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Kritik

Mit allen Sinnen

Hamburg

Wer in einer Stadt geboren ist, muss sie nicht unbedingt lieben. Bei manchen Menschen stellt sich zum Ort der Geburt eine Art Heimatliebe ein. Obwohl sie außer der Tatsache, dass dieser Ort der Geburtsort ist, nichts weiter mit ihm zu tun hatte. Eine unerklärliche Verbundenheit. Ein anderer Teil der Menschen empfindet eine Fremdheit, das Gefühl, falsch zu sein. Falscher Ort. Falsche Familie. Eine Stadt, in die sie nicht gehören. Wieder ein anderer Teil ist in der Stadt geboren, hier aufgewachsen. Fühlt sich als Kind dieser Stadt und hat diese trotzdem verlassen. Graz, eine Sehnsuchtshassliebe.

Petra Ganglbauer ist Kind einer solchen Stadt. Eine Tochter Graz‘, die ihre Stadt verlassen hat. In acht Kapiteln nähert sich die Graz-Tochter nach langer Absenz, Stippvisiten, Umkreisungen, Drop-In und Drop-out der Stadt neu. Sie hat dafür einen literarischen Weg in acht Kapiteln gewählt: Überlegungen, Bilder, Bildzerstörung, Mythen, Gerüche, Versprengte Spaziergänge (u.a.), Graz als ungeliebter Vater und Hotel.

Am Anfang war nicht das Wort, sondern Emotion, Nachfühlen. Wie kann eine Annäherung erfolgen? Unerfüllte Sehnsucht: „Graz ruft mich nicht an!“ Ein personifiziertes Graz, Graz als viele Personen. Stadt allein ist nicht. Stadt, das Leben in der Stadt, vor allem, wenn man dort aufgewachsen ist, ist mit Menschen verbunden. Stadt, das ist das Bild dieser Stadt, die man in sich trägt. Mit sich herumträgt. Stadt ist für eine Rückkehrende die Erinnerung an diese Stadt. Die „gespeicherte Beschaffenheit“, wie die Autorin in ihren philosophischen Miniaturen feststellt. Stadt ist Geruch, Geschmack, Klang.

Mit diesem Ansatz im Forscherinnengepäck machte sich die Autorin auf, die Fährten in „ihrer“ Stadt aufzuspüren. „Graz ist...“ Schaulistig und schaulustig arbeitet die Autorin mit Dekonstruktion, auf der Metaebene. Beobachtungen und Reflexionen vermischen sich mit Zitaten aus früheren Aufzeichnungen:

„Manieriertes in Eiswürfelgröße. Handlich sortiert, nicht für / alle, für wenige. / […] Patriarchalisches Geratter.“

Wer das Graz von damals kennt, kann durch die gläsernen Würfel, durch welche einen die Autorin blicken lässt, die damalige Situation erkennen: „Das Unerprobte nicht gestattet. / Schon gar nichts Weibliches. / Was nicht zöglingshaft sich bückte […], fand sich bald unter lautem Schneegetöse.“ Was Graz bei der jungen Autorin auslöste, zeichnet das Gedicht: „Graz schmeckt nach / LEBERTRAN / & / MAGENBITTER // (an anderen Tagen)“ (S. 51).

„Graz ist Anders“ - die Autorin kennt die Werbelinie der Stadt. Versucht sich zu verstellen, sich vor sich selbst zu verstellen und Graz eine Chance zu geben: Als Touristin schlendert sie durch die Herrengasse, mit dem Stadtplan, hört junge, andere Stimmen. Die patriarchalen Platzbesetzer von früher sind abgegriffen, ihre Unterdrückungsversuche verpufft. Die zurückgekehrte Autorin hingegen ist stark, hat Kraft. Die Augen der Passanten leuchten, wenn sie aus ihrem Buch vorliest.

Die Gerüche von Graz sind vielseitig: Da ist die Zuckerwatte, der Augustsommer, Chlor und Schokolade im Augartenbad, der Saunageruch, Benzin, Kaffee. Auch die frischgedruckte Zeitung verströmt einen eigenen Geruch.

Straßen, Plätze und Denkmäler im Kapitel VI stellen den Hauptteil des Buches dar: Das Murufer, das Augartenbad, und schon ist die Autorin in die Vergangenheit geswitcht, ist wieder das frierende Kind mit den Fäustlingen, das sehnsüchtige Kind vor der Wohnung des Vaters in der Stop-and-go-Gasse, die junge Studentin in der Konditorei in der Girardigasse. Besonders hebt sich die Erinnerung an die Großmutter hervor, welche die Autorin als „die vom Alter verkleinerte Frau“ bezeichnet.

„Die vom Alter verkleinerte Frau“ ist es auch, die in den Leechwald einen Klappstuhl mitnahm, um nicht müde zu werden. Damit sich das kleine Mädchen so lange wie möglich bei einem morschen Baumstrunk und den Fantasien zu dessen Schattierungen, Maserungen, spießigen Holzstücken, Rillen und Furchen, Löchern und Feuchtstellen hingeben konnte. Eine Liebeserklärung – auch an die Großmutter.

Wunderbare kleine Episoden sind mit den verschiedenen Straßennamen verbunden. Die Stadt, alles Vorgefundene, wird Text für die Autorin. Die Erinnerungspunkte reichern sich mit den Geschichten von damals an. In kurzen Sätzen, elliptischen Umkreisungen.

Die Autorin traut ihrer Erinnerung nicht, nicht ganz. Wissend, wie sich Gehirn und Erinnerung verhalten, stellt sie daher gegen Ende des Bandes die Frage: „Oder war alles anders. / (Oder ist alles anders?)“ Auf dem Mursteg entgleitet ihr die Gegenwart und „ich rutsche beinahe aus“ (S. 67).

Petra Ganglbauer schreibt sich ein in eine Stadt, die sich ihr Jahre verweigert hat. Graz, eine Stadt, die dominiert war von ichbezogenen, selbstverliebten Platzhirschen (männlichen allesamt), die andersdenkenden, kritisch agierenden Frauen den Platz verwehrten.

„Mit allen Sinnen“ ist mehr als ein Graz-Buch. Es ist einerseits ein literarisches Kunstwerk einer Stadtannäherung, ein stabiler Reisebegleiter, mit welchem die LeserInnen durch das Graz der Gegenwart geführt werden. „Mit allen Sinnen“ ist auch eine Stadtbiografie der Schriftstellerin Petra Ganglbauer. Wir LeserInnen haben die Stimme und die Geschichten der Tochter dieser Stadt im Ohr, wenn sie uns mit ihrer Stadtbiografie durch ihr Graz führt.

Petra Ganglbauer
Mit allen Sinnen / Literarische Begegnungen
Ein Graz Buch
Keiper
2018 · 100 Seiten · 17,51 Euro
ISBN:
978-3-903144-46-0

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