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Kritik

Gehen oder Bleiben

Hamburg

Kaum ist das Flugzeug in London gestartet, erkundigt sich Faye nach dem Familienhund ihres Nebenmannes – und bekommt dessen halbe Lebensgeschichte zu hören. Déjà-vu? Irgendwie schon: Ganz ähnlich begann auch „Outline“, der Auftakt der Romantrilogie rund um eine „weibliche Odyssee im 21. Jahrhundert“, die Rachel Cusk nun mit „Kudos“ bravourös abschließt.

Wieder erscheint uns die Schriftstellerin, die zu einem Literaturfestival nach Deutschland und anschließend zu einem Kongress nach Portugal reist, als bloßer „Umriss“, den andere mit ihren Geschichten füllen. Doch sowohl Ton als auch Thema haben sich vom ersten bis zum dritten Teil leicht verschoben.

Nachdem Cusk für ihre autobiografischen Essays „Life’s Work: On Becoming a Mother und „Aftermath. On Marriage and Separation viel Kritik hatte einstecken müssen, machte sie das Erzähl-Ich ihrer aktuellen Trilogie derart mundtot, dass seine offensichtliche Abwesenheit gleichsam durch die Zeilen schreit. In „Kudos“ bahnt sich die Stimme ihres Alter Egos langsam aber sicher ihren Weg zurück – und zwar with a vengeance.

Bestimmte Themenkreise wiederholen sich indes, wenn auch in Variationen: Beziehungen und deren mal schleichenden, mal schmerzhaften Enden, die Frage, was Erfolg, was Versagen bedeutet, in einer Ehe, der Elternschaft, dem Leben. Wie die Geschichten selbst werden bei Cusk auch die Urteile über das eigene Lebensglück meist über Bande gespielt. So beurteilt eine Journalistin ihre eigene Ehe, indem sie sie mit der ihrer Schwester und ihres Schwagers vergleicht – doch ist auch in deren scheinbarer Vorzeigeehe nicht alles so, wie es scheint. Fayes Sohn wiederum, auf den die Erzählerin gegen Ende zu sprechen kommt, hatte sich als Kind oft gewünscht, der Familie eines guten Freundes anzugehören und viel Zeit dort verbracht. Dann jedoch muss er erkennen: „Er hatte Trost bei ihnen gesucht und deswegen übersehen, dass auch sie ihn brauchten, als Zeugen und vielleicht sogar als Beweis ihres Familienglücks.“

Verwandte, Nachbarn, Freunde fungieren als verzerrte Spiegel der eigenen Befindlichkeiten, Kinder als Puffer oder Mediatoren, Haustiere als Stellvertreter ausgelagerter Gefühle, wie etwa der eingangs erwähnte Familienhund („In gewisser Hinsicht hatte ich ihn erschaffen, damit er mich in meiner Abwesenheit vertrat.“) oder gar ein argloser Nager („Irgendwann fragte Linda sich, ob er in Wahrheit eifersüchtig auf den Hamster war und Liebe nur vortäuschte, um seine Tochter an sich zu binden.“). Allzu schwer wiegen die ganz großen Fragen, die Cusk beackert, schon allein deswegen nicht, weil ihr trockener Humor und ihr treffsicheres Gespür für die Absurditäten des Alltags das Buch durchziehen wie feine Goldadern.

Ob Gehen oder Bleiben die bessere Entscheidung ist, war, gewesen wäre, lässt sich oft selbst mit gebührendem Abstand kaum beurteilen. Kaleidoskopartig verwandelt sich, was zunächst nach Erfolg aussah, in eine Niederlage, oder umgekehrt, und manchmal auch wieder zurück. Dabei denkt Cusk die Kategorie „Geschlecht“ – zumindest im Hintergrund – konsequent mit. Denn wem in unserer Gesellschaft Ruhm und Ehre (griechisch: „Kudos“) zuteilwerden, ist nun mal nicht neutral verteilt. Aus manch vermeintlicher Emanzipation ergibt sich ein perfider Twist („Ich habe mich durch die Trennung nicht befreit, sondern vollends zu seiner Sklavin gemacht, denn nun habe ich sogar die Rechte verwirkt, die er mir eingeräumt hatte.“), doch auch das oberflächliche Glück des Ex-Mannes, der an der Seite seiner neuen Freundin im Sportwagen durch die Welt braust, ist zerbrechlicher, als es auf den ersten Blick scheint.

