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Kritik

Stimmen, zum Elixier verdichtet

Der Dichter Pierre Chappuis ist eine bemerkenswerte Entdeckung
Hamburg

Literaturgeschichte ist auch eine Geschichte der fortgesetzten Ungerechtigkeiten. Denn falsche Urteile und der Mangel an gebührender Aufmerksamkeit dürften allemal nicht die Ausnahme sein. Wer zum Beispiel etwas über Pierre Chappuis in Erfahrung bringen möchte, muß länger im Internet suchen und stößt dennoch nur auf die dürftigsten Informationen. Chappuis wurde 1930 in Tavennes im Berner Jura geboren und arbeitete jahrzehntelang als Lehrer für französische Sprache und Literatur in Neuchâtel, wo er noch heute wohnt. Den ersten Gedichtband legte Chappuis erst 1969 vor, also mit beinahe vierzig Jahren, und es sollte, so der Übersetzer Felix Philipp Ingold in seinem Nachwort, noch einmal zwei Jahrzehnte dauern, bis er in José Corti einen verläßlichen Verleger fand, so daß seither mehr als ein Dutzend Lyrik- und Essaybücher in schöner regelmäßiger Abwechslung erscheinen konnten. Geschadet hat ihm die mangelnde Umtriebigkeit in der Literaturszene nicht, im Gegenteil ist so in aller Stille ein erstaunliches Werk entstanden, von dem nun mit „So weit die Stimme reicht / À portée de la voix“ der erste Titel in — hervorragender — deutscher Übersetzung vorliegt.

Pierre Chappuis erreicht in seinen Prosagedichten eine Konzentration, Melodiosität und Eleganz des Satzbaus, der vergessen macht, daß diese Gedichte nicht in Zeilen gefügt sind. Was an dieser Stelle nur besagen will, daß Kategorien und Schubladen einmal mehr obsolet und unnötiger akademischer Ballast sind. Jedenfalls stehen Chappuis’ Gedichte inhaltlich und formal in der Nähe und Verwandtschaft zu Philippe Jaccottet und dem späten René Char, um nur die beiden hierzulande bekanntesten Namen der groben Orientierung halber zu nennen, wobei sie durchaus individuell und originell bleiben.

Als Momentaufnahmen, eingefangene Stimmungen aus der Natur, Umweltlotungen könnte man die Gedichte bezeichnen. Doch erschöpfen sie sich nicht deskriptiv im Hier, im Sichtbaren, sondern schaffen auf subtile Weise ein diffiziles sprachliches Gewebe mit „dem, was sich unter den Kettfäden durchzieht“. Das gelingt allein dadurch, daß die Oberfläche mit feinem Sensorium abgetastet wird; kein lärmender Aufwand ist dafür nötig, nur die schlichte, in exakte Worte destillierte Präzision. In den poetologischen Aufzeichnungen, mit denen der Band schließt, hat es Chappuis selbst so ausgedrückt:

DAS MURMELN ALL DER DINGE? Eine, so fürchte ich, trügerische Vorgabe. Alle Dinge, wo ich doch bloss ein paar wenige von ihnen umkreist haben werde, stets die gleichen, geeignet freilich, um eine vertiefte Beziehung zur Welt zu gewähren, Bereicherung eines jeden Augenblicks — eigentlich wie alle andern Dinge auch, jene jedenfalls, die der Liebe wert sind und die uns wachhalten.

Mit anderen Worten, die konkrete Einzelheit und die Abstraktion fallen beinahe auf einen Punkt zusammen, Subjekt und Objekt nähern sich einander an; die scheinbar nüchterne, ‚objektivierende’ Beschreibung wird durch den persönlichen Blick energetisch aufgeladen, alles ist neu, so daß sich nirgends der Eindruck des bereits allzu oft Gehörten einstellt. Die Dingwelt bleibt für sich bestehen, sie ordnet sich aber nach menschlichem Maß in den Fügungen der Syntax mit ihren Metaphern und Rhythmen. Das Ungenügen der Sprache führt zu fortwährenden Umkreisungen, Annäherungen und Distanznahmen, und am Ende bleibt bloß ein vager Eindruck, der dennoch starke Bilder evoziert, wie etwa in dem Gedicht „Vogelperspektive“:

Dort unten schimmert das Blechdach eines freistehenden, wohl verlassenen Schuppens, verrostet, trostlos, wohl ohne jeden Reiz für Ankömmlinge (doch die Distanz!).

Taumelt, steigt unmerklich höher, scheint im Rhythmus einer gedämpften Atmung zu schweben.

Deinen Blick, los, hefte ihn (das Verschwommene aber!), eh der Zielpunkt zergeht, wo die Dämmerung aufscheint.

Das Schreiben, sagt Chappuis, sei eine Verpflichtung zu „anhaltender Aufmerksamkeit“. Und tatsächlich scheinen die Gedichte aus großer Konzentration entstanden zu sein, sowohl nämlich auf den Gegenstand als auch auf den Schreibenden selbst, der das Sichtbare und das Unsichtbare mit den Fäden der Sprache zusammennähen muß. Diese ist von einer kühlen, wohlüberlegten Schönheit, in der Fragen und Zweifel sehr gut aufgehoben sind, weil sie betört, aber nicht bezwingt, und in aller Bescheidenheit versucht, dem Unsagbaren Ausdruck zu verleihen (‚abzutrotzen’?).

Pierre Chappuis · Felix Phillip Ingold (Hg.)
So weit die Stimme reicht / A portée de la voix
Gedichte und zwölf Aufzeichnungen, französisch und deutsch
Übersetzt von Felix Phillip Ingold
Limmat
2017 · 152 Seiten · 38,00 Euro
ISBN:
978-3-85791-827-8

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