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Kritik

Von hinten wie von vorne: A-N-N-A

Hamburg

„Immer wenn es regnet, muss ich an dich denken. Anna, wie war das da bei Dada. Du bist von hinten wie von vorne A-N-N-A“, sprechsingt Max Herre 1997 im Song Anna, der auf MTV und im Radio auf Heavy Rotation läuft. Wer hätte vermutet, dass die HipHop-Combo Freundeskreis mit dem sexy-traurigen „A-N-N-A“ auf eine Dame um die achtzig Bezug nimmt? Tatsächlich zitiert die Band in ihrem Song das Gedicht An Anna Blume des Malers, Dichters und künstlerischen Multitalents Kurt Schwitters (1887 – 1948), der mit dem Kunstkonzept Merz seine eigene Version von Dada schuf.

Dieses Jahr wird Schwitters berühmtes „Merzgedicht 1“ hundert Jahre alt, doch Anna Blume ist weit davon entfernt, in Ruhestand zu gehen. Schließlich hatte sie sich von einer Gedichtfigur und vom Merz-Aushängeschild schon sehr früh zur eigenständigen Kunstfigur entwickelt. Und ein Ende ihres metamorphischen Lebenslaufs ist auch 2019 noch lange nicht in Sicht.

Kulturwissenschaftler und Publizist Peter Struck feiert das „seltene Gewächs“ nun in seinem Jubiläumsband Anna Blume, unverblüht!, und liefert faszinierende Einblicke in den kalkulierten Nonsens von Dada. Für Struck ist das Thema kein Neuland: 2017 veröffentlichte er eine Monographie zur Hannoverschen Künstleravantgarde der 1920er-Jahre, Zehn Jahre Zinnober, die er selbstbewusst eine „kurzweilige Chronik“ nannte.

Es klingt vielleicht ein wenig nach Selbstüberschätzung, aber Struck hat schon recht, wenn er auch seine „Akte Anna Blume“ so betitelt. Lebendig zeichnet er in seiner neuen Publikation die 100-jährige Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte des international bekannten Gedichts nach. Im zweiten Teil des Buchs versammelt Struck dann erstmals die schönsten und skurrilsten Anna-Blume-Hommagen und Persiflagen, zu denen das verquere Gedicht geradezu einlädt:

Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir!
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, ---- wir?

So beginnen die Zeilen an Anna Blume, die „ein Vogel“ hat und auch sonst aus dem Rahmen fällt.

Blau ist die Farbe Deines gelben Haares,
Rot ist die Farbe Deines grünen Vogels. (…)

Ich träufle Deinen Namen.
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.

Schwitters ist nicht ganz unschuldig daran, dass An Anna Blume wie kaum ein anderes modernes Gedicht enorme Aufmerksamkeit erregt – und das nicht nur, weil sein lyrisches Ich das Objekt seiner Zuneigung liebevoll ein „tropfes Tier“ nennt (und durchdekliniert). Mit Hilfe pfiffiger Marketingstrategien und tatkräftiger Unterstützung seines Verlegers und eines Freundes stellt Schwitters sicher, dass sein Dada-Gedicht von sich reden macht und in aller Munde bleibt. Kann man heutzutage seine Kunst mühelos über die sozialen Medien und die eigene Webseite bewerben, musste man damals auf ungleich aufwändigere PR-Maßnahmen zurückgreifen: auf Zeitungsinserate zum Beispiel, oder Plakate an Litfaßsäulen. Peter Strucks Band wirft daher auch ein Schlaglicht auf ein zu Unrecht vernachlässigtes Thema: die Shitstorms avant la lettre, für die ja auch im jungen 20. Jahrhundert so manche kontroverse Medien- und Kunstaktion eine Steilvorlage lieferte.

Was kann jetzt noch groß kommen?“, schreibt Struck dann mit Blick auf die frühen Zwanzigerjahre, als Schwitters – in der NS-Zeit als „entarteter“ Künstler verfemt - bereits einiges an Spott und Kritik hatte einstecken müssen. „Nun, zwei Parodien hinken 1921 und 1923 noch nach.“ In Sätzen wie diesen ist Strucks geistige Nähe zum Merzkünstler überdeutlich zu spüren.

