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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

2x Sollers, wiederaufgelegt

Hamburg

Seit Jahren prinzipiell verschollen, sind zwei nicht unwichtige Bücher von Philippe Sollers aus den frühen 60er Jahren wieder aufgetaucht: im Fischer Verlag als Nachdruck der Originale, mit  zeitgemäßen, gewöhnungsbedürftigen Covern. Der Park aus dem Jahr 1961 und Drama von 1965. Hierin unternimmt Sollers einen Neueinstieg, weg vom Nouveau Roman, hin zu einer sprachlich stark verfeinerten, genauen Introspektion, man kann sagen, auch ein wenig zurück vom Wiederholen, vom Abfotografieren mit Worten, vom konzeptuellen Herumgeometrisieren, wie es seine Ex-Mentoren Robbe-Grillet, Sarraute etc. noch wenige Jahre zuvor recht breit erfolgreich taten. Ohne die Verspieltheit von Oulipo, geht Sollers einen melancholischen, in Drama merklich zunehmend lebensmüden, traurigen Gang, mit genauer, rhythmisch wohlkomponierter, detailreicher Sprache, die dem Erzählen zwar abgeschworen hat, und nach wie vor konzeptuell vorgeht, doch letztlich einen "echten" Gefühlsreigen rund ums Schreiben/ Denken/ Ordnen konstruiert. In Der Park ist es der Schreibende, Sollers probablement, der sich selbst beim Schreiben und Imaginieren zuhört und notiert. Die Frau, das Kind und der verlorene Freund tauchen übergangslos in den kurzen Prosastücken auf, mit einem "Ich", das am selben Abend, eine lau-feuchte Pariser Nouvelle Vague Landschaft, als "Er" auf dem Balkon sitzt, raucht, vor dem Blatt Papier resigniert. Die Orte werden miteinander verbunden, eine Kartografie aus Erinnerungen, lebendig wie die Metro, füllt die Seiten. Eine schwere, fast wässernde Lektüre, die Literaturen und Sichten wie die von Handke beispielsweise schon vorwegnimmt.

[...] denn plötzlich atmete er tiefer – als betrete er ein anderes Element, als litte er Luftmangel – dann blieb er stehen, ging weiter); befreites Schweigen eines Menschen, der endlich einen Ausweg gefunden hat, indem er auf eine Funktion oder einen Sinn verzichtete.

[...]

Überall unsichtbar, wie hier, erfüllend, durchdringbar, dem den Raum durchfegenden Handrücken kaum Wiederstand bietend, zirkuliert die Luft, füllt auf, erfüllt ihre endgültige Vereinigung. Ein Körper war da, stehend, liegend, kaum sich regend, dicht und durchsichtig, noch einige Augenblicke des Atmens fähig vor dem letzten Atemzug. Schon kann er die Finger seiner rechten Hand nicht mehr zählen, er zögert, er kann die Finger der Hand nicht mehr zählen, die man unter seine Augen geführt hat, er gleitet in diesem Augenblick vielleicht in das weite vorgeahnte Land ... Schmerz und Entfernung wachsen, lassen nicht  mehr nach; unaufhörliches Zurückfluten ohne Umkehr. Einen Augenblick hat er den so lange gesuchten Spalt gesehen, die Öffnung, die nicht wählt (doch hinter dem Bettpfosten bleibt alles ruhig), die so lange erträumte Verschiebung, während sich vom Grunde aus alles übrige erstreckt und verdunkelt, sich entfernt, im Dunkel dahinschwindet und in heftigem Wirbel endet, dass er diesen Klang ganz nahe sieht, diesen Klang, dessen Farbe alles zudecken will und den niemand hört, niemals jemand hören wird.

In Drama wird Sollers radikaler, aber auch zugleich bruchvoller. Es geht in die Konjunktive und die nahezu vollständige Abstraktion. Der langjährige Tel Quel Herausgeber, die Brutstätte einiger Dekonstruktion und PoststrukturalistInnen, wählt das Spiel als Konzept und lässt die Lesenden sozusagen in Echtzeit an der Entstehung des Romans, der scheitert, teilhaben. Der Text fordert einiges ab, schafft es wiederum aber stellenweise äußerst gelungene Passagen in den Fluss zu stellen, in seinem stoischen maschinellen Habitus.

[...] Er könnte natürlich auch die Situation zusammenfassen oder übertreiben: ein Mann, eine Stadt, eine Frau – was passiert, was geschieht –, zu einer elliptischen Erzählung fortschreiten, die den Vorzug hätte, aus tausend konkreten Einzelheiten und zugleich aus persönlichen Elementen Gewinn zu schlagen. Er könnte zu einer bequemen Fabel Zuflucht nehmen: aufwendige Darbietung vor Legendenhintergrund, immer zweideutigere Abschweifungen, unterirdische Kniffe, Dementis, Umwege ... (So schreibt man wahrscheinlich ein Buch. Doch, es geht schon darum, ein Buch zu schreiben ...) Es ist nicht der täuschende Augenschein der ersten Feststellungen, auch nicht eine bevorzugte Erfindung, welche die Frage in seinem Auge aufrechtzuerhalten vermag.

Zwei spannende Bücher. Avanciert und mit Klassikerstatus, fast nostalgisch zu lesen. Das war eine gute Idee vom Fischer Verlag, sie zu digitalisieren und erneut zu drucken. Sie hätten auch einen neuen Satz/ eine neue Gestalt verdient. Vielleicht sogar ein Nachwort.

Philippe Sollers
Der Park
Übersetzung:
Elisabeth Schneider
Fischer
2018 · 108 Seiten · 14,99 Euro
ISBN:
978-3-596-32142-1
Philippe Sollers
Drama
Übersetzung:
Gerd Henniger
Fischer
2018 · 170 Seiten · 14,99 Euro
ISBN:
978-3-596-32148-3

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