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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
Kritik

„Wer Macht hat, hat Recht“ – und warum es nicht so sein sollte

Hamburg

„Macht bestimmt erheblich unser Leben, doch wird verdrängen oder mystifizieren sie, und je mehr wir das tun, desto hilfloser gehen wir mit ihr um. […] Das Gefährliche an der Macht ist nicht, dass sie obsessiv wirkt, sondern dass sie peinlich ist und verleugnet wird. Sie füllt den Verhandlungsraum nahezu komplett aus, doch alle müssen so tun, als spiele sie keine Rolle, und diese akrobatische Heuchelei bindet einen Großteil ihrer Konzentration und Kraft. […] Theoretisch scheint heute klar zu sein, dass Macht ebenso wenig wie Sexualität etwas Dämonisches ist. Man akzeptiert sie als zwingenden Bestandteil jeder höheren Ordnung und hält »nur« ihren Missbrauch für schädlich. Doch wer stellt im konkreten Fall fest, wann die Grenze zwischen Ge- und Missbrauch überschritten wurde? Und wer spricht es aus?“

Autoritäten umgeben uns, begegnen uns ständig, folgen uns auf Schritt und Tritt. Und wir folgen ihnen, ihren Weisungen. Nicht immer und allein aus blindem Gehorsam, vielmehr akzeptieren wir Autorität dort, wo als einzige Alternative (scheinbar oder tatsächlich) Willkür oder Chaos droht. Und auch, weil wir uns Privilegien oder zumindest den Nicht-Entzug von Privilegien erhoffen/versprechen. 

Dennoch sind Autoritäten ein Problem, sogar eines der zentralen Probleme menschlicher Gesellschaftsstrukturen. Sie tendieren nämlich dazu, Systeme (und die Menschen darin) zu korrumpieren: oft wird Macht dann nicht mehr als Aufgabe im Dienste des Systems, sondern als Attribut des eigenen Selbst, der eigenen Wünsche, Vorstellungen und Ideen betrachtet  und zusätzlich als Schutz für diese eigenen Ambitionen, als Garantie für Unangreifbarkeit und Profit.

Wenn man einmal davon absieht, dass eine gewaltbefreite Welt, ohne Machtkonzentrationen und -ausübung, womöglich die einzig denkbare Welt ist, in der es auch keine Korruption, keinen Machtmissbrauch geben kann, bleibt die Frage: wie kann man dieser, anscheinend immanenten, toxischen Entwicklung innerhalb von Machtstrukturen entgegenwirken oder, und damit kommen wir zu diesem Essays von Petra Morsbach, wie kann man ein/e bereits von Machtmissbrauch durchdrungene/s Position/System enttarnen. Oder, anders gesagt: wie zwingt man die Menschen dazu, den Elefanten im Zimmer zu bemerken.  

Um Machtmissbrauch und die Sprache seiner Verschleierung (und Aufdeckung) in der Praxis zu verdeutlichen, schildert Morsbach drei Fälle. Zunächst geht es um die öffentlichen Fälle „Groër“ und „Haderthauer“, zuletzt um einen internen Fall in der bayrischen Akademie der schönen Künste. Erstere sind Fälle aus dem Umfeld von Kirche und Politik, die, aufgrund der Initiative von verschiedenen Einzelpersonen, ein hohes Maß an Belegen/Dokumenten aufweisen, über den Fall selbst, aber auch den Versuch der Aufdeckung, des Widerstandes. Der letzte ist Morsbachs persönlicher Fall, in dem sie die Einzelperson war, die Belege und Dokumente sammelte und den Widerstand probte. In allen drei Fällen erzählt sie anhand der Dokumente eine Geschichte des Machtmissbrauchs, seiner Dimensionen und Folgen. 

Gleichzeitig deckt sie mit diesen drei Fällen ein breites Feld an Motiven ab. Im ersten Fall (Groër) wird die Macht zum Ausleben der eigenen Sexualität auf Kosten anderer genutzt und zusätzlich dazu, Menschen zu dominieren. Im zweiten Fall (Haderthauer) ist Profitgier, kombiniert mit Ausbeutung, das Motiv hinter dem Missbrauch. Im letzten Fall schließlich eine Mixtur aus Geltungssucht und dem Verlangen nach Kontrolle. Die ersten beiden Fälle (und auf gewissen Weise auch der dritte) stellen klar: Machtmissbrauch ist nicht selten auch ein Missbrauch von/an Menschen.

Morsbach zeigt klug auf, dass die genannten Motive zwar am Anfang des Machtmissbrauches stehen, aber bald nicht mehr das einzige Problem darstellen. Denn wenn der Machtmissbrauch, nebst seiner Motive, offengelegt wird, zeigt sich (in allen drei Fällen), dass die Institutionen (seien es nun kirchliche Räte, staatliche  Einrichtungen, parlamentarische Untersuchungsausschüsse oder eine Gruppe von Funktionär*innen in einer Akademie) nicht den Machtmissbrauch zu bekämpfen beginnen, sondern den Anschein von Machtmissbrauch und die Anschuldigungen, die zu diesem Anschein geführt haben (der zumindest in diesen drei Fällen kein Anschein ist, sondern faktisch belegt). 

