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Kritik

Mont

Hamburg

Wir nehmen als erstes den Verlag zur Kenntnis: Er heisst zero sharp, auf der Homepage finden wir nur sechs Titel, der älteste von 2014, Layout und Mache sind ungewohnt (aber sorgfältig umgesetzt), prominent prangt auf der Homepage der neumodische Hinweis aufs Jahresabo … Bisher sind jedenfalls nur Titel französischer Autoren erschienen, und zwar genauer: Titel aus der Vor- und Frühgeschichte dessen, was dann als Surrealismus und/oder Pataphysik die Tektonik des Theoriekontinents Frankreich bestimmen sollte, sagen wir "literarische Artefakte der Proto-Postmoderne". Es handelt sich, wie genaueres Stöbern uns erfahren lässt, auch ausschließlich um Neu- bzw. sogar Erstübersetzungen, beinahe sämtlich bestellt durch Übersetzer und Mitherausgeber Maximilian Gilleßen.

Das wirkt sich nun alles zusammen darauf aus, was eine Rezension leisten wollen sollte. Es geht nicht darum, ob die vorgelegte Textästhetik "was kann" bzw. für wen sie "was kann", sondern es geht um Arbeit im und am Archiv. Da steht dann in erster Linie zur Debatte, ob der Primärtext von den Herausgebern angemessen kontextualisiert wurde; um mögliche Einsprüche oder Kommentare zur editorisch vorgenommenen Einordnung; und erst über die Bande der Frage nach historischen Wertigkeiten innerhalb des Kanons um "Gefallen" und "Nichtgefallen".

Die Kontextualisierung erledigt Gilleßen in einem hinreichend mit Belegstellen abgesicherten Nachwort über das Leben des Autors René Daumal und den Ort, den der vorgelegte Roman darin als unvollendetes Spätwerk einnimmt. Über die historischen Diskussion zur Einordnung von Daumals Werken sowie über die konkreten Anknüpfungspunkte an verschiedene Strömungen, Cliquen, Denkschulen werden wir auch als Laien französischer Theoriegeschichte unkompliziert und hinreichend aufgeklärt: Wir haben es mit einem 1944 jung verstorbenen Autor zu tun, der den Pataphysikern als wegweisend, aber (wohl zu Unrecht) zu esoterisch galt; der sich (praktisch) mit Bewusstseinserweiterung und (theoretisch) mit religiöser Symbolsprache beschäftigte, um Religion hinter sich lassen zu können; jemanden mit Sympathie für die Lebensreformbewegung; zeitlebens von Geldsorgen geplagt; die eigene Karriere aufgrund hoher Ansprüche an die eigene Arbeit oft genug unwillkürlich sabotierend; Bergsteiger in den französischen Alpen.

Das unvollendete Buch, das so eingebettet bei zero sharp erscheint, heisst "Der Berg Analog" und hat den Berg schlechthin – als Symbol, Chiffre und mythologisches Leitmotiv – zum Gegenstand. Die ganzen Handlung sitzt der falschen (im Nachwort: "pataphysischen") Logik eines Gottesbeweises nach Thomas auf; der Icherzähler selbst distanziert sich Eingangs von ihr, wenn er nämlich äußerst ambivalent daran zurückdenkt, wie er in einem Artikel sein Interesse am "symbolischen Berg par excellence" so formuliert hat:

"Damit ein Berg die Rolle des Analog spielen kann", schloss ich, "muss den Menschen, so wie sie die Natur geschaffen hat, sein Gipfel unerreichbar, sein Fuß jedoch zugänglich sein. Er muss einzigartig sein und auf der Landkarte existieren. Die Pforte zum Unsichtbaren muss sichtbar sein."

Aber es findet diese Formulierung Resonanz bei einer Trickster- oder Mysterienpriesterfigur namens Pierre Sogol (Logos, nichtwahr?). Sogol nun überzeugt den Erzähler von der Richtigkeit des zitierten "Bergbeweises", und so organisieren die beiden eine Expedition zu jenem Berg, was unter anderem bedeutet, dass sie sich vorbereiten und nach zusätzlichen Teilnehmern Ausschau halten. Wenn man Alejandro Jodorowskys Film "The Holy Mountain" kennt, wird einem vieles bekannt vorkommen; jener Film wie dieses Buch schöpfen aus einem umfangreichen Vorrat an mythischen Bergen, welche, gegenüber ihren jeweiligen bestimmten sozialen und geschichtlichen Kontexten aufgestellt, jeweils Bestimmtes "bedeuteten", aber dennoch aufeinander als, eben, Analogien bezogen bleiben. Daumals Roman platziert auf den Hängen seines "Berges" natürlich auch Elemente eines ästhetischen und lebensphilosophischen Programms, das natürlich nicht im Ganzen expliziert wird, und gerade deshalb, zumindest als Materialsteinbruch, die Jahrzehnte überdauert zu haben scheint.

Als literaturgeschichtliches Kuriosum und herausgeberische Leistung ist dieser "Berg Analog" allerdings nur von Interesse. Lustig dagegen wird er, wenn wir ihn uns tatsächlich (und paradoxerweise wohl gegen die Intention des Verfassers) als leicht trashig angehauchte Abenteurgeschichte danken, als pulp fantasy in Fortsetzungen, zwar mit Bonus-Späßchen für die Intellektuellen, aber auf das Funktionieren dieser Späßchen nicht angewiesen; wir verbeißen uns dann in der Tradition barocker bis gründerzeitlicher Inselfahrer-Garne, durch Serienproduktion gebrochener oder erst geformter Utopien, von Robinson über Johann Gottfried Schnabls Felseninsel bis zu Jules Vernes unterseeischen Habitaten. Dann ist es auch plötzlich nicht mehr tragisch, dass ein paar Kapitel fehlen.

René Daumal
Der Berg Analog
Nachwort: Maximilian Gilleßen
zero sharp
2017 · 192 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3945421055

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