Gegen die hochkomplexen Zerrspiegelkabinette, die Cusk in ihren Monologen entwirft, wirken die settingbedingten Anekdoten aus dem Literaturbetrieb fast ein wenig platt. Der portugiesische Star-Autor, der sich selbst gerne reden hört, der deutsche Verleger, der die literarische Avantgarde mit Sudoku-Heften querfinanziert – all das meint man aus anderen Büchern zu kennen, die hinter die Kulissen des Business blicken. Bei Cusk jedoch lohnt es sich, wie eigentlich immer, ein zweites, ein drittes Mal hinzuschauen. Mit deutlich mehr Sarkasmus, jedoch nicht weniger Eleganz, spielt die Autorin das Thema des Verschwindens in der Projektion anderer auf der Ebene der Fiktion und deren Verwertung durch: So beendet eine Journalistin ihr „Interview“, in dem sie eine halbe Stunde lang von sich selbst gesprochen hat, mit den Worten „Ich glaube, ich habe alles, was ich brauche“ und der zweifelhaften Versicherung, sie habe ohnehin „alles Wissenswerte“ im Vorfeld recherchiert. Es folgt ein weiteres Nicht-Interview in der surrealen Szenerie eines im Hotelkeller provisorisch nachgebauten TV-Studios – das letztendlich nicht gesendet werden kann, weil die Technik versagt. Man hat Cusk vorgeworfen, ihre Lebenskrisen allzu öffentlich auszubreiten, und nun rächt sich ihr fiktives Alter Ego, indem sie uns die Mechanismen des Mundtotmachens als Alltagsgroteske vor Augen führt.

Indes wird die „Gehen oder Bleiben“-Problematik im Sinne eines Zwiespalts zwischen Anpassung an die Marktlogik und dem Beharren auf unbestechlicher, unbequemer Authentizität weiter verhandelt. „Glaubte ich daran, dass es eine dritte Art von Ehrlichkeit geben könnte, jenseits der Entscheidung, zu gehen oder zu bleiben?“ spitzt ein Journalist das Dilemma zu. Natürlich wartet er die Antwort nicht ab. Doch Faye muss den Mund gar nicht aufmachen – schließlich liegt die Erkenntnis in dem, was andere an sie herantragen.

Nachdem Linda ihre herzzerreißenden Erfahrungen mit dem Ehemann, der Tochter und dem Hamster ausgebreitet hat, fügt sie hinzu: „Eine gute Geschichte (…) Meine Agentin hat sie gerade an den New Yorker verkauft.“ Sie wählt, in gewisser Weise, die „dritte Art von Ehrlichkeit“. Und tut zugleich genau das, was gehässige Medien auch Cusk vorwarfen: Authentizität zur Ware machen. Aber lässt sich wirklich jedes Erleben, jedes Gefühl in Wert übersetzen? Cusk spinnt diese Überlegung an Stellen weiter, an denen man sie am wenigsten erwartet. Zum Beispiel am Büffet. Dem Party-Personal gelingt es einfach nicht, die Wertmarken der Autor_innen in genau das zu übersetzen, was sie in diesem Moment gerne hätten. Es kommt zum Streit, ja fast zu Handgreiflichkeiten. „Die menschliche Befindlichkeit ist so komplex, dass sie sich allen Erfassungsversuchen entzieht“, kommentiert Faye lakonisch. Für die hungrigen Autor_innen ist das in diesem Moment bedauerlich, im Ganzen betrachtet jedoch irgendwie auch ein Trost.

Rachel Cusk
Kudos
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Suhrkamp
2018 · 215 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42807-8

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