„Unser heutiges Problem ist nicht, dass wir vieles nicht wissen, sondern dass wir vieles nicht wissen wollen, weil es den aktuellen Kriterien der Eigenliebe widerspricht. […] Warum verteidigt man mit gewaltiger Energie lieber den Anschein der Ordnung als die Ordnung selbst? Warum verzichtet man ohne Not auf eigene Rechte, zum Schaden unserer kostbaren, demokratischen Kultur? Offenbar wirken hier Antriebe, die alle rationalen Bekenntnisse unterlaufen, ohne dass das überhaupt bemerkt würde. Im Essay folgte ich den Spuren dieser Antriebe in der Sprache, die in realen Konflikten gesprochen wurde; denn die Sprache scheint mehr zu wissen als der Mensch. […] Oft können wir gefahrloser ethisch handeln, als wir meinen. Die Frage ist, was uns hindert.“

Was hindert uns? Auch Morsbach findet auf diese Frage keine abschließende Antwort, aber viele Teilantworten. Sie stellt, neben dem Dokumentieren der Fälle, viele Überlegungen an und nimmt sich Zeit für Exkurse, was ihre sehr gewissenhaften Auf/sarbeitungen manchmal etwas zerfasern lässt, aber letztlich bewirkt, dass man als Leser*in eine vielschichtige Auseinandersetzung erlebt, die nicht nur Faktisches beinhaltet, sondern auch Ideen, Philosophisches, etc.

Viele Probleme, die das Buch festmacht, hängen mit Gruppendynamiken zusammen, mit Abhängigkeitsverhältnissen oder schlicht mit vorauseilendem Gehorsam. Ein Thema, das Morsbach vielleicht etwas stiefmütterlich behandelt, ist die Identifikation der Menschen mit ihrer Rolle und wie diese Rolle auch durch Narrative aus den Medien und durch Selbstdarstellungen von anderen geprägt wird.  

„Die Erfahrung zeigt aber, dass ein pauschaler Angriff – so nachvollziehbar er sein mag – meist erfolglos ist, denn er stellt das System infrage, in dem sich alle eingerichtet haben. Das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit ist so groß, dass Menschen grundsätzlich Kritik nur schwer aufnehmen können, aus Angst, die Strukturen würden gefährdet. […] Anscheinend neigen Gruppenmitglieder in Stresssituationen dazu, Hierarchien als beruhigend und Kritik als Gefahr wahrzunehmen. Dabei ist diese Blickverengung gefährlich. […] Hierarchische Starrheit erweckt nur oberflächlich den Anschein von Stabilität. Untergründig führt sie zu einer Umverteilung der materiellen und immateriellen Güter zugunsten der Mächtigen, also eben nicht der Festigung, sondern dem Verlust von sozialer Balance und Sicherheit.“

Wo Morsbach dagegen über die Maßen brilliert: die Analyse der Sprache. „Der Elefant im Zimmer“ ist allein deswegen schon lesenswert, weil Morsbach einen guten Blick dafür hat, welche Allgemeinplätze, Finten, Gefühle, Absichten, Überlegungen, Denkfehler und Fallstricke hinter sprachlichen Wendungen und Formulierungen stehen. Und so zerlegt sie, entschieden und doch sachlich, die Statements und Briefe, sogar Rechtstexte und andere striktere Dokumente, und zeigt auf, wie darin die Sprache diejenigen entlarvt, die sich mit ihr die Wahrheit vom Leib zu halten versuchen.

Neben den drei Fallbeispielen, dem eigentlichen Essay, enthält das Buch ein Nachwort und einen Katalog von 33 kondensierten Überlegungen (teilweise zugespitzt auf Empfehlungen) zu Machtmissbrauch und Widerstand, sowie eine Corona-Nachbemerkung und einen Anhang mit detaillierten Nachweisen. Es ist eine beeindruckende Arbeit und wird, so hoffe ich, viel gelesen und viel beachtet werden. 

Bei der Lektüre habe ich selbst wieder an ein oder zwei Momente aus meinem Leben zurückgedacht, bei denen auch ich mit Machtmissbrauch in Berührung kam (keine ernsten Fälle, aber doch üble Schikanen). Und auch ich verhielt mich dann abwechselnd kämpferisch und zurückhaltend, je nachdem wie öffentlich mein Widerstand zutage getreten wäre. Natürlich reicht Erkenntnis nicht immer aus für Mut, aber ich glaube doch, dass Mut zum Teil durch Erkenntnis erwachsen kann. Und wie Morsbach Schilderungen zeigen, reicht oft ein kleiner Widerstand, um zumindest eine Menge Aufruhr und Aufmerksamkeit zu generieren. Die Personen, die Widerstand leisten, setzen sich dabei einer Vielzahl von Schmähungen und sicher auch Repressionen aus. Und oft bleibt nur der moralische Sieg und von moralischen Siegen kann man sich wenig kaufen. Aber vielleicht bereiten derlei Aktionen zukünftige Wege aus dem Machtmissbrauch. Wege auf denen der Elefant aus dem Zimmer geschickt werden kann.

Petra Morsbach
Der Elefant im Zimmer
Über Machtmissbrauch und Widerstand
Penguin Verlag
2020 · 368 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-328-60074-9

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