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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Nicht nur Krimis

Hamburg

Im Klappentext heißt es klipp und klar: "Petros Markaris hatte keine Ahnung vom Drehbuchschreiben, doch Theo Angelopoulos brachte es ihm bei." Aber das ist lange her, nämlich zur Zeit der griechischen Militärdiktatur (1967-1974), als die beiden sich kennengelernt haben. Bereits damals hat Markaris an dem Drehbuch von Angelopoulos' Spielfilm "Die Tage der '36" (1972) mitgearbeitet. Noch bei vier weiteren Spielfilmen von Angelopoulos war Markaris Co-Autor gewesen. Das liegt lange zurück, kennt man doch heutzutage Markaris - auch in Deutschland dank der Übersetzerin Michaela Prinzinger und dem Schweizer Diogenes Verlag - nur noch als erfolgreichen Krimiautoren, um nicht zu sagen: als den erfolgreichsten griechischen Krimiautor. Wobei ja bereits die Mitarbeit an mehreren Drehbüchern zeigt, wie vielfältig der Schriftsteller Markaris in seinem Schreiben ist. Und auch seine Krimis um den Kommissar Kostas Charitos gehen ja weit über dieses Genre hinaus, beschäftigt sich doch gerade seine Trilogie der Krise (plus einem Epilog) - alles verpackt in vier Kriminalromanen - ganz ausführlich mit den Auswirkungen der Griechenlandkrise.

Es geht im vorliegenden Buch um die Entstehung des Spielfilms "Die Ewigkeit und ein Tag" von Theo Angelopoulos, der 1998 Gewinner der Goldenen Palme von Cannes wurde. Das Buch besteht aus einer Einleitung von Angelopoulos selber, dem Arbeitstagebuch von Markaris vom März 1996 bis zum März 1998 - die letzten Eintragungen schon während der Dreharbeiten in Ouranoupoli und Thessaloniki - sowie einem "Statt eines Nachworts".

 

 

Und worum geht es in diesem Buch konkret? Es geht darum zu zeigen, wie sich Ideen (zu einem Film) langsam entwickeln, also den kreativen Prozess sichtbar zu machen. Angelopoulos hat Markaris selbst darauf angesprochen, etwas davon festzuhalten:

"Ich wollte dir nur sagen, dass du ein Tagebuch führen solltest [...] Abgesehen davon, dass man es publizieren könnte, sagt es wichtige Dinge über unseren Arbeitsprozess aus."

Erst nach und nach entwickeln sich die vielfältigen Ideen für diesen Film. Die Hauptgeschichte ist eigentlich schnell erzählt:

"Ein alter Mann bereitet sich auf den Weg ins Krankenhaus vor, um zu sterben. Am letzten Tag, an dem er sich im Grunde vom Leben verabschiedet, nimmt er ein fremdes Flüchtlingskind auf. Das wirkt absurd, aber auch zutiefst menschlich".

Meines Erachtens sind es zwei Ideen, die ganz zentral für diesen Film sind. Zum einen geht es um den Nationaldichter Dionysios Solomos (* 1798 auf Zakynthos, † 1857 auf Korfu), der viele Jahre in Italien lebte, nach Zakynthos - eine der ionischen Inseln - zurückkehrte und, damit er griechische Gedichte überhaupt schreiben konnte, seine Landsleute für jedes griechische Wort bezahlte, das sie ihm brachten. Für diesen Teil werden historische Szenen in den Film eingebaut. Aber auch der alte Mann und das albanische Flüchtlingskind greifen dieses Thema in der Jetztzeit auf, um "das Spiel der Wörter zu spielen." Der Junge "bringt" ihm drei seltene griechische Ausdrücke: korfoula, xenitis und argadini. Hier tut sich selbst Markaris, der ja viele Bücher vom Griechischen ins Deutsche übersetzt hat, schwer mit der Übersetzung in die deutsche Sprache. Aber mittels einer freien Übertragung macht er daraus: "Herzblume", Fremdling und "Nachtmahr".

Zum zweiten geht es um die poetische Dimension des Films, die sich bereits im Titel manifestiert hat. Nicht von ungefähr spielt der Film auch an nur einem Tag (und der darauffolgenden Nacht). In einer nächtlichen Busszene in Thessaloniki fragt der alte Mann beim Aussteigen einen Dichter aus dem 19. Jahrhundert (= Solomos): "Sag mir, wie lang dauert das Morgen?" Und die Antwort, die aber meines Erachtens nicht im Film vorkommt, aber beim Drehbuchschreiben von den beiden diskutiert wurde, lautet: "Das Morgen kann die Ewigkeit und ein Tag sein." Es geht in dem Film also darum, den letzten Tag des alten Mannes mit der bzw. seiner Vergangenheit zu verbinden, und gleichzeitig "diese Momente der Ewigkeit am Leben zu halten."

Der Titel dieses Buches Tagebuch einer Ewigkeit ist übrigens doppeldeutig. Zum einen verweist er natürlich auf den Filmtitel selbst. Zum anderen meint er wohl ironisch auch die Dauer: "Mit dem Drehbuch sind wir in der Tat schon eine ganze Ewigkeit beschäftigt."

Der Text der griechischen Nationalhymne von Griechenland und von Zypern ist übrigens gerade das Gedicht "Hymne an die Freiheit" von Dionysios Solomos, das ja in dem Film "Die Ewigkeit und ein Tag" eine große Rolle spielt. Dieser Bezug wird im Buch nirgends hergestellt. Die meisten Deutschsprachigen werden das wohl nicht wissen. Aber gut: Welcher Deutsche weiß schon, dass der Text der deutschen Nationalhymne von Heinrich Hoffmann von Fallersleben stammt?

Dieses Buch erschien als Originalausgabe bereits 1998 in Athen. Der tragische Tod von Angelopoulos im Januar 2012 bei einem Verkehrsunfall (er war gerade bei den Dreharbeiten zu seinem Film "Das andere Meer") wird deshalb von Markaris auch nur kurz in seinem "Statt eines Nachworts" erwähnt. Dabei handelt es sich um einen fiktiven bzw. offenen Brief von Markaris an Angelopoulos, der bereits 2016 als eigenständige kleine Publikation in der Edition Romiosini erschienen ist. Er passt hier zu diesem Arbeitstagebuch ausgezeichnet als Nachwort, da er die Aktualität der Filme Angelopoulos' klar herausstellt. Denn insbesondere seine "Trilogie der Grenzen" zeigt einen direkten Bezug zur Flüchtlingskrise in 2015/16 auf. In "Der schwebende Schritt des Storches" (1991), "Der Blick des Odysseus" (1995) und "Die Ewigkeit und ein Tag" (1998) geht es immer wieder um Grenzen und ihre Überwindung. Markaris erinnert sich in diesem Brief daran, "dass du mir bei unseren Gesprächen über das Drehbuch gesagt hast, die Migrationsproblematik sei die große Frage unserer Zeit. Deine Vorahnung hat sich bestätigt." Und gerade zusammen mit diesem Nachwort macht es für mich sehr viel Sinn, dass dieser Text gerade jetzt - wenn auch spät - in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Petros Markaris
Tagebuch einer Ewigkeit. Am Set mit Angelopoulos
Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger. Mit einem Vorwort von Theo Angelopoulos
Diogenes
2019 · 288 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-257-07065-1

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