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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

ja klar, sagte ich, ich überleg mir das alles beim duschen.

Gedichte von Rahel Mayfeld
Hamburg

Die Gedichte in diesem Band verstehe ich eben-
falls als flach oder oberflächlich. Sie sind Wörter auf
Papier. Wörter wählen ist wie Farben aussuchen für
ein Gemälde.

Das schreibt Rahel Mayfeld im Vorwort zu ihrem in der edition fabrik.transit erschienenen Gedichtband fette jahre od. willkommen im pasteten-paradise. Diese Selbstaussage ist zum einen überaus provokant, zum anderen doppelbödig. Was gibt es oberflächlicheres als Farben für ein Gemälde auszusuchen? Man stelle sich vor, diese Frage an einen der vielen großen Meister zu stellen. Oder an Malerinnen oder Maler aus der jüngeren Vergangenheit, wie beispielsweise Mark Rothko, dessen Gemälde Farbflächen sind und damit Farbe an sich ganz neu erlebbar machen. So gesehen sagt Rahel Mayfeld mit ihrer Aussage im Grunde genommen das komplette Gegenteil aus und wir merken schon bevor wir die Gedichte überhaupt noch zu lesen angefangen haben, dass wir es hier mit einer sehr ungewöhnlichen Autorin zu tun haben: Mathematikerin ___STEADY_PAYWALL___mit einer großen „Liebe für Pizza Santa Caterina ohne Oliven“ und sehr trockenem Galgenhumor:

ich zeig dir zum spass, wie man einen strick knüpft.
je nach verwandtschaftsgrad gibt’s eine best. anzahl trauertage.
                die schwester, die der blitz erwischt hat, zählt für 2 tage.

Rahel ist nicht nur ein aus dem Hebräischen kommender weiblicher Vorname und eine Figur aus dem Alten Testament, sondern auch eine ehemalige Einheit, ein Wiener Flächenmaß, das bei der Vermessung von Weingärten und Weinbergen angewendet worden war, wie Wikipedia meint. Warum habe ich den Vornamen Rahel recherchiert? Weil Rahel Mayfeld sich selbst als „Mathematikerin“ bezeichnet, dem Foto nach aber ein Autor und keine Autorin ist, was den Verdacht nahelegt, das „Rahel Mayfeld“ ein Pseudonym und zugleich eine vom Autor geschaffene Figur sein könnte. Wie dem auch sei, da es der Wunsch von Rahel Mayfeld zu sein scheint, Mathematikerin und damit zugleich auch Autorin und nicht Autor zu sein, spreche ich in meiner Rezension von ihr ausschließlich in der weiblichen Form.

In den Gedichten tauchen ein Ich, ein Du und namentlich benannte Figuren auf. Es gibt auch Charaktere, die wirklich nur in einer Momentaufnahme auftauchen, aber durch persönliche Marotten und die Spitznamen, die ihnen andere geben, doch sehr plastisch umrissen werden. Eine der mit normalem Namen versehenen Figuren im Band trägt den Vornamen der Autorin. Bereits im ersten Kapitel gibt es ein Gedicht mit dem Titel: „rahel und ich diskutieren beim kaffee“, was eine sehr humorvolle Dopplung ist, da selbstverständlich weder die Figur Rahel, noch das Ich in den Gedichten mit der Person der Autorin gleichzusetzen sind. Mit dem Gespräch des Ichs mit Rahel hebelt die Autorin sehr elegant jegliche Versuche in diese Richtung von vorne herein aus. Die Diskussion der beiden stellt sich dann als eine langwierige heraus und ist auch im dritten Kapitel noch nicht beendet:

wie hast du dir das denn vorgestellt, rahel,
dass dir die sonne aus dem bauchnabel scheint & dir die halbe
                                                                                       welt an den lippen klebt?

