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Kritik

Wenn aus Wüste Worte werden

Zum Fünfundachtzigsten von Reiner Kunze
Hamburg

Am 16. August feiert der 1933 im erzgebirgischen Oelsnitz geborene Reiner Kunze seinen 85. Geburtstag. Seine poetische Sichtweise wird im faszinierenden Bildband „Steine und Lieder“ veranschaulicht.  

Im ersten Augenblick ist man überrascht: Notizen über das südlichste Afrika aus der Feder jenes deutschen Dichters, der in der DDR großgeworden und an ihr fast zerbrochen war.

Der Klappentext verrät, daß Reiner Kunze 1994 die namibische Halbwüste während einer Lesereise in Südafrika kennengelernt hatte. Damals entstand sein Wunsch, einmal längere Zeit in dieser einsamen Gegend zu verbringen. Kunze und Afrika - ein Paradoxon? Bereits 1988 versah Reiner Kunze einen illustrierten Band des befreundeten bayrischen Tierbildhauers Heinz Theuerjahr mit poetischen Reflexionen. Heinz Theuerjahr hatte mit Vorliebe Motive der Tierwelt aufgegriffen, denen er auf seinen zahlreichen afrikanischen Reisen begegnet war.

In einer seiner namibischen Notizen versichert Reiner Kunze, daß er im südlichen Afrika ursprünglich an Texten arbeiten wollte - was nicht gelingen konnte: „die Wirklichkeit hier zieht mich in sich hinein“. Daß aus dem entlegenen Aufenthalt sogar ein neues, gewissermaßen afrikanisches Buch entstehen würde, hat ihn wohl selbst überrascht.

Als Ende der 1980er Jahre Reiner Kunze auf der Tokioter Sophia-Universität mit dem japanischen Schriftsteller Makoto Oda ein öffentliches Gespräch führte, wurde hierzulande ein Satz von Kunze zitiert, in welchem er darauf hinwies, daß für ihn als Schriftsteller der Nord-Süd-Konflikt nichts beinhalte, woraus ein literarischer Text entstehen könne.

Die „Namibischen Notizen“ sind ausschließlich literarischen Kriterien unterworfen. Diesen „poetologischen“ Schwerpunkt hatte Kunze in den 1960er Jahren in der tschechischen Poesie kennengelernt, die sein eigenes Schaffen fortan prägen sollte.

Die „Namibischen Notizen“ geben Auskünfte über die Inspirationen, welche das Zusammentreffen sensibler Wahrnehmung mit der fremden Welt im Süden Afrikas ausgelöst hatten. Kunze erlebt die Halbwüste mit ihrer erstaunlichen Vegetation samt den Tieren und schildert vor allem immer wieder die Begegnung mit einzelnen Menschen. Seine Faszination führte die Feder und aus Wüste wurden Worte – und Bilder!

Als überraschende Premiere präsentiert dieser Band neben den „Namibischen Notizen“ erstmals eine große Anzahl von farbigen Fotos, die ebenfalls von Reiner Kunze stammen. Seit längerer Zeit, so gibt er an, habe er wieder zu einer Kamera gegriffen: „Ein Foto, dessen Wert nicht primär in der Information oder Dokumentation besteht, sondern in der Wirkung als Fotografie, kann mich hinreißen, und unter diesem Aspekt interessiere ich mich für das Fotografieren“. Seine Begabung für ungewöhnliche Fotomotive hat der Dichter Reiner Kunze auch in seinem Fotoband „Der Kuß der Koi“(2002) unter Beweis gestellt, welchem er ebenfalls nachdenkliche Prosanotizen zuordnete.

„Steine und Lieder“ eignen sich nicht als dokumentarischer Beitrag über den Nord-Süd-Konflikt oder Herausforderungen des heutigen Afrika. Sehr wohl aber werden soziale und ökologische Probleme dann ins Bild gebracht, wo sie unmittelbar Mensch und Natur in Namibia betreffen. Seltsam genug: in der ästhetischen Verarbeitung des Gesehenen und Erlebten wird der Künstler Reiner Kunze diesen Menschen gerechter als mit irgendwelchen gut gemeinten politischen Programmen. Kunze beschreibt, statt zu interpretieren, wenn er zum Beispiel eine junge Frau beobachtet, die auf den Namen eines Waschmittels auf einem Behälter aufmerksam wurde:

„Sie rief ihn unter Lachen den anderen zu und begann, ihn vor sich hinzuträllern. Die anderen übernahmen die zweite Stimme, die sich abermals verzweigte - und schon sangen sie sich an einem Lied entlang“.

Die Stärke von Reiner Kunzes poetischen Notizen liegt darin begründet, daß sie nicht aus Vorsatz entstanden, sondern von der unmittelbaren Wirklichkeit ausgelöst wurden. In der künstlerischen Verdichtung besticht in gewohnter Weise die Kürze, die einzig von der Genauigkeit regiert wird.

Sowohl im literarischen wie auch im fotografischen Verfahren dominiert bei Reiner Kunze die Konzentration auf das poetische Bild. Poesie als freies Schöpfertum überschreitet die einseitige Wiedergabe des Gesehenen. Eingefahrene Wahrnehmungen werden durchbrochen und mit neuen Zusammenhängen erlebbar gemacht. Mit „Steine und Lieder“ liegt ein sinnliches Ereignis vor, welches in seiner Behutsamkeit unsere Aufmerksamkeit auf ungeahnte Weise zu wecken vermag.

Reiner Kunze
Steine und Lieder / Namibische Notizen und Fotos
S. Fischer
1996 · 112 Seiten · 34,00 Euro
ISBN:
3-10-042016-0

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