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Kritik

Augenlieder

Hamburg

 

Wolfgang Schiffer kann man als rührigen Scout bezeichnen, der sich in Island immer wieder aufs Neue auf literarische Spurensuche begibt, einen so freundlichen wie kauzigen Haudegen, der uns mit seinen zahlreichen Übertragungen die isländische Literatur les- und erfahrbar macht, und einen für die Literatur seines Herzenslands Brennenden, der viele der von ihm übersetzten AutorInnen mittlerweile zu seinem Freundeskreis zählt. Die für uns neueste Entdeckung heißt Ragnar Helgi Ólafsson. Der 1971 geborene Schriftsteller hatte in Island bereits einen Roman und eine Sammlung mit Kurzgeschichten veröffentlicht, ehe er 2015 als Lyriker debütierte. Für diesen Gedichtband wurde er in seiner Heimat mit dem Tómas-Guðmundsson-Poesie-Preis ausgezeichnet, einem Preis, der alljählich von der Stadt Reykjavík für herausragende Werke der isländischen Dichtkunst vergeben wird. Nun liegt das Buch in einer zweisprachigen Ausgabe vor, links die Originale, rechts die von Schiffer und Jón Thor Gíslason ins Deutsche übertragenen Texte.

Ich kenne kein einziges isländisches Wort. Dachte ich zumindest. Aber ich freue mich immer, wenn übertragene Gedichte auch in der Originalsprache vorhanden sind. Das erlaubt zumindest eine visuelle Annäherung, eine vorsprachliche Entdeckungsreise mit dem Blick eines Kindes, das sich an diesen Gedichten als Sprachbildern freut, an den verschieden langen Wörtern, den Buchstabenkombinationen, hier den oft verdoppelten Lettern, den ungewohnten Wortendungen und manchen isländischen Buchstaben, die anders als jene des deutschen Alphabets sind. Und auf einmal bleibt der aufmerksame Blick an einem Wort hängen, stolpert über eine Wortfolge, die bekannt scheint, schweift zu den Übertragungen, vergleicht und erkennt in all der Fremdheit auf einmal Übereinstimmungen, die ihren Ursprung im gemeinsamen germanischen Sprachraum haben. So wird „Einn morgun“ mit „Eines Morgens“ übersetzt oder „Sagt er að“ mit „Es wird erzählt“, „silki“ ist „Seide, „augun“ sind „Augen“, „mjólk“ ist „Milch“ und „spegil“ der „Spiegel“. Zugleich ähnelt dieses Lesen den Entdeckungen eines Kindes der ersten Schulklasse, das ein paar wenige Worte, die es schon gelernt hat, wiedererkennt, doch keine weitere Erfahrung damit machen kann, weil sich der Sinnzusammenhang nicht erschließt. Es braucht die immer noch viel zu wenig geachtete Arbeit der ÜbersetzerInnen, die uns die Texte anderer Sprach- und Erfahrungsräume lesbar machen. Vor allem aber können jene Enthusiasten nicht genug gewürdigt werden, die sich den sogenannten kleinen Sprachen widmen, jene ÜbersetzerInnen und VerlegerInnen, die nicht die gut verkäufliche Massenware in den Mittelpunkt ihres Wirkens stellen, sondern sich mit Herzblut der Literatur abseits der ausgetretenen Pfade widmen und damit auch das eine oder andere Risiko einzugehen bereit sind. Im Besonderen gilt das für dieses Buch, das ohne Schiffer und den Elif-Verlag möglicherweise nie in deutscher Sprache zu entdecken gewesen wäre.

Drei Hauptmotive, die eng in- und miteinander verwoben sind, durchziehen den vorliegenden Gedichtband. Da ist zum einen die Auseinandersetzung mit dem Dichten. Ragnar Helgi Ólafsson selbst nennt die Beiträge in seinem Buch nicht Gedichte, sondern „Lieder und Texte“. Er stellt ein Zitat von Ryokan Taigu (1758-1831) voran, einem zen-buddhistischen Mönch, der sich als Dichter und Kalligraf weit über Japan hinaus einen Namen machte:

Wer sagt, dass meine Gedichte Gedichte seien?
Meine Gedichte sind gar keine Gedichte.
Wenn du verstanden hast,
dass meine Gedichte keine Gedichte sind,
dann können wir uns hinsetzen und
über Dichtung sprechen.

