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„Es ist mit den Büchern/ wie mit den leuten./ Man muss sie ernst nehmen.“

Über Philippe Becks ‚Didaktische Gedichte‘ und Jacques Rancières ‚Die Furche des Gedichts‘
Hamburg

Konzept-Kunst ist oft sehr langweilig und wird von belesenen Leuten schöngeredet. Sie rennt einem Begriff nach, versucht ihn irgendwie einzuholen, und kommt meistens dabei raus, etwas halb Verstandenes bemüht zu illustrieren. Konzept-Kunst berühmter Konzeptualisten ist oft blitzschnell fertiggestellt, denn aus der Warte eines höheren Bewusstseins verzichten die Maestros gerne darauf, den harten, arbeitsamen Gang durch die Produktion auf sich zu nehmen …  mitsamt Zaudern, Durchstreichen, temporärer Haltlosigkeit. Wer sich für die Implikationen dieser Ideologie interessiert, dem seien Keston Sutherlands „Theses on the Anti-Subjectivist Dogma“ ans Herz gelegt.

Der Titel von Philippe Becks Band „Didaktische Gedichte“ legt nahe, dass auch hier einer, der’s verstanden hat — immerhin ist Beck Professor für Philosophie in Nantes — bloß ästhetisch aufpoliert seinen Lesern verewigte Wahrheiten vor den Kopf knallt, die sie auch woanders nachlesen könnten.  Lehrgedichte: das klingt nach naturwissenschaftliche Tabellen in Reimform oder moralisierenden Versen, die zur Disziplin im Haushalt aufrufen. Aber nein: Damit hat diese Didaktik nichts gemein.

17 Jahre nach Erscheinen in Frankreich macht der Verlag Matthes & Seitz Berlin mit dem (leider nur einsprachigen) Band „Didaktische Gedichte“ erst die zweite Veröffentlichung eines der meist- und bestdiskutierten Dichters unserer Zeit auf Deutsch zugänglich. Vor einigen Jahren brachte man bereits Becks Bearbeitungen von Grimms Märchen unter dem Titel „Populäre Gesänge“ heraus.

Das Presse-Echo blieb gering. Vielleicht um zu verhindern, dass das nicht wieder passiert, veröffentlicht der Verlag diesmal zeitgleich mit den Gedichten ein Büchlein unter dem Titel „Die Furche des Gedichts. Zu Philippe Beck“. Hier nimmt sich Jacques Rancière, einer der wichtigsten und bekanntesten linksradikalen Denker, Becks Lyrik an und liefert einen der philosophisch interessantesten Beiträge zur Dichtung seit langem.  

 

Was bei der Lektüre von Becks Gedichten schnell deutlich wird: Hier darf sich der Leser nicht in einem bunten Wortreigen ergehen, sich in ein entlegenes, erlesenes Vokabular versteigen, über wohlgeformte, gemächliche Verse gleiten — im Gegenteil. Die Verse sind kurz. Die Sätze knapp. Keine Reime, wenig klangliche Mittel. Stattdessen: merkwürdig Neologismen in allen Wortarten. Hier werden keine Landschaften beschrieben, in die man eintauchen darf, und auch keine unerschöpflichen Psychentiefen. In diesen Gedichten erlaubt sich jemand zu denken. Und zwar auf eine Art, wie es sich akademische Philosophen, geschweige denn Wissenschaftler, nicht erlauben würden. Jacques Rancière bringt im ersten Vortrag des Buchs („Noten zur transzendentalen Buphonie“) auf den Punkt, worum es Beck geht:

„Die neue didaktische Dichtung kann nicht mehr die Kunst sein, den Unterricht in Ackerbau für Analphabeten in Verse zu packen. Didaktische Dichtung bedeutet nicht mehr in Verse verpackte Sachkunde, sondern Unterricht des Dichters durch das Gedicht.“

In Becks Lyrik „vergesellschaften“ sich die Worte

„und diese Gesellschaft bietet sich zu neuen ‚didaktischen Gedichten‘ an; sie bietet sich dazu an, neu unterrichtet zu werden über den Unterricht, den sie über sich selbst erteilt.“

Der Leser didaktischer Gedichte muss als radikal mündig gedacht werden. Er partizipiert an diesen Sprachkunstwerken nicht als Depp, der vor Staunen schweigen soll oder lernen muss, Wahrheiten, die andere für ihn gefunden haben, zu repetieren, sondern muss sich auf eine Konversation einlassen, mitdenken statt mitfühlen, immer wieder Gewusstes in Frage stellen. Kurzum: Der Leser muss sich zu Becks Gedichten verhalten. Es gibt in diesen Texten keinen doppelt und dreifachen Boden in der Bedeutung der Wörter, die immer eine Hintertür bereithalten, damit das Gedicht unverbindlich bleibt, was man dann gerne sehr dürftig „offen“ nennt. Denn der Dichter darf nicht klüger sein, als sein Gedicht: Sonst wird es schlecht.

