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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
Kritik

Verfressene Kaiser und die Sache mit dem Ohr

Hamburg

Die Welt ist voll von Fake News - oder von alternativen Nachrichten, wie einige das Phänomen zu benennen belieben. Was auf dem Nährboden von Verschwörungstheorien einerseits und von lobbygelenkter veröffentlichter Meinung andererseits so alles gedeiht, darüber echauffiert sich das zu zahllosen Filterbläschen fragmentierte Volk mit schöner Regelmäßigkeit - oder es hört gleich gar nicht mehr hin.

Philip Krömer bringt in Bezug auf diese gleichermaßen hochaktuelle wie problematische Entwicklung der Medienlandschaft einen satirischen Gegenentwurf in Stellung. Der 31-Jährige gebürtige Amberger, der Germanistik und Buchwissenschaft in Erlangen studiert hat und dort heute unter anderem Mitherausgeber der aufstrebenden Literaturzeitschrift "Seitenstechen" ist, wählt mit seinem neuen Buch "Ein Vogel ist er nicht" den Weg in die Vergangenheit. In seinen "neun Umschreibungen", wie der Untertitel des etwas mehr als 200 Seiten starken Prosawerks lautet, geht es tatsächlich um so etwas wie Fake History: bekannten Persönlichkeiten und markanten Wendepunkten ihres Geschicks werden ganz andere Charakterisierungen, Ursachen und Verläufe zugeordnet als jene, die uns im Geschichtsunterricht vermittelt wurden.

Eigentlich sind es sogar einundzwanzig an der Zahl, doch zwölf davon, als aus wenigen lakonischen Zeilen bestehende Appetithäppchen zwischen die längeren Episoden gesetzt, sind so kurz, dass sie im Untertitel gar nicht erst mitgezählt werden. In ihnen offenbart sich das auch in den eigentlichen Erzählungen angewandte Verfahren irrwitzig-ironischer Geschichtsverfälschung gewissermaßen in nuce:

"Über die Rolle als deutsch-französische Doppelagentin hinaus versorgte Mata Hari Spione weiterer Länder mit kriegsentscheidendem Geheimwissen, welches sie ihnen durch in ihre exotischen Tänze eingebaute eurythmische Choreografien übermittelte."

Ob Krömer nun vom Staufer-Kaiser Friedrich II. berichtet, der bei ihm durch das Verspeisen einer vergifteten, obszön großen Elefantenpastete mit menschlicher Füllung sein Ende findet oder von der Einführung des Bungee Jumping in Europa durch den stockbetrunkenen Vincent van Gogh - Heiterkeitsausbrüche scheinen vorprogrammiert. Doch auch diejenigen, die sich von Lektüre mehr als ein humoristisches Intermezzo erwarten, müssen ihm gute historische Kenntnisse und einen feinfühligen Umgang mit der Sprache konzedieren. Trotz seines im Grunde anarchischen Ansatzes verlässt Krömer nie das Areal wohlgesetzter Worte, die mutmaßlich von einem deutlich älteren Autor stammen könnten.

So hebt sich das Buch auch spürbar vom Niveau der Sketch-History-Clips des ZDF ab, in welchen zwar der gleiche "In-Wirklichkeit-war-alles-ganz-anders"-Impetus aufscheint, die aber letztlich über mehr oder weniger gelungenes Geblödel nicht wirklich hinauskommen. Das langsamere und reflektivere Medium Buch kommt Krömers Form von subversivem Humor deutlich entgegen. Man fühlt sich passagenweise an Herbert Rosendorfer (1934-2012) erinnert, der so großartige Romane wie "Briefe in die chinesische Vergangenheit" oder "Der Ruinenbaumeister" verfasst hat, in denen er, ähnlich wie Krömer in einigen seiner "Umschreibungen", die Kontinuität von Zeit und Ort aufzuheben versteht.

Das Publikum dankt es jedenfalls, hat Krömer doch bereits 2015 dessen Votum beim "open mike" für die im neuen Band enthaltene Erzählung "Der Eine der Andere" erhalten, in welcher der Massenmörder Haarmann auf den Poeten H.C. Artmann trifft und dieser mittels geborgter Zeitmaschine (der eigentliche Zeitreisende musste mal eben beim Dichter aufs Klo) im Jahre 1924 ganz neue Perspektiven auf die Funktion auktorialer Instanzen gewinnt:

"Die Vorstellung eines mechanischen Erzählers bleibt indes nicht ohne Eindruck auf den Artmann. [...] Jetzt will er's wissen: Ob er wirklich in die Geschichte gepfuscht hat, und, weit wichtiger, wie es um seine Autonomie bestellt ist."

Der kleine bibliophil orientierte Verlag Topalian & Milani aus Oberelchingen bei Ulm hat sich des zweiten Werkes von Philip Krömer angenommen. Bereits 2016 erschien bei homunculus sein Roman "Ymir", in welchem es in einem satirisch-phantastischen Reigen um den Ursprung der "arischen Rasse" geht. Es ist interessant, das in Krömers Fall gegen die normalen Regeln des Marktes zuerst ein Roman und dann Erzählungen folgen. Steht da womöglich eine Renaissance der Kurzprosa bevor, wenn man etwa auf die großartigen Veröffentlichungen der letzten Zeit von Lydia Steinbacher oder Alexandra Bernhardt schaut? Jedenfalls ist es erfreulich, dass Verlage wieder den Mut aufbringen, finanzielle Risiken gegen den Mainstream einzugehen und auch guten Texten der kleineren Erzählformen eine Chance zu geben.

Für die Gesamtgestaltung des Buches zeichnet der Buchkünstler Florian L. Arnold verantwortlich, der zu den abseitigen Gedankenspielen Krömers eine kongeniale Bildwelt aus Tuschzeichnungen und druckgrafischen Überlagerungen erschuf, die Elemente der Texte aufnehmen, aber eigenständig umsetzen und somit deutlich mehr sind als nur Illustrationen. So entstand mit "Ein Vogel ist er nicht" ein facettenreiches, auf schönem festen Papier gedrucktes und liebevoll gebundenes Gesamtkunstwerk.

 

Philip Krömer
Ein Vogel ist er nicht
Topalian & Milani
2019 · 224 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-946423-09-6

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