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Artichoke #17
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Artichoke #17
Kritik

Von einer Welt, in Geschichten versinkend, auf Geschichten bauend

Hamburg

„Der Zusammenbruch der Wahrheit im öffentlichen Raum spiegelt einen Zusammenbruch von Vertrauen in die Hierarchie, die diese Wahrheit spiegeln soll, politische Macht und ein geteiltes, objektivierbares Wissen. Sie spiegelt aber auch einen Zusammenbruch des Grundvertrauens, einer gemeinsamen Geschichte, die sich eine Gesellschaft erzählt.“

Würden mehr Leute die Bücher von Philipp Blom lesen, wir wären vermutlich schon ein großes Stück weiter beim Erfassen und Anpacken der Situation, in der sich die Welt, ihre Ökosysteme und Gesellschaften derzeit befinden. Damit will ich den Autor nicht auf ein Podest stellen oder ihm eine andere Form von Verehrung zuteilwerden lassen, aber mit jedem neuen Buch, das ich von ihm lese, wird er für mich mehr und mehr zur Symbolfigur einer engagierten und unermüdlichen Auseinandersetzung mit den ___STEADY_PAYWALL___wirklichen Problemen der Gegenwart (basierend auf Fakten und Gegebenheiten, eingebettet in fundamentale Zusammenhänge).

Ich will daher vorab schon empfehlen, sich zumindest die Bücher „Gefangen im Panoptikum“, „Was auf dem Spiel steht“ und „Die Welt aus den Angeln“ zuzulegen. Es sind, ebenso wie „Das große Welttheater“, Lektüren, die, obgleich sie oft zurückliegende historische Entwicklungen heranziehen oder über allgemeine historisch-philosophische Betrachtungen Gegenwärtiges erschließen, aktueller nicht sein könnten. In diesen Büchern geht es um die grundlegenden Abgründe, Ideologien und Entwicklungen im Jetzt und Hier.

Auch in seiner Festschrift zum 100jährigen Bestehen der Salzburger Festspiele beschäftigt sich Blom, von den „Brettern, die die Welt bedeuten“ ausgehend und auch zu ihnen zurückfindend, hauptsächlich mit der unmittelbaren Gegenwart, dem Extrem Moderne und dessen Quellen. Quasi als Zugeständnis an den Rahmen, aber auch als Ergänzung und Zusammenführung seiner bisherigen Ansätze, rückt er dabei die Geschichten in den Mittelpunkt, die sich Gesellschaften erzählen – und wie diese Geschichten die Wahrnehmung und Entscheidungen dieser Gesellschaften hervorbringen und bedingen.

Gleich zu Anfang, ausgehend von einer selbstgebauten Wild-West-Landschaft seines Onkels, kommt Blom dabei auch auf den Maskencharakter solcher zivilisatorischen Selbstentwürfe zu sprechen. Zwar haben sich, so meint er, schon viele dieser Masken in der Revision als romantische Ideale oder ideologische Kondensationen herausgestellt – aber das ändert nicht immer etwas an der Beliebtheit der Masken.

„Manchmal allerdings ziehen die Betrachter, das sogenannte Publikum, die Maske vor. Sie wollen das Gesicht dahinter gar nicht sehen. Sie kennen die Maske, sie ist ihnen vertraut, sie ist Teil von ihnen, ein Requisit in ihren Geschichten. In ihnen geht es nicht um Dokumente, archäologische Funde, statistische Analysen, sie nehmen aus der Vergangenheit nur einige Totems, denen sie ihren eigenen Sinn verleihen, einen Ort ihrer Geschichte, die fast immer die Geschichte eines gerechten Kampfes ist.“

In diesen Totems und ihren Geschichten liegen sowohl die Chancen als auch die Gefahren des zivilisatorischen Selbstverständnisses. Sie können Menschen einen, ihnen ein Ziel geben und Identität stiften, aber nicht selten um den Preis einer Abgrenzung zu anderen Menschengruppen und Identitäten und vor allem um den Preis der Wahrnehmung von sich verändernden Dynamiken, Irrwegen und Paradigmenwechseln, von größeren Zusammenhängen, Aufgaben und übergreifenden Gegebenheiten.

So kann es geschehen, dass die kollektive Wahrnehmung (und mit ihr in großen Teilen die Sprache) einer Zeit

den Blick verstellt auf die Realien hinter den Begriffen, Hierarchien und Ideen, mit denen sie hantiert und auf deren Grundlage sie Entscheidungen trifft, Gegenwart und Zukunft einrichtet.