Wie Ryokan Taigu fängt Ólafsson das, was ihn bewegt, in Gedichten auf. Er tut dies in unverstellter Wahrhaftigkeit, mit manchmal beinahe kindlichem Staunen, das gleichwohl niemals naiv und nie oberflächlich, sondern stets vom Drang eines (Wort)Forschers beseelt ist, in die Tiefe und den Dingen auf den Grund zu gehen. In mehreren Gedichten setzt er sich mit dem eigenen Dichten auseinander, seinem Bemühen um richtiges Verstehen und dem Ringen um die ihm entsprechende Sprache.

Ich möchte mit dir in einer Dichtersprache sprechen,
ohne die Stille zu durchbrechen

heißt es zum Beispiel im Gedicht „Dichtersprache“ und er fügt hinzu, wie er selbst sich diese Sprache vorstellt, nämlich

als zöge man ein Kristallglas
an einem Wollfaden
über
einen steinübersäten Strand

Thema eines Textes ist immer Abwesenheit, lesen wir in einem anderen Gedicht, und auch

Gedichte handeln von den Schatten ihres Inhalts

In „Dunkelwerk (Magnum Opus)“, das ich als Text über Ólafssons künstlerisches Schaffen begreife, bezeichnet er seine schöpferische Tätigkeit als „Alchemie“. Immer wieder thematisiert er sein Bemühen um das Richtige als Beweis seiner Freiheit, etwa die Wahl des richtigen Zeitpunkts oder sein Ringen um das richtige Wort, denn:

Alles lässt sich ändern –
nichts ist unabänderlich –
bis es bei seinem richtigen Namen
genannt worden ist

Die beiden anderen Hauptmotive des Buchs und die Art, wie sie ineinander verwoben sind, scheinen gleichsam organisch aus den anderen Beschäftigungen des Künstlers gewachsen zu sein, die zum Großteil mit Visualisierungen zu tun haben und ihre Fortführung im Gedicht finden. Ragnar Helgi Ólafsson hat u.a. Philosophie, Kunst und Filmregie studiert, mehrere Kurzfilme gemacht und arbeitet zudem als Grafikdesigner und bildender Künstler. Viele seiner hier vorgelegten Texte gehen vom Sehen aus. Das häufigste von ihm verwendete Nomen ist, allein oder in Zusammensetzungen, das Auge. Oft setzt er zudem das Wort Spiegel ein, das manchmal auch in übertragenem Sinn gebraucht wird, etwa wenn es in einer Fußnote zum Gedicht “Noch ein paar Worte über Spiegel“ heißt:

... ein Gedanke über einen Gedanken über sich selbst ist ja in gewisser Weise ein Spiegel.

Zahlreiche Texte handeln vom Schauen, Anschauen und einem Durchschauen, das manchmal zum Erkennen wird. Gern spannt Ólafsson in seinen Texten einen visuellen Bogen mit Worten, manchmal entwickelt er kleine Dramen, die wie Kurzfilme angelegt und zuweilen surreal gefärbt sind. Konsequent auch sein Spiel mit der Gestaltung zweier Texte als visuelle Poesie.

Das dritte Hauptmotiv sind philosophische Gedanken und Überlegungen. Sie sind mal von komplexerer Natur, handeln neben den bereits erwähnten Themenfeldern u.a. von Freiheit, Sterben und Veränderung oder von Träumen, dann wieder einfacher, zuweilen geradezu schlicht und von entwaffnender Weisheit. Als Beispiel zu nennen ist etwa das sehr kurze Gedicht „Ohne Titel / Objet trouvé #1“, das eine Änderung des Blickwinkels anregt:

Es ist immer
Vollmond
von der Sonne her gesehen.

Wie es der Untertitel des Lyrikbandes bereits nahe gelegt, sind die meisten Texte dieses Buchs durchaus als Songtexte vorstellbar. Der Ton, den Ragnar Helgi Ólafsson anschlägt, ist zumeist leise und eindringlich. Hier wird nicht agitiert und nicht geprotzt. Wir schauen lesend einem Dichter in seiner ganz eigenen Geschwindigkeit beim Denken zu. Und es bleibt genug Stille zwischen den Worten und Zeilen, um mitschwingen zu können.

Ragnar Helgi Ólafsson
DENEN ZUM TROST, DIE SICH IN IHRER GEGENWART NICHT FINDEN KÖNNEN
Zweisprachige Ausgabe – aus dem Isländischen übertragen von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer.
Elif Verlag
2017 · 140 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-946989-02-8

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