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Kritik

Kluge Umwege des Surrealismus

Hamburg

René Crevels schmaler Roman „Umwege“, sein Erstling, dessen deutsche Übersetzung fast hundert Jahre nach dem Original im Berliner Verlag zero sharp erschienen ist, kann man einen Störfall der Literatur, der (mittlerweile angeblich historischen) Avantgarden, des Surrealismus nennen. Über die berühmt-berüchtigte „geistige Strömung“ aus dem Sünden- und Geistespfuhl Paris schrieb Walter Benjamin einst: „Hier wurde der Bereich der Dichtung von innen gesprengt, indem ein Kreis von engverbundenen Menschen ‚Dichterisches Leben‘ bis an die äußersten Grenzen des Möglichen trieb.“ Crevel erwähnt Benjamin nicht. Auch wenn ihm Frontmann André Breton attestierte, Crevel bekenne sich zum „absoluten Surrealismus“, blieb er weit weniger bekannt als etwa Louis Aragon, Antonin Artaud, Georges Bataille, Paul Éluard oder Robert Desnos, mit dem er sich ausgiebig dem automatischen Schreiben unter Hypnose hingab. Typisch für Avantgarden, die ihren elitären Charakter nicht recht abstreifen wollen, um sich selbst zu erhalten, wurden fast alle der genannten Autoren früher oder später von Breton aus dem Kreis des Surrealismus ausgeschlossen. Crevel jedoch beging, politisch-künstlerisch zerrissen und schwer krank, nach dem Ausschluss der Surrealisten vom „Internationalen Kongress der Schriftsteller zur Verteidigung der Kultur“ mit 34 Jahren Selbstmord. An seiner Jacke heftete ein Zettel: „Ich bitte darum, mich zu verbrennen. Ekel“.

Crevels Leben und Werk im Licht der surrealistischen Bewegung (und ihrer Zeit) wird im Vorwort des Übersetzers Maximilian Gilleßen kenntnisreich und bündig dargestellt. Ein interessanter Aspekt dabei ist Bretons Haltung zu „Umwege“: Er gibt ihm schweigend das Manuskript zurück. „Weder Ja noch Nein, weder Erlaubnis noch Verbot. Vielleicht erkannte er (Breton), dass Crevel die Form des psychologischen Romans in seiner ganz eigenen ‚éducation sentimentale‘ gerade durch die Verschränkung von Autobiographie und Fiktion, wenn schon nicht aufgesprengt, so zumindest rissig gemacht hatte.“

