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Erinnerungen an Kupfercreme, Johannes Frank, Felix Scheinberger
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Erinnerungen an Kupfercreme, Johannes Frank, Felix Scheinberger
Kritik

Der Wiedergänger

Reinhard Kleists Comicbiografie „Nick Cave – Mercy on me“
Hamburg

Einem Farmerjungen wird die Enge der winterlichen Einöde zu bedrückend. Bei Nacht beschließt er, sein zu Hause zu verlassen, auch wenn er den Vater in Zorn, die Mutter in Kummer zurücklässt. Nach sieben Tagen des Reitens stirbt das Pferd des Jungens. Zu Fuß erreicht er eine nahe gelegene Stadt, doch Fremde sind hier nicht willkommen. Es fällt nur ein einziger Schuss, aber der ist folgenreich. Der Junge schleppt sich an ein Flussufer und beklagt sich bei seinem Schöpfer. Herr, soll das mein Schicksal sein? Zu sterben, weil ich die Welt sehen wollte, die du geschaffen hast?

Reinhard Kleists Graphic Novel Nick Cave – Mercy on me beginnt dramatisch und mit rasantem Tempo. Doch das ist nur bedingt die Schuld des Autors. Kleist, der mit seinen biografischen Büchern über Johnny Cash, H.P. Lovecraft oder Fidel Castro längst zur ersten Liga internationaler Comiczeichner gehört, orientiert sich in seinem neuesten Werk stark an den Songs seines Protagonisten. Sie sind es, die dem Comic ihre erzählerische Struktur geben, womit sich Kleist ein Stück weit Cave ausliefert, so wie der Farmerjunge in The Hammer Song seinem Schöpfer ausgeliefert ist.

 

 

 

 

Nick Cave der Musiker, Schriftsteller, Filmemacher ist nicht einfach zu begreifen. Dabei lässt sich sein Leben relativ einfach nacherzählen. Geboren und aufgewachsen im ländlichen Australien, gründete er als Teenager seine erste Band The Boys Next Door, die sich später in The Birthday Party umbenannten. Er verlebte eine intensive Sturm-und-Drang-Zeit in London und West-Berlin, die nicht nur von legendären Punkkonzerten, sondern auch von Heroin und zunehmender künstlerischer Orientierungslosigkeit geprägt war.

Zugegeben, das klingt nicht gerade wie eine einzigartige Künstlerbiografie, doch Reinhard Kleist versteht es, diese Story so erzählen, dass man begreift, worin der Unterschied von Nick Cave zu anderen Musikern besteht. Kleist verknüpft die Stories der Cave-Songs mit dessen Biografie, überblendet die Fakten und Fiktionen der Lyrics ebenso wie jene aus dem Leben des australischen Musikers, der nicht wenigen Musikfans heute als Legende gilt. Ein Status, auf den er nicht nur sein Leben lang hingearbeitet hat, sondern ein Mythos, an dem er selbst kräftig feilte und noch immer feilt. Mit Büchern wie The Sick Bag Song etwa, oder dem Film 20.000 Days on Earth, den Kleist ebenso in seine Bilderzählung einwebt wie den Roman Und die Eselin sah den Engel.

Es entsteht im Comic eine permanente doppelte, manchmal dreifache Lesbarkeit dieses Lebens, das mit fortschreitendem Alter immer mehr zur Story wird. Nick Cave, der den Farmerjungen in die Welt entließ; trug derjenige, der den Jungen anschoss, nicht auch seine Züge? Zu welchem Schöpfer spricht der Verletzte also? Und zu welchem spricht Cave, wenn er sich in seinen Songs auf die Suche nach dem Ursprung aller Erzählung macht – zu finden vielleicht am CERN in Genf? Im Higgs Boson Blues fährt Cave mit Robert Johnson als Beifahrer durch die Schweiz. Zu diesem Zeitpunkt hat der Musiker schon unzählige Figuren auf dem Gewissen, die ihm das nicht immer verzeihen konnten. Mehr noch, Cave wird nicht nur zum Albtraum seiner Figuren, sondern zum Wiedergänger seiner selbst. Johnson überlegt sich also genau, ob er ausgerechnet von diesem Typen in einem Song verewigt werden will.

  Wie jede interessante Biografie gerät auch Mercy on me von Seite zu Seite immer mehr zu einem Trip. Denn wie zuverlässig ist schon das Nacherzählen auch eines vermeintlich gut dokumentierten Lebens? Caves Leben jedenfalls, so liest man es bei Kleist, ist von Anfang an der Kunst verschrieben. So stark, dass die Grenzen verschwimmen und der Künstler selbst zu einer Art Kunstfigur wird, ähnlich Tom Waits oder auch Bob Dylan.

Doch Kleists ästhetisch ausgefeiltes Nick Cave-Porträt gerät nicht vollends zur One-Man-Show und erst recht nicht zur Anbetung. Dafür sorgen nicht nur die Figuren seiner Songs, sondern vor allem auch die Kontextualisierung seines Lebensweges – also die Bandbiografien, die immer auch miterzählt werden. Die Arroganz der Anfangsjahre, die Spannungen mit dem ewig nörgelnden Mick Harvey etwa, oder die Entzweiung mit dem sensiblen Roland S. Howard, der heute wohl schon fast vergessen ist. Aus dem Gesamtbild Mercy on me stechen immer wieder einzelne Szenen besonders hervor, die mit eindrucksvollen, stark konturierten Bildern Episoden erzählen, bei denen man sofort spürt, dass sie über den Strich des Zeichners hinaus wirken.

Eine dieser Szenen ist die Inszenierung der Geburtsstunde der Bad Seeds. Jener Band also, die Nick Cave und ihre Mitglieder berühmt machte und noch immer fortbesteht. Tupelo schallt durch den Proberaum. Ein apokalyptischer Song, der vom Untergang einer Stadt in einem Regensturm erzählt. Da ist sie wieder, die allgegenwärtige Dramatik, das Pathos der Anrufung und der Tod. Sie sind die schwarzen Fäden, die sich durch Leben und Werk Nick Caves ziehen. Wieder muss etwas sterben, dem Erdboden gleich gemacht werden, damit eine neue Saat ausgebracht werden kann.

Vielleicht hatte Nick Cave seinen unverwechselbaren Sound wirklich mit diesem Song gefunden. Bis heute hat er ihn zu einer Intensität perfektioniert, der Kleists Graphic Novel absolut gerecht wird. Nicht nur für Fans lohnt sich dieser dunkle Trip durch das vielschichtige Leben und Schreiben eines Ausnahmekünstlers.

 

 

 

 

Reinhard Kleist
Nick Cave / Mercy on me
Carlsen
2017 · 328 Seiten · 24,99 Euro
ISBN:
978-3-551-76466-9

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