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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Pfennigfuchser & Pfennigsäulen

Hamburg

Mit enormer, spürbarer Lust am Erzählen geht Ralf Rothmann seinen neuen Geschichtenband Hotel der Schlaflosen an, jenes Hotel übrigens eine vielleicht unbewusste Reverenz an Robert Aickmans Hotel-Szenario in Schlaflos, doch das nur nebenbei. Es gibt zwei Typen von Erzählung bei Rothmann, die gute und die öde, beide haben ihren Platz, beide überlappen sich zuweilen. Manche Passagen entgleiten dermaßen auf der Kitschspur einer unkritischen, beinahe einfältigen Sprache, dass man es nicht glauben mag, hat man doch eigentlich gerade eine packende, äußerst nah am Geschehen befindliche Fabel vor sich. Andere sind schlicht nicht Rothmanns Fahrwasser, wenn er sich in mexikanische Grenzgefilde begibt, inklusive „einen Hauch Nahuatl“ sprechenden Anhaltern, auch eine Isaak Babel Henkersphantasie wirkt eher wie eine erfolgreiche abgeschlossene Schreibübung, „in seinem Blick gab es genau diese Art Klugheit, die damals dumm war“, aber keine Story auf die man sein Leben lang stolz sein könnte, weil eigenes Blut hergegeben / sich selbst herausgefordert / Neuland sprachlich bewirkt nein, Rothmanns Fahrwasser bleibt das Ruhrgebiet, die Maloche, die seltsam in geflügelten Worten redenden Problematiker, die Missverständlichen, die Barfliegen, die Einkäufer und Erinnernden.

Wann immer Rothmann ins Ausdenken geht, merkt man es sogleich: zu gesucht, zu schablonenhaft imaginiert, letztlich brav aus dem Schreibtisch ins Fenster geschossen, aber nicht erlebt. Das Erlebte wiederum, oder aber das Gehörte von welchen, die es erlebt haben, das kann Rothmann, „Geschäftsführer der Traurigkeit“, mit einer solchen Wucht ins Papier führen wie kaum jemand. Schlicht, packend und mit traumhafter Sicherheit im dramatischen Ablauf, spielen sich Bilder ab. Man muss wissen, wie es ausgeht, selbst wenn (manchmal) Pathos siegt. Rothmann feiert ein Fest des Realen und der Realia, Chronist der Marken, Firmen, Hits, Werbesprüche. Ein gutes Beispiel für diesen leicht oberflächlichen Blick mag aus der überzogenen ersten Musikerinnen-Geschichte Wir im Schilf stammen, die allerdings mit einem genialen letzten Satz ihren Atem aushaucht:

Wie viele Erinnerungen haben zwischen zwei Herzschlägen Platz? Nach wie vor gab es die kleine Buchhandlung in der Nollendorfstraße, immer noch mit den Mervebändchen im Fenster, und der Secondhandladen, in dem sie einmal einen Lederrock gekauft hatte, bot inzwischen gut erhaltene Kleider von Versace an, von Rena Lange und Chanel. Die Neubauten rings um den Winterfeldplatz, Schräges aus Beton und Stahl, eilig hochgezogen nach der Wende, sahen schon wieder hinfällig aus, und während der Fahrer vor einem Zebrastreifen darauf wartete, dass eine Frau an Krücken die Straße überquerte, zählte Emilia die leeren Gläser auf dem Fenster des Slumberland. Wie oft hatte sie selbst dagesessen im Sommer, bei Sonnenaufgang, ein letztes Bier in der Hand, ein blumiges Versprechen im Ohr [...]

Grelle Wechsel zwischen den Erzählungen machen den Duktus des Buches aus, bei seinem Sinn fürs Tempo mag manches derbe Klischee mitlaufen, doch ein quasi TV-Drama wie der Dicke Schmitt ist einfach fantastisch. Die Figuren tun, was ihnen im Berufsstand eingeschrieben ist. Sie sagen Sachen wie „Betonkopf“, sie sind „arbeitskrank“, sie versuchen einen Deckhengst auf eine Stute raufzubringen, was krachend schiefläuft, sie sind alkoholabgefüllte Bestatter und holen Verschüttete aus den Flözen, luftdicht konserviert wie in der Kapuzinergruft Palermos, just auf einer Postkarte dem Protagonisten zugeflogen. Letzteres eine so gespenstische wie gelungene Kumpel-Zeche-Ballade.

„Auf der Halde aus Schotter und Schutt, damals unsere Prärie, standen jetzt Einfamilienhäuser, eine ganze Siedlung.“ Er drückte seine Kippe in den Aschenbecher.

Hotel der Schlaflosen holt viele LeserInnen ab, wer sich nach Vertrautem sehnt, wird nicht enttäuscht werden. Dass die meisten Erzählungen mit „Angst“ zu tun haben sollen, wie vermottot, ist eher ein grundsätzliches Merkmal von Literatur als ausschließlich hier bei Ralf Rothmanns neuem Band anzutreffen. Kurzweil und Seufzen, beides da.

Ralf Rothmann
Hotel der Schlaflosen
Suhrkamp
2020 · 200 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42960-0

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