„Technologien und Projektionen richten sich die Welt ein, schaffen ihre eigene Realität und machen es fast unmöglich, Alternativen ernst zu nehmen. Ihr Vokabular ist nicht dazu geeignet, eine andere Art von Leben darzustellen. […] Die Sprache einer Periode kann nicht nur ein Mittel zur Kommunikation sein, sie kann genauso gut jede effektive Kommunikation verhindern, weil sie sich entwickelt hat, um eine spezifische Realität abzubilden und spezifische Zusammenhänge auszudrücken, nicht aber alle Formen von Wirklichkeit.“

Von hier aus ist es nicht weit zu einer schonungslosen Analyse der Gegenwart, die nur lauten kann: unsere derzeitige Vorstellung von einer Weltwirtschaft, einer industrialisierten und bis ins letzte digitalisierten Welt führt nicht nur eine Sackgasse, sie führt in eine ökologische und gesellschaftliche Katastrophe (zumindest in den Maßen und mit der Geschwindigkeit, die derzeit den Ton angeben).

Soweit unsere Technologien bereits gediehen sind, wir selbst sind noch nicht ansatzweise soweit ihre langfristigen Folgen abschätzen zu können – zumindest handeln wir nicht so. Stattdessen baut ein Großteil der modernen (vor allem westlichen) Vorstellungen auf irrealen oder widersprüchlichen Ideen auf.

„Das Problem ist nicht, dass all dies intellektuell schwer zu erfassen wäre. Unendliches Wachstum ist mit endlichen Ressourcen schwer zu verwirklichen. Es ist viel eher, dass es denen, die die Möglichkeit hätten, daran etwas zu ändern, materiell so gut geht wie noch nie, während sie gleichzeitig unsicherer und gestresster geworden sind als die Generationen ihrer Eltern. […] Später einmal (wenn es denn ein Später gibt) wird man diese Art des luxuriösen Existierens als extremes Beispiel der menschlichen Hybris betrachten. Vielleicht, ein reizvoller Gedanke, wird es der entscheidende Grund dafür sein, warum künstliche Intelligenzen in einer nicht zu fernen Zukunft beschließen, das Experiment Mensch herunterzufahren, weil seine gefährlich gewachsene technologische Reichweite sein eigenes Verständnis so dramatisch in den Schatten stellte, dass es sich verhielt wie ein trotziger Dreijähriger mit einer entsicherten Kalaschnikow.“

Natürlich spüren die Menschen die Widersprüche und Lücken in der Geschichte, die sich unsere modernen Gesellschaften erzählen oder sind einfach unmittelbar davon betroffen, gleichsam Teil der Geschichte zu sein und doch nicht in ihr vorzukommen. Viele füllen die Lücken und beseitigen die Widersprüche, da es keine neuen Alternativen gibt, mit eigentlich überkommenen Bausteinen: mit Feindbildern, Vorurteilen, Identitätskonzepten, die national, ethnisch oder religiös grundiert sind.

Über einen sehr langen Zeitraum war Europa tonangebend, was die offizielle Geschichte der Welt anging (zumindest in Europa, wo sie fleißig zementiert wurde, aber sie wurde auch fast genauso fleißig exportiert). Es entstand der Mythos von der europäisch-westlichen Überlegenheit, der immer wieder neu erzählt wurde, auch im 20. und 21. Jahrhundert. So rechnet sich die EU bis heute an, dass es seit ihrem Bestehen keine größeren Kriege mehr zwischen Staaten auf dem europäischen Kontinent gab.

Blom erinnert daran, dass dies nur die halbe Wahrheit ist. Der andere Teil liegt hinter Scheuklappen, die bis heute großzügig verbergen, dass der westliche Wohlstand und Frieden auf Kosten vieler anderer Länder und Regionen auf der Welt ging.

„Das, so [der indische Historiker Pankaj Mishra], ist Geschichte mit Scheuklappen, die Perspektive des ganz von seiner eigenen Größe durchdrungenen 19. Jahrhunderts. Bevor Europa zum Immigrationsziel wurde, war dieser Kontinent der Weltmeister der Emigration, der weltgrößte Exporteur von Menschen, häufig von armen, ungebildeten und gewaltbereiten jungen Männern. Inzwischen exportiert er nicht seine Einwohner, sondern, abgesehen von seinen liberalen und demokratischen Idealen, auch seine Wirtschaftsinteressen, seine Technologien, seine Waffen, sein Geld, seinen Müll, während gleichzeitig alles unternommen wird, um die drohende »Menschenflut« draußen zu halten.“

Es gibt keine »Flüchtlingskrise«, keine Finanzkrise, keine Eurokrise – es gibt nur eine Krise und diese ist eine Krise des westlichen Modells, der Geschichte, die sich diese Gesellschaften erzählen und weiter erzählen wollen, obwohl deren Ende schon feststeht; und es ist kein Happy End.

