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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Für das Danach

Hamburg

Anders als bei „Lebenswerk“, erreicht „Danach“ mit nur 8 Jahren Verzögerung das deutschsprachige Publikum. Der streitbare Impetus ist geblieben. Auch in diesem Buch begibt Rachel Cusk sich auf die Suche nach weiblicher Identität. 

Kurz nach der Trennung wirft ihr Mann Cusk vor: Und du nennst dich eine Feministin?

„Nein, ich hätte mich niemals eine Feministin nennen sollen“, schreibt Cusk, „denn was ich sagte, stimmte nicht mit dem überein, was ich war. Ich war wie meine Mutter; nur andersherum.“

Andersherum, weil Rachel Cusk, 1967 in Kanada geboren, spätestens seit der Romantriologie Outline, Transit und Kudos, international bekannt, nach der Geburt ihrer Töchter die traditionell männliche Versorgerrolle übernahm, während ihr Mann zu Hause blieb, um sich um Kinder und Haushalt zu kümmern. Eine Zeitlang ging das mehr oder weniger gut, aber als es zur Trennung kommt, offenbart sich ein unübersichtliches Geflecht von Widersprüchen, die nur mühsam unter dem Ordnungsprinzip „Ehe“ ___STEADY_PAYWALL___ verborgen, ständig an der Zersetzung dieses Arrangements gearbeitet haben.

Die Form dieses Memoirs folgt konsequenterweise der Zersplitterung, von der erzählt wird. Auf der Suche nach einer neuen Ordnung, lässt sich die Einsicht nicht länger verdrängen, dass Verantwortung immer eine Entscheidung zwischen Gefühl und Autorität, Chaos und Ordnung ist, und das nichts davon ohne Opfer zu haben ist.

Selbst immer bereit zum Opfer, die Anfeindungen zu ertragen, ___STEADY_PAYWALL___die auf ihre Veröffentlichung folgen, hat Cusk 2012, knapp 11 Jahre nach dem skandalträchtigen „A Life´s Work: On becoming a Mother“, erneut ebenso persönliche wie gesellschaftspolitisch relevante Überlegungen vorgelegt. Beharrlich und allen Widerständen trotzend, sucht Rachel Cusk nach einem eigenen Weg. Einem weiblichen Weg, der vor lauter Konventionen, Traditionen und Zuschreibungen immer noch schwer zu erkennen ist. So weit so bekannt. Das Neue und ebenso anstrengende wie einzig weiterführende ist, dass Frauen seit einigen Jahren laut und öffentlich darüber sprechen, statt still und bescheiden im Hintergrund an den begrenzten Möglichkeiten zu leiden. Sobald eine Frau sich nicht länger mit den zur Verfügung stehenden Vorbildern und Lebensentwürfen begnügen will, steht sie zunächst vor einem riesigen Scherbenhaufen, und es gibt niemanden, der ihr hilft, etwas neu zusammenzusetzen. Ratlos steht sie vor einem Puzzle aus tausend kleinen Teilen und es gibt keine Vorlage, wie das Chaos gebändigt werden könnte. Statt Vorschlägen, Vorbildern, oder wenigstens Verständnis, bekommt eine suchende Frau hämisch schadenfrohes Lachen zu hören, im besten Fall angereichert mit einem Schulterzucken und einem Blick, der sagt: Das kommt davon.

Manchmal bitterböse, aber immer mutig schreibt Cusk auch in „Danach“ gegen jegliche Art von Redeverbot an, verstrickt sich in Widersprüche, stellt sich bloß.

Dabei ist dieses Buch nicht nur mehr, sondern auch etwas grundsätzlich anderes als eine Chronik der Trennung. In verstörender Deutlichkeit zeigt Rachel Cusk den Abgrund, der sich zwischen dem Wunsch nach Emanzipation und dem tief empfundenen Satz: „Die Kinder gehören zu mir“ auftut.  Ein archaisches, körperlich empfundenes Bild der Weiblichkeit scheint der Emanzipation unüberbrückbar entgegen zu stehen.

Bei Cusk wird aus dieser Erkenntnis weder Anklage noch Streitschrift. Sie schreibt vielmehr ein spielerisch kluges und subtil vorgehendes Buch über die Suche nach einer neuen Ordnung. Für sich selbst. Für das Danach.

Auf dem Weg dahin gibt es zum Beispiel diese Geschichte mit dem Zahn, einem Kapitel dem Eva Bonné in ihrer gelungenen Übersetzung die Überschrift „Ziehen lassen“ gegeben hat, um damit den Blick ausdrücklich auf die Doppeldeutigkeit, mit der Cusk ständig spielt, zu lenken. Die Fäden zwischen den scheinbar disparaten Textteilen in „Danach“ sind lose aber geschickt geknüpft, die Art, wie sie ineinander greifen, lassen ein sowohl individuelles als auch weit ausgreifendes gesellschaftliches Muster entstehen. Indem Cusk die Scherben einzeln beleuchtet, entwirft sie gleichzeitig ein Gewebe des Scheiterns, in dem sichtbar wird, wie viele feine Risse zum Zerbrechen geführt haben. Das Puzzle fügt sich zusammen. Weniger zu einem klaren und eindeutigen Bild, als vielmehr zu einer Vorstellung unter welcher Spannung die einzelnen Teile gestanden haben, als das Bild noch intakt schien.

