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Kritik

So tangential waren wir

Mütze #20
Hamburg

Nach einer ganzen Weile Rast geht die Reise mit der Mütze weiter. Die zwanzigste Ausgabe ist prachtvoll. Viele unterschiedliche Beiträge erfreuen, kaum Schwächen. Formal sprengt das Text-Ensemble Grenzen und zeigt Unangepasstheit gepaart mit Sprachsensibilität. Dagmara Kraus' Opener terz verknappt und dekonstruiert das Bauchthema: dornig, cuttig, aua; und erweitert Sprache um parallele Sprache: tlu und kut kommen, in Reminiszenz an Konrad Beyer, vor und treiben.

Daran an schließen sich Bürgerkriegswehen aus Syrien von Rahaf Gharzaddien, übersetzt von Kenan Khadaj und Christian Filips, unter dem Titel ...weniger als ein Fenster. In schaurigen Prosakapitelchen drängt ein Raum mit Fenster in Damaskus mit dem Beben der Bombeneinschläge vor und zurück. Ein Paar, ein Baby, ein Koffer und der Blick auf einen Berg versuchen, in einem trostlosen Text in entsprechender Zeit zu bestehen. Schmerzend und dicht, bei gleichzeitiger Klare und Nüchternheit.

Einen anderen Ansatz wählt der zeitgenössische mexikanische Autor Juan Villoro in einem Gedicht mit dem Titel Mit gehobener Faust, stark übersetzt von Chiara Caradonna. Hierin geht es um den doppelten Blitz, die beiden verheerenden Erdbeben am selben Tag, Jahrzehnte auseinander in Mexiko-Stadt: "die Faust heben, um/ zu hören, ob jemand/ lebte und ein Geräusch/ hörte".

Aus Bolinas der Beitrag von Jennifer Poehler, ein interessanter prosagedichtiger Guss, der etwas von einem faktischen Katastrophenbericht (von genau jetzt) besitzt, ist gleichzeitig auch ein Reisebericht. Eine Collage, eine Liste, die sehr lebendig daherkommt.(Darstellung leicht abgewandelt, formatgeschuldet. ff. dito)

sommersteinfarbenes land, habichtsauge. trocken. jeder schritt auf trockenem
sandigen geröll wirft staub, regen gibt es seit jahren nicht mehr. du bist müde,
aber schlafen kannst du hier nicht. die vorgärten verdorren, selbst kinder
lernten das wasser zu zählen, sie sammeln patronenhülsen am ufer, glitzernde
steine, berggut, kicken leere budweiserdosen in den see. jetzt sitzen sie auf
einer abgestossenen grünen kunstledercouch, schlagen mit ihren T-shirts nach
schwärmenden mosquitos, die luft ist heiss, drückt in den tiefen nachmittag, ein
habicht kreist stille über den see, dem gebirge. du suchst nach ihren stimmen,
einer erinnerung ausgeschüttet als ahnung, echo, das weit zurück greift, du
willst, dass es dich mithineinzieht, [...]

Patrick Freys Beitrag Drei Berner Geschichten ist nette Kurzprosa, die aber letztlich etwas zurückbleibt hinter dem Rest, wohingegen Monika Rincks neue Prosagedichte einem den Schädel wegblasen, wie nur sie es kann. Frau und Marp sind in einer abseitigen Genesis mit ihrer Entstehung befasst. Eine poetische Parabel, aufgeführt von einem United Trash and Rock Ensemble. Komisch, rotzig, groß.

Ich nannte die Frau Frau. Schon war sie da. Ich erschuf den Marp.
Und nannte ihn Marp. Er geriet mir etwas abjekt. Ich entwarf eine Stadt.
Damit der Marp sich darin verhalte. Dies tat ich mit Umsicht und Sorgfalt.
Die Schöpfung wartete als Rennpferd in der Remise auf ihre Erschaffung.
Viele Kreise erschuf ich, Orte. Ich verteilte sie über die Landesverbände
und wies ihnen Sprecher, sowie den Sprechern Stellvertreter (innen) zu.
Doch hatte ich zu diesem Zeitpunkt die Sprache noch nicht erschaffen.
Kaum war ich fertig damit, kritisierten die Sprecher das Wetter: Schlecht.

Auch der eigenwillige Urs Allemann geht eigenwillig vor. Im folgenden Godevan streuen sich Sätze aus einer Erzählung, die an die algorithmischen Experimente von Weichbrodt und Bajohr erinnern, über den Godevan, "Er war sehr schwarz und kam von oben her", über die Seiten. Skurril und zugleich unheimlich. Eine schräge Taxonomie.

Der Godevan ist das einzige Tier, das zwecks Existenzabschattung und/ oder
Selbstzerwurzelung zwischen den Aggregatzuständen frei hin und her switchen
kann.

[...]

Der Godevan ist das einzige Tier, das, kaum dass es entschieden ist, selbst sei-
nen Kadaver versorgt – durch Ausflattern und/ oder Abwatscheln zum Beispiel.

H.D.'s lange schöne Reise durch die Anfänge der Filmkunst kommt zum Schluss mit einem letzten Text zum Thema Tonfilm (früher), indem sie einmal mehr die Götter (der Bühne) anruft und beschwört. "Man sagt uns, dass es die alten Götter nicht mehr bringen, und wir wissen, sie bringen es tatsächlich nicht. Wir müssen Raffinement haben und Perfektion und immer kompliziertere Maschinen. Nun, ich weiß, dass dies richtig ist." Und sie fügt hinzu: "Verstehen wir einander. Lassen wir den Tonfilm eine Waffe werden in der Hand einer Gottheit."

Zum Abschluss der Mütze 20 ein weiterer Stein, vielmehr Polymorph zu Händen Svein Jarvolls Australienreise. Diesmal mit einem Interludium in Süditalien und tausendundeinem verhandelten Ding wie gewohnt abstrakt und aufbrechend sinnlich inmitten der Flut. Ein Taschenrechner geht wandern. Die Fortsetzung folgt in der einundzwanzigsten Ausgabe und wahrlich gespannt sein darf man. Eine großartige periodisch-editorische Arbeit, wasserstandslos oben.

Rahaf Gharzaddien · Juan Villoro · Jennifer Poehler · Patrick Frey · Urs Allemann · H.D. · Svein Jarvoll · Dagmara Kraus · Monika Rinck · Urs Engeler (Hg.)
Mütze #20
Urs Engeler
2018 · 6,00 Euro

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