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Kritik

„Unziemliches Verhalten. Wie ich Feministin wurde“

Rebecca Solnits Autobiografie zeigt auf, von wo wir kommen - und wo wir noch hinkönnen
Hamburg

“Wir wollen nicht, dass du alleine im Dunkeln unterwegs bist”, haben meine Eltern mir früher gesagt, und ich habe nur mit den Schultern gezuckt. Etliche Male bin ich im Dunkeln alleine unterwegs gewesen, und das nicht nur in Großstädten. Ein bisschen mulmig war mir ab und zu schon zumute - und doch kann ich mich frei bewegen, tagsüber, nachts, bleibe oft vor anzüglichen Pöbeleien bewahrt, werde in Diskussionen als Gesprächspartnerin oft ernst genommen, kann Entscheidungen treffen, wie ich möchte. Das war für Rebecca Solnit nicht immer der Fall, und ist es nach wie vor für viele Frauen* nicht. Auch nichtweiße und queere Menschen können sich heute bei Weitem nicht die gleichen Freiheiten herausnehmen wie eine weiße, heterosexuelle Person.

Von ihren langjährigen und andauernden Bemühungen für den Feminismus ___STEADY_PAYWALL___berichtet Rebecca Solnit in ihrer neu erschienen Biografie „Unziemliches Verhalten. Wie ich Feministin wurde“. 1961 in den USA geboren, hatte die Autorin und Aktivistin schon seit ihrem ersten Englisch-Aufsatz den Traum, Schriftstellerin zu werden. Doch ihre eindrückliche Autobiografie setzt nicht mit ihren frühen Kindheitsjahren in einer Familie, deren Zusammensein von Gewalt des Vaters geprägt war, ein ‒ sondern mit der ersten Wohnung in einem Schwarzenviertel San Franciscos, in das sie mit 19 Jahren zog. Hier spürte sie zum ersten Mal eine offene Freundlichkeit auf den Straßen, und hier lebte und schrieb sie 25 Jahre lang. Die frühen 80er Jahre sind prägend für die dünne, ja magere Frau mit den langen blonden Haaren: Hier findet sie langsam aus einer verträumten, einsamen Kindheit hinaus in die Welt ‒ mit allen Schwierigkeiten, die das in einer Zeit mit sich brachte, wo Sexismus und offen diskriminierende Verhaltensweisen gegenüber Frauen noch zum üblichen Verhaltensset quasi jedes Mannes gehörten. Und in einer Kultur, in der die Bezeichnung für „Menschheit“  schlicht und einfach „mankind“, quasi „Mannheit“, ist.

„es gibt Männer, für die es nichts Erotischeres gibt als ihre eigene Macht beziehungsweise die Machtlosigkeit einer Frau“

Ihre ganze Jugend über hatte sich Solnit ausgemalt, wie sie verfolgt, vergewaltigt und ermordet würde, denn Geschichten dieser Art fanden sich überall in den Medien ‒ und wurden doch als bedauerliche Einzelfälle abgetan. Obwohl sie nie Opfer schlimmster körperlicher Gewalt wurde, hinterließen diese Geschichten sowie die täglich erlebten Demütigungen und übergriffigen Anmach-Sprüche von Männern tiefe Spuren in ihrem Geist und ihrem Körper. Sie versuchte, möglichst keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, war so dünn, dass ihre Beckenknochen so weit hervorstachen, dass manch eine*r meinte, sie habe etwas in ihren Hosentaschen stecken. Sie wurde zur „Expertin in der Kunst des Nichtexistierens“; hieraus leitet sich auch der englische Titel der Autobiografie „Recollections of my Nonexistence“ ab. Die Verteidigungshaltung gegen mögliche und tatsächliche Angriffe von Männern raubte ihr als Jugendliche und in ihren frühen Zwanzigern alles, was sie an Kraft besaß.

„Wir hören vor allem von Menschen, die Schwierigkeiten überstehen oder Hürden überwinden, und ihr Erfolg wird gern als Beleg dafür genommen, dass die Schwierigkeiten oder Hürden wohl doch nicht so groß waren oder dass was uns nicht umbringt, uns nur stärker macht. Aber nicht jede*r kommt durch, und der Kampf gegen das, was uns umzubringen versucht, raubt uns eine Menge Energie, die wir anderswo sinnvoller einsetzen könnten“

Mit essayistischem Geschick gelangt Solnit von ihrem persönlichen Werdegang, ihrem Journalismus-Studium und den ersten Sachbüchern über das Leben im Westen der USA bis hin zu ihren weltbekannten Essays über „mansplaining“, immer wieder auf die großen Zusammenhänge, erzählt von dem Protest gegen die Atombombentests auf der Nevada Test Site, von den historischen Schichten, die in einer Stadt übereinander liegen und das solidarische Zusammenleben in San Francisco. Stark ist es, wie die Autorin immer wieder auf den Kampf von Schwarzen, Native Americans, Homosexuellen und Queeren zu sprechen kommt und somit Feminismus intersektional auffasst und vermittelt. Wenn sich die Rolle und die Möglichkeiten der Frauen und der LGBTQ* änderten, so seien auch die cis-Männer gezwungen, ihr Selbstbild und ihr Verhalten neu zu definieren, heißt es an einer Stelle.

„Wenn die Geschlechter keine Gegensätze waren, sondern vielmehr ein Spektrum an Variationen über das zentrale Thema des Menschseins, wenn es etliche Möglichkeiten gab, die eigene Rolle auszufüllen […], dann würde das Bollwerk niedergerissen werden, und alle würden sich frei bewegen können“

Solnit, die heute das Harper’s Magazine mit herausgibt, unterzieht auch den westlichen Kulturkanon einer kritischen Untersuchung, so würden Frauen in Büchern oft entweder gar keine Rolle spielen, wie zum Beispiel bei „Huckleberry Finn“, „Moby Dick“ oder „Der Herr der Ringe“, oder aber ihr Tod und ihre Qualen würden lustvoll geschildert und durchdekliniert (so etwa bei Hitchcocks Filmen).

Besonders gut gelingen die abschließenden Kapitel, in denen Solnit in der Gegenwart ankommt und über ihre große Freude beim Miterleben der #MeToo-Bewegung und die Nützlichkeit aktivistischen Engagements schreibt. Auch die bis auf kleine Ausnahmen exzellente Übersetzung ins Deutsche durch Kathrin Razum und die Adaptierung, die damit an den Stellen, wo es um Sprache geht, einhergehen, ist bemerkenswert.

Rebecca Solnit
Unziemliches Verhalten / Wie ich Feministin wurde
Übersetzt von Kathrin Razum
Hoffmann und Campe
2020 · 272 Seiten · 23,00 Euro
ISBN:
978-3-455-00953-8

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