Der Protagonist, der Erzähler des Romans heißt Daniel und ist Sohn eines Hauses, das ein gutes genannt werden will, dem nicht gerecht wird, sodass seine Vertreter lieber sich das Leben nehmen als vor der Gesellschaft das Gesicht zu verlieren. Nach einem Vorspiel, in dem Daniel aus seiner Kindheit und Jugend berichtet und das Verhältnis von Mann und Frau auseinandernimmt, beginnt das zweite Kapitel „Endlich ein Drama“ mit dem Suizid der Mutter. Es beginnt mit dem Satz „Endlich kam der Tag, an dem es mir erlaubt war hochzuspielen, ohne hochzustapeln“. Ein Skandal erschüttert die Familie, denn der Vater, der bei der Armee ist, wird in einen Vorfall verwickelt, bei dem ein junger Mann aus einer guten Familie in den Wäldern um Paris Opfer eines „abscheulichen Verbrechens“ wurde — man kann wohl von einem Sexualdelikt ausgehen. Daraufhin springt die Mutter vom Geländer. Und kurz darauf, nachdem Daniel ihm verschiedene Suizid-Arten aus der Zeitung vorliest, dreht der Vater, wie für ihn quasi vorgeschrieben, den Gashahn auf, sodass man — wer auch immer das sein mag — von einem Unfall sprechen kann. Die merkwürdige Mischung aus Absurdität, Gleichgültigkeit und angedeuteter Logik, von und mit der über diese Tode geschrieben wird, sind jedoch kein blanker Zynismus des Autors, sondern offenbaren vielmehr die abgründige Brutalität der bürgerlichen Gesellschaft, in der der Ruf wichtiger ist als alles andere, eigene Verfehlungen heftige Selbstjustiz nahelegen. Aber Daniel ist mittlerweile auch Student der Philosophie und im Vorlesungssaal trifft er auf zwei Kommilitoninnen, die den weiteren Verlauf der Handlung mitprägen werden: Scolastique Dupont-Quentin, die Tochter des Professors, Léila, eine „Hindu“ wie der Erzähler sagt, deren Name zwar deutlich weniger Silben als Scolastique hat, dafür aber eine deutlich höhere Anziehungskraft auf Daniel. Das Schicksal der drei verstrickt sich dann noch mit Cyrill Boldiroff, einem russischen „Lebemann“ blauen Bluts, der Weisheiten über Frankreich zum Besten geben kann, wie etwa: „In Ihrem Land spricht alle Welt, um zu verführen, unverständlich von verständlichen, wenn nicht sogar offensichtlichen Dingen.“ Eine Erkenntnistheoriekritik, die vielleicht auch Professor Dupont-Quentin getroffen hätte, dessen Genie von Daniel in Frage gestellt wird, wohingegen seine Tochter ihn ehrerbietig anhimmelt. Sie vermählt sich aber nach seinem Ableben mit eben jenem Cyrill und tauscht ihren Namen — über den wir erfahren, dass der Vater nach der Geburt nur meinte „Das Kind soll heißen, wie es will!“ — um in Cyrilla. Was folgt ist eine Vierecks-Geschichte, denn auch wenn Daniel nach einem Brief Cyrillas zunächst „keinerlei Lust“ verspürt, „diese Schwätzerin zu besuchen“, kommt es doch ganz anders, vor allem kommen viele Dialoge, in denen sich Witz und Dünkel die Waage halten, wobei die hervorragende Übersetzungsleistung erwähnt werden muss. „Umwege“ endet in den Schweizer Bergen: „Alles wollte geliebt werden, selbst die durch die Straßen streifenden Provinzler, der Geschmeidigkeit ihrer Wäsche wegen“, wo es der Erzähler seinen Eltern gleichtut, sodass am Ende kein bürgerlicher Reifungsprozess abgeschlossen wird, sondern vielleicht gerade diese Vorstellung vom Lebens als schlüssiger Laufbahn der Lüge überführt.     

Die „Utopie als Negation bürgerlicher Konventionen“ sieht Übersetzer Philipp Roepstorff-Robiano in dem Buch im Gange, in dem sich eine „Aushöhlung der Wirklichkeit“ durch die Selbstparodie der Handlung im Text selbst vollzieht. Ein Text nach programmatischer Vorgabe des ersten surrealistischen Manifests ist „Umwege“ auf keinen Fall. Aber wenn man die Grenze von Dichtung und Leben in Frage stellt, wäre es dann nicht fahrlässig, schlicht zu einfach gedacht, man könnte die Konflikte mit den Konventionen einer Gesellschaft literarisch einfach überspringen, sie der Darstellung für unwürdig befinden und so schreiben, als ob es sie nicht gäbe? Der Roman ist eben kein Experiment ohne Wagnis. Daniels Frage, die auf dem Rücken des aufwändig gestalteten Buchs steht „Und wenn man seinen Lebenszweck nicht in einem Menschen gesucht hätte, sondern in einer Idee?“ bringt vielleicht das Dilemma jeder avantgardistischen Kunst auf den Punkt, die mehr sein will als höhere Unterhaltung, kulturelle Bildung oder selbstgenügsames Spiel. In „Umwege“ geht man dieser Frage als Leser sehr gerne nach. 

René Crevel
Umwege
Übersetzung: Maximilian Gilleßen
zero sharp
2019 · 176 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3945421086

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