In Becks Gedichten tauchen berühmte Schriftsteller, literarische Figuren, Philosophen auf. Jedoch erschöpfen sich diese Anspielungen nie darin, einfach Geste zu sein. Sie sind ernste Auseinandersetzungen mit dem, was für Beck ein Werk, ein Stoff, ein Denken ausmacht. So fragt er in einem Gedicht über den Feldherrn Wallenstein — Schiller ist wohl einer von Becks wichtigsten Gewährsmännern — nach dem Verhältnis von Handeln, Wille, Passivität:

„Ist er ein self-made man?
Großer Mann
von heute oder von später?
Nichts von beidem
auf der ebene des eingriffs.
(…)
Und er will wollen,
wollen bekommt ihm schlecht,
steht ihm kaum.
(…)
Die geschwindigkeit stellt ihn still.
Er bremst, will das
steigernde
pferd bremsen.
Er will die solidität
im countdown.
Die zukunft gefaltet in die anhängliche gegenwart.
Sich abschwächen können nach belieben.
Wenn’s ihm beliebt. Prologisieren für immer.
Das offene schließen.
Entweder wiedermachen oder entmachen.
Von neuem
das neue vereiteln.“

Ernst schreiben bedeutet aber auch nicht einfach „Schwere“, geschweige denn „Reinheit“. Aus den didaktischen Gedichten wird die Umgangssprache nicht verbannt. Es geht nicht um philosophische Abstrakta, die aus unangetasteter Natur dem Leser entgegenspringen. In einem Gedicht mit dem Titel „Amusement“ kommt Beck auf den griechischen Sophisten Demokrit zu sprechen, den Begründer des Atomismus. Und hierbei verwebt er vielleicht die Lächerlichkeit eines gelehrigen Mannes, für dessen Denken wiederum fast alles auf der Welt lächerlich sein muss angesichts seiner Theorie:

„Demokrit hängt die lunge aus dem halse
und er schüttelt sich im lachen.
In einem fort.
Denn er sieht
Durch einen grauen schleier
Das theater:
Er belustigt sich nicht
gratis
Über den redegewandten, den er
im Zirkusstaub wandeln sieht,
in einen vorhang gehüllt.
Wo doch alles
staub, und staubzusatz,
aber theorie der atome,
leer und unendlich.
Die wissenschaft, die an kein ende kommt,
die reihen oder stapel atomisierter
bücher, sie werden geachtet.

Demokrit kann nicht lachen.
Man weiß, dass er schweigt.
Weise.
In einer gartenlaube.
Er kommt weit in der wohlgemutheit.
Wo ist der scherzkeks?
Beischlaf ist lustiger schlaganfall?
Nein. Was ist lustig?

Im lokal der idiotie
kann man nichts machen.“

Die Sprache dieser Dichtung kann man als „rüde“ bezeichnen, so tut es zumindest der Philosoph Alain Badiou. „Rüde“ ist dabei als Gegenteil von „érudi“ zu verstehen, was „gelehrig“ auf Französisch heißt und genauer betrachtet eben das Loswerden des Rüdeseins: Bildung. Tim Trzasalik findet für zahlreiche Eigenheiten von Becks Dichtung überzeugende, „rüde“ übersetzerische Lösungen, bleibt den Gedichten treu: wenn dieses Deutsch dann auch alles andere als lyrisch klingt und genauso wenig einem lockeren Parlando gleichkommt. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Gedichte auswendig gelernt  und einem angehimmelten Menschen vorgetragen werden. Ob das die Aufgabe von Dichtung heute ist, lässt sich aber sowieso bezweifeln. Neben zwei Vorträgen Rancières, einem längeren, schriftlichen Gespräch mit Philippe Beck und den besprochenen Gedichten (auf Deutsch und Französisch zum Glück), findet sich in dem Band „Die Furche des Gedichts“  auch die Diskussion während des Beck-Kolloquiums im Anschluss an Rancières Vortrag: Und was Philosophen, Philologen und Literaten sowie der Dichter selbst im Eifer des Gefechts um die Auslegung der Gedichte zu sagen haben, ist höchst lesenswert, geht es doch um nichts Geringeres als die Frage, was Dichtung heute ist, sein kann, muss. Ein Gespräch zwischen Leuten, die sich nicht schnell zufrieden geben und in offenen Widerspruch geraten. Rancières eigene Auslegung wird dabei angegriffen.

Allen, die sich als Leser nicht schnell mit atmosphärischen Versen und aufgehübschten Wörtergärten zufrieden geben und die Nähe der Dichtkunst zur Philosophie interessiert , ist deshalb ausdrücklich empfohlen, sich auf Philippe Becks „Didaktische Gedichte“ (in kleinen Dosen am besten) einzulassen und Jacques Rancières Einlassungen zu lesen … Vielleicht sogar um einigen Gedichten und elaborierten poetologischen Positionen als mündiger Leser zu widersprechen.

 

Philippe Beck
Didaktische Gedichte
Übersetzung: Tim Trzaskalik
Matthes & Seitz
2018 · 216 Seiten · 26,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-348-3
Jacques Ranciere · Philippe Beck
Die Furche des Gedichts
Übersetzung: Tim Trzaskalik
Matthes & Seitz
2018 · 164 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-344-5

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