Wie kommt man zu neuen Geschichten? Blom ist hier nicht gerade optimistisch, auch wenn er es mit aller Kraft versucht. Man merkt dem Buch an, dass es, nachdem es so viel Erkenntnis- und Sprachkritik betrieben und so viel über die Probleme der Kommunikation und Transformation von Gesellschaften referiert hat, sich schwer tut, aus diesen düsteren Analysen wieder emporzusteigen und noch etwas Freudiges, Hoffnungsvolleres zu verkünden.

Aber in Zeiten, in denen die Erzählung von Gleichheit, Diversität und Inklusion allem Anschein nach für immer mehr Menschen an Attraktion verliert (auch mitunter, weil Leute, die sich als Verfechter*innen dieser Werte aufspielen, sie nicht wirklich voranbringen, wodurch der Anschein von Stillstand entsteht), fällt ein positiver Blick in die Zukunft schwer.

„Die Weiterentwicklung der Idee der liberalen Demokratie ist ein offenes historisches Experiment mit der Fragestellung, ob es möglich sein kann, ohne Zwang, ohne transzendentalen Bezug, ohne designierten Feind und ohne Gewalt diverse und komplexe Identitäten zu integrieren und nur aufgrund gemeinsamer Interessen genug Gemeinsamkeit entstehen zu lassen, um miteinander entschlossen handeln zu können. Bis jetzt haben Gesellschaften meistens reale äußere Feinde gehabt, starke ideologische Macht, rigide Hierarchien, ein Leben mit tatsächlichen Bedrohungen, in dem Sicherheit ein höheres Gut zu sein schien als Freiheit. […] Menschenrechte, Freiheit, Gleichheit, Solidarität sind keine Beschreibungen natürlicher Sachverhalte, sondern ideelle Totems, notwendige Fiktionen, die Gesellschaften zivilisierter machen. Ohne solche geteilten Fiktionen kann es wohl keine wirklichen Gesellschaften geben, höchstens einen Waffenstillstand zwischen unterschiedlichen Gruppen, die nebeneinander denselben Ort besetzt halten. […] Die schönste Geschichte, die sich die Menschheit je erzählt hat, ist auf dem Weg, im Archiv der gescheiterten Experimente abgeheftet und weggeräumt zu werden. Was fest war, verflüssigt sich, Neues wird möglich, alles steht auf dem Spiel.“

Alles steht auf dem Spiel, das ist die Botschaft. Blom fächert sie vielschichtig und gewissenhaft auf, aber sie verbleibt als Atmosphäre, steckt selbst in der kleinsten Abschweifung oder Anekdote, großflächig und breit wird sie vorgetragen. Es ist sicher keine perfekte Analyse, die er liefert, aber sie ist nah dran, mit aller Drastik und Ambivalenz, die nötig sind. Blom predigt nicht, er insistiert.

Ja, er nimmt mit seinem neusten Buch und auch mit den oben genannten selbst Teil am „Kampf“ (eigentlich finde ich Kriegsmetaphern schwierig, aber hier ist sie, für den Nachdruck, angebracht) der Geschichten, denn sie sind nicht selten ein Musterbeispiel für die Verschmelzung von Erzählung und Analyse, Aufbereitung und davon ausgehenden Überlegungen.

Vielleicht können sich die neuen Geschichten (von denen ich durchaus schon viele gehört habe, sie sind bereits da draußen unterwegs) noch rechtzeitig den Kurs korrigieren, vielleicht steigen sie aus der Asche der kommenden Katastrophen, dem gewaltsamen Ende der derzeitigen Geschichte auf. Beides kann ich mir schwer vorstellen. Aber ich hoffe und lese Bücher von Rebecca Solnit, Ta-Nehisi Coates, Julia Ebner, von Philipp Blom (und höre mir alte Volker Pispers-Programme an) und vielen anderen, und die klaren und unverstellten Auseinandersetzungen darin, sie machen mir tatsächlich Mut. Es gibt ihn, den Blick auf die Realien der Zeit.

 "Welche Geschichte dann über die Zeit vor dem Zusammenbruch erzählt wird, hängt davon ab, welche Geschichten sich Gesellschaften heute erzählen, aus welchen Geschichten heraus sie sich selbst und die Welt um sich herum verstehen und moralisch aufladen, welche Haltungen und Handlungen sie motivieren.“

Philipp Blom
Das große Welttheater
Zsolnay
2020 · 180 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-552-05980-1

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