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Kritik

Deutsche Zeiten, schwere Zeiten

Hamburg

Ich habe in der letzten Zeit auch relativ viele griechische Gedichte gelesen. Ich bin deshalb mit der Problematik der Übersetzung eines Gedichtes in eine andere Sprache sehr vertraut. Beim Lesen der vorliegenden Anthologie ist mir allerdings noch ein weiterer wichtiger Punkt aufgefallen, der den Transfer von Gedichten über Länder- und Sprachgrenzen hinweg erschwert: Ein Großteil dieser Gedichte - mit ihrem oftmals geschichtlichen Bezug - ist nur demjenigen voll verständlich, der nicht nur der deutschen Sprache mächtig, sondern auch mit der neueren deutschen Geschichte bestens vertraut ist. Umgekehrt könnte man jetzt aber auch argumentieren, dass man gerade durch das Lesen dieser Gedichte sich einen guten Überblick über wichtige geschichtliche Ereignisse in Deutschland verschaffen kann. Unter der Vorgabe, etwas über die eigene Generation zu schreiben - eben My generation - sind etwas über einhundert Gedichte entstanden, wobei es bei der überwiegenden Anzahl um nur eine Handvoll von markanten und einschneidenden Ereignissen geht: Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg, 1968 und die Hippies, Mauerfall 1989, Digitalisierung (digitale Nomaden). Es gibt Gedichte, die sich mit weiteren geschichtlichen Phänomenen beschäftigen, zum Beispiel den Babyboomern in den 1960er Jahren, dem Deutschen Herbst 1977, der DDR-Zeit. Neuere deutsche Geschichte spielt in dieser Anthologie also eine herausragende Rolle.

Die meisten Gedichte müssen (anscheinend) ihren Gegenstand auch explizit benennen. Gute Literatur zeichnet sich ja dadurch aus, dass sie etwas ausdrückt oder im Leser erweckt, ohne das "Kind beim Namen zu nennen".
Ein schönes Beispiel ist das Gedicht WHEN WE WERE YOUNG von Peter Frömmig, das die Stimmung der Jahre um 1968 - diese Aufbruchsstimmung - wunderschön ausdrückt, ohne es zu benennen: "Wir waren ganz bei uns [...] Wir sprachen nicht vom Licht / Wir leuchteten". Andere Gedichte spielen mit den wichtigen Namen oder verstecken sie leicht. Im Gedicht Vom Lernen der Lektion von K. U. Robert Berrer heißt es zum Beispiel: "Dann traf der Schuss den Studenten. / Er war friedlich. Doch nicht unbesorgt." in Anspielung an die Ermordung von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967.

Den Umgang mit der "Altlast" Nationalsozialismus thematisiert Ingrid Miller in ihrem Gedicht das gewicht des hungers folgendermaßen:

       heute streifen wir enkel
       am gartentor unsere sandalen ab
      und mit ihnen die schuld [des Großvaters]

Die Zeit um 1968 wird aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Bei Dieter Höss in seinem Gedicht Zwischen den Fronten heißt es: "Als Studenten revoltierten / und den Slogan laut skandierten, / zählte ich bereits zu jenen, / denen man nicht trauen kann." In Anlehnung an den Spruch "Trau' keinem über dreißig". Kritischer sieht das Rolf Blessing in dem Gedicht es gibt keine generationen: "die 68er / heute Schmarotzer der Gesellschaft / waren die Kinder reicher Leute [...] Kinder armer Leute / gingen arbeiten".

