetzten Auswahl aus Orlovskys wohl bekanntestem Gedichtband „Clean Ashole Poems & Smiling Vegetable Songs“ beibehalten wurden. Erschienen ist der zweisprachige Band „Sauber abgewischt“ in der Heartbeat Edition der Stadtlichterpresse, die 1996 gegründet wurde, um sich der Herausgabe bislang unübersetzte Werke der Beat-Generation zu widmen.

Peter Orlovsky ist 24 Jahre alt, vor drei Jahren hat sich Allen Ginsberg auf den ersten Blick unsterblich in ihn verliebt, der Anfang einer großen, nicht immer einfachen, aber lebenslangen Liebesgeschichte, als er sein erstes Gedicht schreibt. Über Regenbogen und ganz alltägliche Dinge. Eine absolut gegenwärtige und voraussetzungsfreie Feier des Moments. Auf unvergleichliche Weise entfesselt Orlovsky in seinen Gedichten die poetische Kraft des Alltäglichen. In seiner ureigenen Poetologie klingt das so:

„Was nutzt das Leben, wenn ich aus meinem Wohnland kein Paradies
machen kann?
Durch diesen Tropfen Zeit auf meinen Augen
wie die Dauer eines roten Sterns auf ´ner Zigarette
scheint mir das Leben schneller zerschnitten als mit Scheren.
Ich weiß wenn ich mich rasieren könnte wären die Wanzen aus meinem
Gesicht für immer verschwunden […]

Ich wurde geboren um mich an ein Liebeslied zu erinnern – auf einem
Hügel formt ein Schmetterling einen Becher aus dem ich trinke
während ich über eine Brücke aus Blumen spaziere.“

Philosophische Betrachtungen gehen Hand in Hand mit banalen Tätigkeiten, alles zählt und nichts ist wertvoller oder minderwertiger als das andere. Orlovsky besingt sein Bett, führt ein „Einzeiler- Ausschussbuch“ voller wunderbarer Aphorismen, allesamt Collagen aus Geistesblitzen und Beobachtungen, der heilige Franziskus steht neben dem schizophrenen Bruder, der – wie andere Geschwister Orlovskys auch – eine Zeitlang in der gemeinsamen Wohnung mit Allen lebte. All das erfährt man in den klaren unaufgeregten Anmerkungen, die von Brecht über Kafka bis Lenin und den Größen der Beat-Generation prägnante Erläuterungen bereitstellen. Auch das ist zum Teil Programm, weil es hier um etwas anderes geht als Rechtschreibung oder kulturellen Kanon. Eher um eine Bildung der Herzen.

Alles kann Orlovsky als Rohstoff für ein Gedicht dienen, vom Alltäglichen über Träume, zu Heiligen und eigenen Familienmitgliedern, Comicfiguren und nicht zuletzt der Natur. Für alle und alles hat Orlovsky eine schier unerschöpfliche Zärtlichkeit. Vielleicht ist es nicht zuletzt diese Traumlogik, die spielend selbstverständlich alles mit allem verbindet, die seine Gedichte so anziehend, gewissermaßen magisch, macht.

Die Gedichte fließen, chronologisch angeordnet, thematisch von Träumen zu Tränen. Alles scheint sanft und unaufdringlich, und dennoch zwingend aufeinander aufzubauen. Sich zu entwickeln, indem es sich immer weiter aufwickelt. Wie Licht, das sich in einer Träne bricht, und dann ist da ein durch und durch bezaubernder Regenbogen.

Orlovsky selbst schrieb, er bringe „Beobachtungen zu Papier […], die mein Augenhirn oder Hörgedächtnis kitzeln, oder gefühlvolle Schnappschüsse, die mir unter die Haut gehen [...]“

Entgegen der Rezeption in der Orlovsky zeitlebens im Schatten Allen Ginsbergs stand, hinterließ Peter bei jedem, dem er begegnete Eindruck. Patti Smith hielt ihn für „das Geheimherz“ der Beats. Die von Marcus Roloff kongenial übersetzen Gedichte demonstrieren, wie dieses Geheimherz das Leid, die Enge und Unterdrückung, die für die Epoche in der er aufwuchs und lebte bestimmend waren, durch den Aufbruch in die Unmittelbarkeit, wie ihn die Beat Generation anstrebte, in eine Explosion von Eindrücken verwandeln konnte. Hans Jürgen Balmes bescheinigt Peter Orlovsky in seinem schönen und kundigen Nachwort „schamlose Unschuld“.

         „[…] aber schreib nur auf was
         du im Augenblick am stärksten empfindest
         & du machst nichts falsch
         denn du kannst schreiben schlicht
         auf ewig – der Stift versteht seinen Job -
         Frierend steht die Freiheit da [...]“

Peter Orlovsky
Sauber abgewischt
Zweisprachig, aus dem Amerikanischen von Marcus Roloff, mit einer Einführung von Gregory Corso und einem Nachwort von Hans Jürgen Balmes.
Stadtlichter Presse
2020 · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-947883-07-3

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