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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Leergeleuchtetes Gelb

Hamburg

Das Motiv der Heimkehr findet sich in der tschechischen Literatur immer wieder. Jiří Wolkers Wanderer aus dem Poem „Svatý kopeček“/„Heiliges Hügelchen“ kehrt in das Milieu seiner Jugendzeit zurück und František Halas gelang 1947 einer seiner eindrucksvollsten Texte mit „Já se tam vratím“/„Ich kehre dorthin zurück“. Die Gewißheit, dass es einen konkreten Ort gibt, zu dem man zurückkehren kann, läßt einen die Beschwerlichkeiten dieser Welt in ganz anderer Weise ertragen. Von der Geborgenheit in der Idylle geht eine beruhigende Zuversicht aus. Es muß sich dabei um keine Flucht handeln, aber eine Rückversicherung ist es allemal, wenn man über diese konkrete Adresse weiß. 

Auch im Titel der vorliegenden Gedichtsammlung von Petr Hruška „Irgendwohin nach Haus“ klingt die Sehnsucht nach einer Heimkehr an, ___STEADY_PAYWALL___wenngleich auch der konkrete Ort unbestimmt scheint. Petr Hruška, der in Tschechien bereits über ein halbes Dutzend Gedichtbände veröffentlicht hat, verfügt über kein poetisches politisches Programm und schon gleich gar nicht über politische Absichten. Seine Gedichte leben von der intensiven Wahrnehmung. Wie man es von Kindern kennt, verblüffen auch in Hruškas Versen unverstellte Blickwinkel. Der morbide Charme von Hruškas Heimatstadt Ostrau/Ostrava, im 20. Jahrhundert geprägt von intensiver Stahlverarbeitung, bildet oft den Hintergrund seiner Beobachtungen. In den Gedichten finden sich konkrete Menschen und oft sind es Deklassierte oder Zu-kurz-Gekommene: Trinker, Möbelpacker, Tankstellenwärter, Sportfans oder Wachmänner. Zugleich hat sich Petr Hruška den Blick auf die Verletzlichkeit von zarten Geschöpfen bewahrt. Im Gedicht „Vollmond“ richten sich die Eltern zum Schlafengehen ein und „beide durchfährt es / so vollkommen liegen / auf der Decke die Hände / des kranken Kinds“.

Es sind oft kleine Gesten, die Hruškas Aufmerksam erregen und letztlich als Inspiration für bislang – im wahrsten Sinne des Wortes – übersehene Bildwelten wirken. Unwesentliche Geschehnisse rücken in das Blickfeld und offenbaren, dass sie wichtiger und bedeutsamer sind, als für den flüchtigen Zeitgenossen den Anschein hatte. Eine kurze, vollkommen unbedeutende Pause während einer Autofahrt gerät in „Ort“ zu einem poetischen Vorgang, welcher geradezu bildhafte Erkenntnisse bereit hält: 

„Der Wind, als wollte er predigen. Dein Kleid mit Schiffen aufgebauscht, ich weiß, wo es im Schrank hängt. Sein Gelb, leergeleuchtet im Nebel am Wegrand“.

Petr Hruškas sprachlicher Stil kommt ohne Manierismen aus. Ein sensibel reduzierter Minimalismus paart die Originalität seiner Beobachtungen mit der Genauigkeit sprachlicher Beschreibung. In exemplarischer Weise entfaltet sich im Gedicht „Inversion“ Petr Hruškas lakonischer Realismus, der sich zugleich die Ahnung auf Geheimnisse offen hält, die sich hinter dem Augenscheinlichen verbergen. Auf diese Weise werden auch noch banalste Vorgänge alltäglicher Erscheinungen zu potentiellen Trägern einer verborgenen Wirklichkeit:

„Ein Tag ohne Himmel. Die Stadt taub vom Nebel, so dicht, 
dass er den Säufer hält, in den wütenden Böen.

Die Lampen im Asia Imbiss leuchten auch mittags. In der
Küche nebenan zwischen hohen Kühlschränken lachen
lautlos Unbekannte zum vietnamesischen Witz“. 

Der 1964 in Ostrau/Ostrava geborenen Lyriker Petr Hruška verantwortet als Redakteur literarische Publikationen, zudem  unterrichtet er an verschiedenen Universitäten Tschechiens und ist auch an der Akademie der Wissenschaften tätig. 

Mit dem Bändchen „Jarek anrufen“ waren dem deutschsprachigen Lesepublikum bereits 2008, hier irrt der Klappentext der vorliegenden Ausgabe, Gedichte von Petr Hruška in gewohnt kongenialer Übersetzung von Reiner Kunze von dem Kleinstverlag „edition toni pongratz“ vorgelegt worden.                                                                 

Auch somit ist der Dresdner „edition AZUR“ ausdrücklich zu danken, dass mit der vorliegenden Sammlung der Faden aufgegriffen und ein ausführlicher Einblick in das lyrische Schaffen von Petr Hruška geboten wird. Das kurze Nachwort „Aus dem Bergwerk der Seele“ von Martin Becker ergänzt diese zweisprachig aufbereitete Ausgabe. Die eindrückliche Bildkraft und Originalität dieser Verse belegen, dass Petr Hruška zurecht zu den bedeutendsten zeitgenössischen Dichtern der tschechischen Literatur gehört.

Petr Hruška
Irgendwohin nach Haus
Gedichte
Übersetzung:
Martina Lisa
Übersetzung:
Kerstin Becker
Edition Azur
2019 · 152 S. · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-942375-38-2

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