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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Die Zunge friert

Hamburg

Die Zunge friert

"[...]
Die Birkenzweige fuchteln mit frischen Trieben,
jetzt gilt's.
Jetzt
ist hier still, jetzt
scheint die Sonne ins Fenster,
warm wird's, jetzt
                        leben wir ...
Aber was geschieht,
wenn die Bäume mit der Wurzel
                                               herausgerissen werden –
wenn sie langsam hinausschweben,
                               wo Sterne asphaltiert werden?"

Pia Tafdrup ist eine der bedeutendsten lebenden Lyrikerinnen Dänemarks. Sie wurde 1952 geboren und hat bis heute zwei Romane und 17 Gedichtbände auf Dänisch veröffentlicht, außerdem Radiospiele und Dramen. In einer neuen Publikation der Stiftung Lyrik Kabinett München ist im Juni diesen Jahres ihr erste Buchveröffentlichung auf Deutsch, übersetzt von Peter Urban-Halle, namens Tarkowskis Pferde erschienen. Das wurde auch Zeit, möchte man meinen. Sie ist bereits in über 25 Sprachen übersetzt worden und hat in Dänemark viele wichtige Auszeichnungen erhalten. Die Originaldichtung Tarkovskijs heste publizierte man bereits 2006.

Sie ist sehr lesenswert, das vorweg. Der Band ist in zurückhaltend schöner, papiergriffiger Ausstattung produziert worden mit eigener Typographie von Friedrich Pfäfflin. Das hochformatige, kartonierte Buch mit dem schweren Papier hebt sich wohltuend ab von allen jenen Publikationen, die jeden verfügbaren Umschlagraum mit Texten, Werbung und "geilen Zitaten" pflastern, bei Tarkowskis Pferden herrscht gähnende Leere, nur das Papier ist da, nicht einmal die Cover U4 ist bedruckt. Auf den Broschurklappen jene spärlichen Informationen s.o., und sofort geht der Band los mit einem Intro Gedicht, später auch ein Outro Gedicht, gefolgt von einem behutsamen Nachwort Peter Urban-Halles.

Dazwischen also Tarkowskis Pferde, jener Zyklus, der in seiner Entstehung einer Proustschen Erinnerungswelle nachempfunden ist bzw. ein ähnliches Erweckungsdéjà-vu zur Initiation hatte. Statt auf Madeleine schaut Tafdrup zum wiederholten Male den großartigen Andrej Tarkoswki Film Andrej Rubljow, die Pferdesequenzen vor allem, während eines von ihr abgehaltenen Seminars. Auf der Rückfahrt im Zugfenster bietet sich ihr dasselbe Bild dar: Pferde, grasend. Sie kommt auf ihren Vater. Gestorben nach langer Krankheit, im Stadium weit fortgeschrittener Demenz. Pia Tafdrup schreibt den Band in einem Zug.

So liest er sich auch. Ein Rausch aus Versen, Gedichten, Metaphern zu der sich real abspielenden/ abgespielten Situation. Erinnerungen vermischen sich mit Äußerungen. Über allem der Stern des Abgangs, das Auslöschen, der Zerfall einer Welt. Tafdrup gelingt es eindrücklich, das Persönliche mit der künstlerischen Gestaltung zu verbinden. Der Band hält eine großartige Waage aus Dingen, die so gesagt werden müssen, weil sie (offensichtlich) so sind, hart und unwiederbringlich, konfus und kirre machend, und dem Abheben des Textes durch die Inspiration. Die Gedichte sind nicht schonungslos real oder abgedreht sonstwo, sie sind in dieser ehrlichen Waagsituation von zwei ineinander kippenden Welten. Die Sinneseindrücke, die Beschreibungen des sich plagenden, suchenden, stolpernden Vaters, zu dem Pia Tafdrup ein sehr enges Verhältnis gehabt haben soll, und die metaphorische Welt einer lyrisch Weitgereisten. Beides trifft sich in sorgfältiger Komposition, rhythmisch frei fließend und meist auf einer oder zwei Seiten gesagt.

"Finde fünf Fehler

So simple Dinge wie Brieftaschen
sind plötzlich futsch,
und Hut und Handschuh verschwunden
spurlos wie Regen auf Wasser.
Das Licht zögert.
Und wo sind Adresse und Telefonnummer
der Eltern meiner Mutter?
                               (sie sind ja tot).
Der Spiegel ist so still, so unentschlossen,
wenn mein Vater hineinschaut.
Die ganze Stube dreht sich rückwärts
um ein Wort
in einem stummen Satz.
Die Logik ist über
                       alle Normen-Berge,
auch einzelne einleuchtende Wörter
                                                     sind fortgeflogen
auf ausgebreiteten Flügeln.
Alles wirbelt dem Zentrum entgegen,
streckt sich –
                in Wellen dem Unendlichen entgegen.
Aber die Grammatik wohnt hier weiterhin,
und der Puls schlägt.
Wunderbar überleben die Gefühle,
                                               gestikulieren die Hände."

Sehr gelungen an dem Band ist die Gegenüberstellung des dänischen Originaltextes mit der deutschen Übersetzung. Nicht jedes Gedicht erscheint zusätzlich zur Übersetzung, sondern ungefähr die Hälfte in loser Reihenfolge. Diese Idee lockert auf, unter den rein deutschen Texten steht zumindest der Originaltitel. Bei den meisten Gedichten kann so ein genauer Blick auf die Eigenheiten des Originals geworfen werden. Das Dänische ist eine interessante Mischung aus sehr vielen einsilbigen Klangwörtern, wesentlich knapper als das Deutsche, fast wie in englischen Gefilden, durchsetzt mit erstaunlich langen, mehrsilbrigen Komposita, die dem Deutschen auf den ersten phonetisch-rhythmischen Blick ähnlich scheinen, immer eins je Zeile gefühlt. Tafdrups Sprache wirkt ökonomisch und sicher, die Übersetzung macht einen ernsten und gewissenhaften Eindruck. Der Band liest sich in seiner Gesamtheit geschlossen und soghaft, er sollte bei dem Thema auch durchaus in einem Zug genossen werden. Denn obwohl man weiß, worauf es hinausläuft, oder gerade weil man das weiß, spricht/ spielt der Band zu/ mit einem. Im Outro Tarkowskis Pferde, dem titelgebende Gedicht, heißt es:

"Mit der gleichen erhabenen Ruhe,
die Tarkowskis Pferde
in Andrej Rubljow
                ausstrahlen
in den letzten Bildern des Films,
ist mein Vater zugegen,
ruhend in sich selbst.
Er war in Flammen
gehüllt,
und ich hab seine Urne
zum Grab getragen.
Das Sein ist nicht
sein
ohne Schmerz.
Ich trage ihn
in meinem Innern
als neue Autorität.
Kraft der Zunge –
[...]"

Pia Tafdrup
Tarkowskis Pferde
Zweisprachig dänisch/deutsch
Übersetzt von Peter Urban-Halle
Lyrik Kabinett, München
2017 · 117 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
9783938776452

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