Der Band ist in vier Kapitel unterteilt und an einigen der Kapitelüberschriften kann man die Mathematikerin erkennen: „das schöne leben des kapitalismus“, „geometrie der fläche“, “π-a-b-c>0“, „ende des grosskreises“. Jedem der meist mehrteiligen Gedichte ist ein Zitat vorangestellt. So wie auch schon der Titel mit „paradise“ ein Englisches Wort enthält, sind auch viele der Zitate auf Englisch. Die Gedichte sind systematisch durchnummeriert, von 1 bis höchstens 6 und einmal in einem größeren Zyklus gibt es zusätzlich zu den Ziffern auch noch Buchstaben zur Durchnummerierung der Einzelgedichte (a.1, a.2, a.3, b.1, etc.). Dass der Band keine Zusammenstellung von einfach mit der Zeit angesammelten Gedichten ist, sondern System dahinter ist, sieht man unter anderem daran, dass das zweite, dritte und vierte Kapitel jeweils mit einem „während“-Gedichtzyklus beginnen: „während des wäschemachens“, „während der teig aufgeht“ und „während des pflanzengiessens“. Es gibt noch eine weitere während-Überschrift, „während wir fernsehen“, diesmal aber als Unterüberschrift im Gedichtzyklus „italienreise“. Alleine anhand dieser während-Titel lässt sich erkennen, was für eine wichtige Rolle alltägliche Tätigkeiten in den Gedichten spielen. In den Blick genommen wird Alltägliches und scheinbar Nebensächliches.

öffne die flasche, deren deckel verzuckert festklebt;

Aber dann kippen die Gedichte immer wieder aus diesem Alltäglichvertrauten in unerwartet Abstruses, was zu viel Spannung und Abwechslung im Band führt, da immer mit allem zu rechnen ist:

im himmel bildet sich ein loch
& es fällt runter was sich angesammelt hat:
petflaschen, licht, staub,
alte plüschtiere & rechnungen;

Bewegung kommt auch in das Ganze, weil die Gedichte sich mitunter auch selbst relativieren, bzw. das eben Gesagte wieder zurück nehmen oder in Frage stellen:

man könnte das aber auch anders aufziehen:
in der ecke steht niemand, auch nicht der,
der am anderen fenster steht,
& auch kein spiegel & kein teller,
hingestellt für den abwasch später.

Im Verlauf des ganzen Bandes wird das Schreiben von Gedichten immer wieder thematisiert, es werden nurmehr gedichte mit tempomat geschrieben, oder nur noch nachts […] mit halbgeschlossenen augen (man darf das blatt dabei nicht / verrücken). Oder es wird überlegt, ein Gedicht an einer ganz bestimmten Stelle zu platzieren:

an der james-joyce-str., abzweigung canetti,
am boden ein gedicht mit kreide
od. mit dem stock in den feuchten teer.

              lieber etwas anderes, werfe ich ein.

Am Cover und am Beginn eines jeden der Kapitel ist eine Bildcollage von Clara Ann Dehut zu finden. Minimalistisch, sehr genau und mit viel Witz kombiniert sie darin Räumlich-Architektonisches mit Gegenständlichem und Figürlichem. So wird eine angerauchte Zigarette zur vorstehenden Säule eines futuristisch anmutenden Gebäudekomplexes, oder ein marmorner Frauentorso schwebt mit zwei weiteren Objekten vor einem Stiegenaufgang aus Beton. Die Farbgebung ist sehr dezent und die Collagen wirken so, als wäre jedes Element darin absolut essentiell und als könnte nichts davon weggelassen werden. Im Ganzen ergänzen und begleiten sie die Gedichte von Rahel Mayfeld wirklich perfekt. Clara Ann Dehut selbst beschreibt ihre Collagetechnik als „visual poetry“, vielleicht passen ihre Arbeiten auch deswegen so gut in den Gedichtband.

fette jahre od. willkommen im pasteten-paradise ist unheimlich erfrischend zu lesen und bereitet großes Vergnügen. Der Band macht neugierig auf mehr Gedichte und Texte von Rahel Mayfeld. Denn die Gedichte haben ein frechfröhliches gewisses Etwas, das man in der zeitgenössischen Lyrikproduktion nicht so häufig findet.

teil den apfel. teil das universum, um das unvermeidliche
                                                                                           meidlich zu machen.

Rahel Mayfeld
fette jahre od. willkommen im pasteten-paradise
Grafik von clara ann dehutt
fabrik.transit
2020 · 92 Seiten · 11,20 Euro
ISBN:
978–3–903267–16–9

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