Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
triedere ausgabe 18
x
triedere ausgabe 18
Kritik

Auf und ab

Hamburg

Angeblich sei Thales zur Erheiterung des Bodenpersonals in einen Brunnen gefallen, weil er in die Luft geguckt habe, aber ich glaube nicht, dass es so gewesen ist. Denn der Weise war ja kein Hansel, sein Metier die Astronomie, und von welcher Warte sieht man die Himmelskäfer besser als aus einem Schacht? Thales muss also in den Brunnen geklettert sein wie auf den Grund eines Teleskops. Ganz ähnlich scheinen mir Rainer René Muellers Gedichte: Sie handeln vom Fallen, aber ihr Blick geht hinauf, sie springen hinab, um nach oben zu sehen.

An dritter Stelle in dieser Sammlung steht ein Gedicht, das unvermeidlich mitschwingt, während man die darauffolgenden Gedichte liest. Der Text beginnt «zutiefst» und doppelt nach: «zutiefst : aufgeschlagen am Fuß der Treppe», er schildert uns die Verletzung, die den Sturz ausgelöst hat, «Blitzschlag mit Herz», und die Verletzungen, die er nach sich zog. Aber die gebrochene Hand hält noch Il ritorno d’Ulisse in patria, vermutlich eine Aufnahme von Monteverdis Oper, aber wichtiger: ein Bild für die Heimkehr. Am Fuß der Treppe liegt nicht einfach ein Gestürzter, sondern ein Gestürzter, der den Diskus schon «zwischen den Fingern» hat, mit dem er auf die Erfüllung zielen kann, hoch durch die Lüfte.

Nur legt sich die Nostalgie Odysseus’ nicht durch die Massakrierung von Penelopes Freiern, sondern mit der Errichtung eines Altars für Poseidon in einem unbekannten Land. Vor Beginn des Friedens gilt es für Odysseus noch einmal die Gegenwart des Gottes zu suchen, mit dem er ein Leben lang gekämpft hat. Auch dem Gestürzten am Fuß der Treppe, während er schon die eiternden Stahlstifte in seiner Hand vorhersieht, scheint der Gott gegenwärtig zu sein, er schließt mit der Formel «Hineni, Hineni». Damit entspricht dem gedoppelten «zutiefst» ein doppelter Aufbruch des Gestürzten in einen Bereich der göttlichen Geborgenheit, einmal mit Odysseus, einmal ganz für sich.

So geht es schwer hinab in Muellers Gedichten, aber vom Grund wieder hinauf, federleicht. Vielleicht ist es eine Folge dieser Ausrichtung, dass die Aufwärts- und die Abwärtsbewegung nicht mehr eindeutig zu unterscheiden sind. Denn zuweilen ist das Hinab das Hinauf:

            «Dieses Nichts von oben: nur
    
        Regen, diese Umkehrung von
             hinauf, hinauf, wie’s aufsteigt»
                        (Über dem Gras...)

Zuweilen ist aber auch das Hinauf das Hinab:

            «heliotrop; auch das Ausblühn, nach
            oben, wenn’s schließlich zur Ver-,
            kommt, zur Verrottung: vertikal»
                        (Vertikal, noch)

Das Lebenselixier steigt nach unten herauf, während die Wendung nach oben zur Sonne das Lebewesen hinunter zur «Verrottung» bettet, und die herkömmliche vertikale Ordnung kehrt sich um.

Da es in einer Sammlung, deren letztes Gedicht in einem «... que je meurs» ausklingt, naheliegt, die gegenläufigen Bewegungen mit dem Leben und dem Tod zu verknüpfen, könnte ihre Verkehrung auch auf eine verschobene Wertung von Tod und Leben hinweisen. Im Hintergrund der Gedichte vermutet man eine Unsicherheit, ob das eine für den Anfang, das andere für das Ende stehe, oder ob es nicht gerade umgekehrt sei – und umgekehrt. Schwer und Leicht halten sich hier gewissermaßen die Waage.

Der Titel der Sammlung, «geschriebes. selbst mit stein», erschließt sich vielleicht aus diesen changierenden Wertungen. Zunächst fällt eine vertraute Silbe aus einem vertrauten Wort aus wie ein Zahn aus dem Gebiss, mit dem man von klein auf herzhaft zugebissen hat. Zudem betrachten wir ein Selbstbildnis mit Stein, nur dass vom «Bildnis» nicht die Rede ist und das Selbst allein dem Stein gegenübersteht, dem unvergänglichen, aber selbst vergänglich; oder so würde die gängige Vertäuung der Bilder vonstattengehen. Allerdings verliert die herkömmliche Wertung den festen Grund, wenn schon der Regen hinauffällt: Wer weiß, zuletzt ist das Selbst, nicht der Stein, das Unvergängliche.

Obwohl Muellers Gedichte gedanklich komplex austariert sind, überrascht es nicht, dass er sie meist aus dem Alltag greift. Der Alltag wird zur Mine, aus welcher der Dichter seine Überlegungen über Tage schafft: Ein Spaziergang durch den Park von Sanssouci endet, wie der Titel besagt, «Sans, Souci» oder leer und sorgenvoll, denn «im Blick» hat er «die ausgeglaste, ausgekühlte / Orangerie, dezemberblöd, - blind», in der noch der Sündenbock aller Anglizismen hohl meckert: «, ... Sinn macht’s, Sinn». Anderswo bildet das Gedicht «Doppelsamen» mit dem Zusatz «Mitte Oktober» den eher beiläufigen Eindruck eines «Gevierts» ab:

            «Kreuzblütengewächs, Doppelsamen ...
            Vögel,
            Bild, Hauch im Nu : Aufflattern»

So schlüpfen die Gedanken über das Wachsen und Vergehen natürlich aus dem Ephemeren.

Die mitunter paradoxen Gedankenschlaufen, die geflochten werden, die konträren Verläufe, die sie buchstäblich und im übertragenen Sinne darstellen, müssen verworren scheinen, da ihr Gegenstand sich einem einfachen Zugriff entzieht, aber das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, mit welcher sprachlichen Klarheit Mueller operiert. Man wäre nicht baff, würde einem mitgeteilt, dass der Dichter die Verse im ersten Entwurf in Stein gemeißelt habe («selbst mit stein»), bevor er sie dem profaneren Medium Buch überantwortete. Jedes Wort ist sparsam gesetzt, als ginge jederzeit der Platz aus, als kostete jede weitere Silbe große Mühe; so entsteht eine erstaunenswert präzise Lyrik.

Mangels Steintafeln hängt die Gestalt der Gedichte zuletzt vom Verleger ab, der sie bindet, und hier hat Rainer René Mueller in Leonard Keidel und dessen neuer Edition «a o u e y» einen idealen Verbündeten gefunden. Denn das Ziel der Edition ist es, der Literatur gerecht zu werden, indem am äußeren Gewand der Texte ebenso minutiös gearbeitet wird wie an den Texten selbst. Dank dieser editorischen Hingabe erhalten sich Muellers Gedichte ihre Luzidität auch auf dem Papier, vielleicht wird der Effekt sogar noch verstärkt.
Wir dürfen uns also auf hoffentlich viele weitere Ausgaben aus dem Haus
«a o u e y» freuen.

Rainer René Mueller
geschriebes. selbst mit stein
Edition aouey
2018 · 56 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-947327-03-4

Fixpoetry 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge