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„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Hamburg

Ein oberflächlicher Blick auf die neueste Ausgabe des Poesiealbum neu lässt nicht erahnen, dass es sich um eine Anthologie von Gedichten zu Ehren des 250-sten Geburtstages von Hölderlin handelt. Lediglich das Logo „Hölderlin 2020“, das auf der Rückseite oben rechts prangt, deutet dezent darauf hin. Dieses Jubiläumslogo der Deutschen Schillergesellschaft e.V., des Deutschen Literaturarchivs Marbach soll die vielfältigen Jubiläumsaktivitäten verbinden und für eine hohe Wiedererkennung sorgen.

Das Titelbild von Andreas Weißgerber zeigt den Kopf einer kargen Gestalt - mit Ziegenbart und dürrem Haarzopf -, der in einer steinigen Gegend aus einem kargen Berg erwächst. Auf dem Hinterkopf erblüht ihm eine exotische weiß-lila Blüte: Soll das die Poesie sein, die dem Dichter Hölderlin entspringt? Oder handelt es sich bei der Person um den Eremiten aus Griechenland - so der Untertitel des Briefromans Hyperion von Hölderlin?

Diese Anthologie baut auf bzw. setzt fort, was 1993 im Reclam Verlag als eine Edition zeitgenössischer Gedichte unter dem Titel An Hölderlin erschienen ist. Als intertextuelle Bezugsquelle war damals das Hölderlinsche Gedicht Hälfte des Lebens erkennbar. Und auch der vorliegenden Anthologie dient dieses Gedicht als Bezugspunkt, und ist ganz vorne auch abgedruckt. An ihm orientieren sich mehr oder weniger die insgesamt 104 Gedichte (inklusive einiger Notate am Ende der Anthologie) von 101 Autor*innen.

Die Gedichte sind dabei sehr unterschiedlich, und auch ganz unterschiedlich nah an Hölderlin dran. Einige nehmen direkt Bezug auf das Gedicht Hälfte des Lebens. Zum Beispiel heißt es im „Nachtgesang“ von Andreas Müller:

choreografiert er einen Tanz
mit dreiundachtzig Silben.

Am Ende des Reigens
blickt er ein wenig irritiert
auf ein Wunder aus vierzehn Versen

Dabei besteht Hälfte des Lebens gerade aus 83 Silben und 14 Versen. Auch wird in vielen Gedichten von Schwänen und vom heilignüchternen Wasser gesprochen. Beides kommt in der Hälfte des Lebens vor. Mehrfach wird angeführt, „dass [hierbei] Schwäne / für Dichter stehen“, eine Vermutung, die meines Erachtens schlüssig ist.

Noch häufiger sind Gedichte mit Bezug zu Hölderlin und seinem Leben. Häufig wird erwähnt: der Turm in Tübingen am Neckar (wo Hölderlin später bis zu seinem Tod gelebt hat), Scardanelli (so hat Hölderlin in seinen späten Jahren oft seine Gedichte unterschrieben), Diotima (so nennt Hölderlin seine Geliebte Susette Gontard im Hyperion), Narr(heit), Wahnsinn, verrückt (spielt auf den Geisteszustand vom späten Hölderlin ab).

Es gibt Gedichte, die Hölderlin im Hier&Jetzt verorten. Im Gedicht „Hölderlin“ von Britta Lübbers heißt es:

Die Band mit seinem Namen
Spielt heut Nacht im Rockpalast

In fremden Strophen und
In allen Wintern
Klirren seine Fahnen

Dabei ist die Band Hölderlin tatsächlich 2005 im (Kraut-)Rockpalast des WDR aufgetreten. Oder im Gedicht „Hyperion - Übernachtung mit Frühstück“ von Wolfgang Franke:

Das nenn ich Anspruch:
Steig ab im HYPERION

Übernachtung mit Frühstück
Hauptbahnhof Ostseite

Bestimmt hängt Diotimas
Schattenriß an der Wand
[...]

Unter dem Kopfkissen
der Schmerzensroman des Eremiten
Und zum Frühstück
griechische Zitronen.

Wobei es zumindest in Deutschland kein Hotel Hölderlin gibt. Aber das Gedicht ist stimmig, verweist es doch auch auf den Untertitel des Hyperions.

In dieser Anthologie finden sich auch Gedichte ohne erkennbaren Bezug zu Hölderlin, die aber die Stimmung seiner Gedichte/Texte ausdrücken. Zum Beispiel Peter Frömmigs „AUF EINMAL“:

Und die Freiheit, aufzubrechen
Wohin du willst, wie damals
ohne den Ballast von Information
Von Statistiken und Prognosen

Oder „DICHTERS MEDIZIN“ von Nada Pomper:

Neigte er [der liebe Gott] sich zuletzt
Der Dichter-Träne zu.
Ihr schenkte Er

[...]

Die Bitterkeit der Welt dazu,
Damit der Dichter-Träne
Die süßen Krümel,
Als Medizin
In die Welt verteilt

Es finden sich in der Anthologie sogar ein paar Gedichte, die sich reimen. Sie sind aber - nach meinem Geschmack - durchweg schwächer als der Rest der vorliegenden Gedichte.

Auch ein paar Parodien sind vertreten. Sie sind im Aufbau (83 Silben und 14 Verse) der Hälfte des Lebens direkt nachempfunden, aber mit teils absurden Aussagen. Zum Beispiel „Mit gelben Blättern hängt“ von Bernd Storz:

Schwäne, wir tunken
das Fleisch in die Soße
und machen alle vier Jahre
das Kreuz

Es gibt natürlich auch ein paar Gedichte, die keinerlei Bezug zu Hölderlin erkennen lassen. Aber auch Gedichte, die auf die aktuelle Corona-Krise eingehen. Zum Beispiel „Pandaimonia“ von Stefan Kabisch:

Wo Corona die Krone der Schöpfung duelliert
aber auch Freiheiten miteinander ringen, droht
Gefahr für die gemeinsam geteilte Hälfte des Lebens

Hier wird nicht nur Bezug genommen auf die Hälfte des Lebens, sondern die kursiv gesetzten ersten Wörter jeder Zeile des gesamten Gedichtes ergeben hintereinander gelesen: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Das sind die Verse drei und vier der ersten Strophe der Hymne Patmos von Hölderlin.

Fazit

Diese Anthologie kann vielfältig zum Einsatz kommen. Man kann sich dadurch einen ersten Überblick über Biographisches und Bibliographisches zu Hölderlin verschaffen. Man kann es als Einstieg in die Lektüre des Hyperions oder der Gedichte Hölderlins nutzen. Man kann sehen, wie sich Dichter*innen einem bestimmten Thema - in diesem Fall Hölderlin und sein Gedicht Hälfte des Lebens - annehmen. Und man kann sich eine Vorstellung davon machen - und das unabhängig von Hölderlin - wie vielfältig Lyrik generell sein kann.

In einem der Notate wird den Leser*innen auch ein guter Ratschlag mit auf den Weg gegeben: „Wir sollten ihn [Hölderlin] hören, nicht nur an den seltenen Gedenktagen, seine poetische Sprache und seinen idealistischen, jeder Ideologie entgegengesetzten Widerstandsgeist“.

 

Poesiealbum neu / Poesie & Narrheit
Gedichte und Notate
edition kunst & dichtung
2020 · 92 Seiten · 7,50 Euro

Fixpoetry 2020
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