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Kritik

Exzessive Höflichkeit

Hamburg

Ein Prosaband der russischen Lyrikerin Polina Barskova ist dennoch ein lyrisches Unterfangen. Lebende Bilder, übersetzt von Olga Radetzkaja (Suhrkamp), ist vor allen Dingen formal ein gewagtes, aufgehendes Stück Literatur. Bevor es in den titelgebenden Text geht, in Wirklichkeit in der Notation eines dramatischen, szenischen Schreibens, – Lebende Bilder wird dokumentarisches Märchen genannt, indem die in der Eremitage eingeschlossenen Personen als tableaux vivants sich die Zeit vertreiben – werden verschiedene interagierende Prosastücke passiert, die sich ziemlich jenseits konventionellen Erzählens überallhin erstrecken. Nicht immer auf den ersten Blick zugänglich, ist ein bisschen Vorwissen über die Epoche / Figuren der Leningrader Blockade von Nutzen – eine Epoche, die Barskova als Literaturwissenschaftlerin untersucht hat.

Besonders die Streifzüge, Selbstfuhren der interagierenden Prosastücke sind gefüllt mit überraschenden Wendungen, Bildern: „die Sperrballon-Spinnen über der Stadt“. Eine entschieden persönliche Auseinandersetzung mit Orten, Personen, deren intuitive Vernetzung, die Lyrikerin verrät, bisweilen verhaftet durch eincollagierte Gedichte, plötzlich auftretende Bezeichnungen, „Einlassungen“, wie sie Barskova selbst in ihrem Postscriptum nennt.

Graublaue Schwarzbeerbüsche sind es, in einem Wald aus leichten Kiefernmasten, der Wald steht oben offen, hilflos: jemand hat den Deckel abgenommen (und verloren, er ist weggerollt), wie von einer Alukanne, und kalte Sonne eingefüllt.

[...]

Die nächste Erinnerungsinsel taucht auf (ich glaube, die Erinnerung funktioniert wie eine Suppe, durch die man das Löffelruder zieht, und dabei tauchen in überraschender Reihenfolge überraschende Dinge auf).

[...]

Das zeigen auch die Aufzeichnungen im Tagebuch:
                6. April. Gelegen.
                7. April. Gelegen.
                8. April. Gelegen.

„Wörter führen Gespräche“, nennt Übersetzerin Radetzkaja in ihrer Nachbemerkung jene herausfordernde Methode von Polina Barskova, der sie trotz des hohen Schwierigkeitsgrades des Originals anspruchsvoll begegnet. Lebende Bilder ist formal lohnende Textarbeit, ein reich gesponnener Band um Kunst, KünstlerInnen, die Bedingungen ihrer gegenseitigen Durchdringung in Zeiten des Durchhaltens.

Polina Barskova
Lebende Bilder
Übersetzung:
Olga Radetzkaja
Suhrkamp
2020 · 218 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42942-6

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