In Wirklichkeit kommt die Kritik an Anna meist nicht harmlos „dahergehinkt“, vielmehr ruft Schwitters' Persiflage auf Liebesdichtung die heftigsten Reaktionen hervor. Anna, das „ungezählte Frauenzimmer“ mit dem grünen Vogel und den roten, „in weiße Falten zersägt[en]“ Kleidern, ist dem Bildungsbürgertum der 1920er-Jahre zu exzentrisch, zu unangepasst. Mancher rät Schwitters, er solle seinen „defekten Hirnkasten“ heilen, andere reagieren mit selbst gedichteten Parodien auf das Ulk-Gedicht. Dass sie damit den vielseitigen Künstler nicht zum Schweigen bringen, sondern Anna Blume nur zu größerer Bekanntheit verhelfen, ist ein wiederkehrendes ironisches Moment in der Literaturgeschichte. Rund vierzig Jahre später ist auch Allen Ginsbergs Langgedicht Howl ein ganz ähnliches Schicksal widerfahren.

Eine kleine Kostprobe aus einem Schmähgedicht:

Du ehrleibiger Gierlappe
Du gierst und tönst auf pappe
Dein Schmiergefing zum Äther stinkt
Dafür das Dummengeld im Kasten klingt.

Viele der Parodien sind so schwerfällig zusammengedichtet, dass sie schon wieder lustig sind. Einige der Nachdichter schreiben dagegen so gut, dass sie sich fast mit dem Merz-Erfinder messen können. Aber auch die „kurzweilige Chronik“ selbst lässt keine Langeweile aufkommen. Umfangreiches Bildmaterial rundet Strucks inhaltlich wie stilistisch kompakten Text ab: Postkarten, Collagen, Zeichnungen, Fotos, Titelblätter und mehr. Layout und Typographie sind subtil auf Schwitters‘ Anna-Blume-Ästhetik abgestimmt, dabei aber - zum Glück! - nicht so dadaistisch-chaotisch, dass die Übersichtlichkeit darunter leidet.

Liegt der Schwerpunkt auch auf den Kunsterzeugnissen und Aktionen, die zu Schwitters Lebzeiten erscheinen, so kommen die späteren Entwicklungen des Anna-Kultes im Buch doch nicht zu kurz. In den 1960er-Jahren gerät die international bekannte Schöpfung des Hannoveraners vermehrt ins Visier von bildenden Künstler*innen. Ab den 80ern lassen sich diverse Filmschaffende von ihr inspirieren. Und noch im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert treibt Anna Blumes Erbe sonderbare, wild-schöne Blüten - nicht nur im deutschen HipHop. Doch mehr soll an dieser Stelle gar nicht verraten werden.

Bleibt nur noch eins zu sagen: Offensichtlich hat sich 2019 die Prophezeiung eines gewissen Franz Lafaire erfüllt, der in einer Zeitung damals schrieb, Anna Blume würde „in 100 Jahren eine literarische Seltenheit ersten Ranges sein“. Das „schlichte Mädchen im Alltagskleid“ ist aber längst nicht mehr bloß die Angebetete, Bewunderte. (Tauchen nicht auch in Eugen Gomringers kontrovers diskutiertem Avenidas-Gedicht Blumen auf?) Anna Blume hat sich zu einer Art popkulturellem Phänomen gemausert. Man könnte sagen, sie hat sich emanzipiert. Und Peter Struck beschreibt ihren Weg so unterhaltsam, dass man sich wünscht, Dada/Merz möge in der immergrünen Anna-Pflanze noch ewig weiterleben.

 

 

 

Peter Struck
Anna Blume, unverblüht / Kurt Schwitters’ Dadagedicht wird 100!
Wehrhahn Verlag
2019 · 128 Seiten · 14,80 Euro
ISBN:
978-3-86525-719-2

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