Was dermaßen unter Spannung gesetzt und zum Zerreißen gespannt wurde, sind die Beziehungen zwischen Macht und Milde, Herrschaft und Duldung, Verführung und Bedenken.

Nach dem Zerbrechen beginnt die Ära des Danach. Ein Gebiet das Cusk nicht nur persönlich, sondern auch intellektuell erschließt. In der Geschichte von Klytämnestra und Agamemnon erscheint die Gleichberechtigung als das „Danach“. Ein Danach, das durchaus Hass hervorbringt. Bei Cusk klingt das Danach so: „Ich habe kein Leben mehr. Es ist nur ein Nachleben, ein Danach.“ Man kann das jetzt selbstmitleidig nennen oder aufrichtig. Vermutlich ist es beides. Der Punkt, auf den alles hinausläuft, ist aber ein anderer. Mit „Danach“ erzählt Rachel Cusk eine Geschichte des Opfers, indem sie die Frage aufwirft, wer oder was wofür geopfert wird. Ohne Opfer kein Gleichgewicht. Und welche Zerstörungskraft sich entfaltet, wenn das stets fragile Gleichgewicht kippt, demonstriert Cusk in „Danach“ weitreichend.  

Es ist die Auseinandersetzung einer Sylvia Plath, die überlebt hat, und sich schmerzhaft, wütend, aber auch humorvoll Klarheit darüber verschafft, warum niemals alle verheißungsvollen Feigen gepflückt werden können. Zu dieser notwendigen Beschränkung gesellt sich „die bestürzende Entdeckung, dass Fähigkeiten ebenso verloren wie gewonnen werden können und dass das Leben keine gradlinige Entwicklung ist, keine Reihe von Zugewinnen und Erweiterungen.“

Vielmehr ein Gewinn- und Verlustspiel voller Entscheidungen und Opfer. Von den alten Griechen bis zur Bibel untersucht Cusk das Verhältnis von Macht und Autorität und das Verhältnis dieser Kräfte zum Gegenpol der ungezügelten Gefühle. Sie stellt die Frage, ob die Auflehnung das Opfer wert ist, oder ob der Preis des Gehorsams nicht letztendlich zu hoch ist. Denn sowohl beim biblischen Abraham, der bereit ist, seinen Sohn zu opfern, als auch bei Jokaste, die eine Todesdrohung nicht dazu bringt, von ihrer Überzeugung abzulassen, fragt Cusk nach dem „Danach“. Wo die überlieferte Geschichte endet, fängt Cusks Analyse an.

Interessant ist die Schlussfolgerung Cusks, dass letztendlich diejenigen, die sich Gesetz, Moral oder Machtansprüchen relativ widerstandslos beugen, die Verlierer sind. Dass sie ein Opfer bringen, das womöglich verheerender ist, als es die Ausrichtung an „übergeordneten“ Prinzipien vorgesehen hat. Abraham wird seinem Sohn nicht mehr in die Augen sehen können, der wird seinem Vater nie wieder vertrauen können, Kreon wird mit der Verantwortung für zahlreiche Selbstmorde weiterleben müssen. Eine ketzerische Sichtweise, die Cusk lückenlos schlüssig belegt.

Mit X, Y und Z, die für den Ex, den Therapeuten und eine mögliche zukünftige Beziehung stehen, schreibt Cusk sich schließlich auf eine Bewältigung zu, bei der sie zum Schluss in einer klassischen Kurzgeschichte zur Beobachterin des eigenen Dramas wird. Als souveräne Erzählerin tritt sie hier aus der eigenen Verstricktheit heraus, und betrachtet die eigene Tragödie auf eine Weise von außen, die sie befähigt den Kuchen, trotz zerbrochener Teller, sauber und gerecht in zwei Hälften zu teilen. Wobei diese zwei Hälften vielleicht auch für das Schreiben stehen, was nach Danach Cusks Stil prägt.

Wie auch immer, findet „Danach“ auf diese Weise zu einem ebenso überraschendem wie gelungenen Ende eines schreibend durchwanderten Chaos, aus dem die Autorin einen Ausweg sucht, was nur gelingen kann, weil sie die im Wirrwarr verstrickten, aber doch wiedererkennbaren Fäden, so geschickt verknüpft, dass man lesend dabei zusehen kann, wie sie sich verändern.

 

Rachel Cusk
Danach - Über Ehe und Trennung
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Suhrkamp
2020 · 187 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42914-3

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