In dem Gedicht Sechziger Jahrgang von Britta Lübbers werden die jungen Jahre der Babyboomer und was sie beschäftigt hat, thematisiert:

           Wir waren immer zu viele
            [...] zu viele
            hatten wildes Haar und verweigerten
            das Panzerfahren [...]
            in den Hippie-Höhlen von Matala, auch in Indien
            [...]

            beim Abtrag der Schuld, auf den Kaffeeplantagen
            in Nicaragua [...]
            das Palästinensertuch lässig drapiert
            [...]

            wir hatten einen Koffer in Berlin
            aber keine Wohnung

Claudia Schattach beschäftigt sich in ihrem Gedicht DEUTSCHER HERBST mit der gleichnamigen Stimmung:

 Sitze in fassbinder's bad
  im deutschen Herbst
 braun gekachelt die

            blätter fallen

            vom deutschen Stammbaum [...]

Gerd Adloff behandelt in seinem Gedicht Geschichte geschichtliche Höhepunkte und wie er sie verpaßt hat, zum Beispiel:

Als die Mauer fiel
lag ich mit geschwollenem Hoden
fiebernd im Bett
und verschlief.

Die Stimmung der DDR wird in zwei Gedichten gut eingefangen. In Jahrgang 1969 von Grit Kurth:

"Intershopduft. Westpaket. Sehnsucht.
Ein Zollmensch fraß das Nutellaglas leer."

In BORN IN THE G.D.R. / EIN FRAGMENTARISCHER LAUTLESETEXT ALS / COLLAGE heißt es unter anderem:

Meine Generation [...] sehnte sich nach

            Befriedigung

                                                       On The Road.

            [...]

            In der Eisenzeit immer wieder Wunderbare Jahre bis der

            Faden

            Der Geduld reißt

            [...] Das Prinzip Hoffnung unter

                                             Flugasche

Die Anspielung auf Bücher von Jack Kerouac, Reiner Kunze und Ernst Bloch sind nicht die einzigen Referenzen in diesem Gedicht.

Die fortschreitende Digitalisierung wird bei den jüngeren Dichtern thematisiert: "ohne WLAN, ohne Phone / ohne Selfies ohne Hohn / konnten Kinder sein / offline" (Susanne Kriesmer, Meine Generation); "wolkenlos / bis auf die cloud" (Stefanie Bucifal, #meinegeneration); "Unseren Apple vom Baum der Erkenntnis" (Stefan Kabisch, Generationenvertrag).

Das Gedicht Möglichkeiten von der recht jungen Kathrin Ursula Daehne, beginnt mit den Zeilen:

Ich sah keine großen Geister meiner Zeit,
wie sie vom Wahnsinn befallen wurden.

Das ist beachtenswert, erinnert das doch sehr stark an die Eingangszeilen von Howl ("Das Geheul") von Allen Ginsberg von 1956:

Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom
Wahnsinn, ausgemergelt hysterisch nackt,

Zwei Gedichte beschäftigen sich auch mit der Angst vor Islamisierung. Bei An meine Tochter und sechs Söhne von Siegmar Faust heißt es:

Versuche noch Venedig zu sehen, bevor die
Islamisierung dieses Kleinod christlicher Kultur
bald ungenießbar machen wird

Mir erschließt sich der Sinn dieser Zeilen nicht ganz. Und ich frage mich, ob das (noch) ernst (also ganz bei Pegida und Co.) oder ironisch gemeint ist? Bei Stefan Kabischs Gedicht Generationenvertrag ist die Ironie dagegen klar erkennbar:

Wir
Atheisten im Auftrag des Gekreuzigten,
Bedrohen Juden, Pfarrer, Journalisten,
Zur Verteidigung des christlichen Abendlands,
Zum Schutz vor dem Islam.

Also kann zusammenfassend gesagt werden, dass in dieser Generationen-Anthologie ein vielfältiger Reigen durch die "Bunte Republik Deutschland" (und ohne die DDR dabei zu vergessen) getanzt wird, angefangen bei den Nazis und dem Zweiten Weltkrieg bis zur digital-nomadisierten Neuzeit.

Ralph Grüneberger (Hg.)
Poesiealbum neu 2/2018 * My generation
Edition kunst & dichtung Leipzig
2018 · 4,80 Euro

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