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Illustration von Judith Sombray
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Kritik

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Hamburg

Qian Zhongshus Klassiker Die umzingelte Festung ist als Partnerpublikation zu Wir drei seiner Frau Yang Jian bei Matthes und Seitz Berlin erschienen, ebenfalls in der Übersetzung von Monika Motsch und mit ihrem Nachwort, Anmerkungen versehen sowie einem originalen, sehr schlagfertigen Vorwort des Autors zur Urausgabe von 1989. Der Roman, der einzige aus der Feder des „drangsalierten Genies“ Qian Zhongshu, ist eine frische Reihung Dialoge, fast schon ein Reigen, mit autobiografischen Milieuzügen aus dem akademischen China der späten 30er, 40er Jahre, noch vor der Gründung der Volksrepublik, mitten im teils gewaltvollen Umbruch zwischen Öffnung und Tradition, Moderne und Japan-/ Bürgerkrieg.

Zhongshu, der selbst „mit Augen des Westens“ als „belesene Brücke“ nach China zurückkehrte, nimmt im Bild der umzingelten Festung jenen Haltungsgeist aufs Korn, irgendwo auf der Suche nach Orientierung im anrückenden Chaos. Chaos, das sowohl Westen wie Osten unterschiedlich bewohnt.

Die Preise schnellten hoch wie ein Papierdrachen, bei dem die Schnur reißt.

In seinem pikaresken Kartenhausszenario streift der Möchtegern-Held Fang Hongjian durch einen vom Krieg gebeutelten Universitäts- und Beziehungsparcours, bevölkert mit „mittleren Charakteren“, ungeschickt, fehlerhaft, intrigant. Beinahe entwickelt der lebendig übersetzte Text Züge einer beschwingten Gesellschaftskomödie. Beschreibungen glänzen hauptsächlich durch Frechheit und Seitenhiebe, Pseudo-Gelehrtengespräche mit eingestreuter Lyrik und Sprachwechseln, denen Übersetzerin Motsch ihrerseits mit Registertausch begegnet.

Fang kämpfte unverdrossen mit dem Hahn und sagte verbissen: „Du hörst ja nicht auf mich, du musstest ja westlich essen.“

Fang, der sich als Hochstapler herausstellt, hat einen zu Beginn des Romans außergewöhnlich symbolischen Auftritt, als er ein Redemanuskript Sekunden zuvor als verloren bemerkt und der versammelten Akademie einen Stegreifvortrag hält, der hauptsächlich die Wonnen der Syphilis und des Drogenkonsums im Westen hochhält, damit die geschockten Honoren der Universität konsterniert zurücklässt.

Als Hongjian fertig war und der Applaus noch unvermindert anhielt, sprach der Direktor mit eisiger Miene ein paar heisere Dankesworte: „Heute hat Doktor Fang einige neuartige Meinungen vertreten, die wir mit Interesse gehört haben.“ […]

In der Sänfte fühlte er sich niedergeschlagen und begriff nicht, warum Ehrlichkeit eine Tugend sein soll.

Doch nicht von der Hand zu weisen ist, dass die Adressaten dieses letzten Endes kritischen Romans nicht eine vordergründig leicht zu unterhaltende westliche Lesart ist, sondern vor allem ein chinesisches „Publikum“, das in der Lage wäre, die zahllosen Anspielungen, Zitate, geradezu enzyklopädischen Fundamentblicke Qian Zhongshus auf die (welt-) Kulturgeschichte einzuordnen. Vermutlich eher seinesgleichen, ist Die umzingelte Festung eher auch ein einsames Meisterwerk, das dem Lebenscharakter Qian Zhongshus entspricht, viele Zugänge anbietet, ohne einen singulären Direktweg vorzuschreiben, doch mit der steten Gefahr, auf der Strecke einige Aussichtspunkte auf tiefere Verknüpfungen liegen lassen zu müssen.

Manche Bemerkungen sind wie eine fremde Katze, die sich unbemerkt ins Zimmer schleicht und einem erst auffällt, wenn sie miaut.

Im Fazit ist Qian Zhongshus Die umzingelte Festung zu komplex, um ihn ohne weiteres Forschen zu goutieren. Daher sei neben den wie angedeutet recht informativen Nachbemerkungen unbedingt auch die Lektüre von Wir drei hinzuempfohlen, um zumindest die werklich wie biografische Tragweite dieser beiden bis zum Schluss kämpfenden, provozierend unkonventionellen chinesischen Intellektuellen und KünstlerInnen wahrzunehmen.

Qian Zhongshu
Die umzingelte Festung
Übersetzung:
v
Übersetzt von Monika Motsch
Matthes und Seitz Berlin
2020 · 470 Seiten · 28,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-831-0

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