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Kritik

"22. iss gut. 23. schreibe."

Hamburg

Narr #24. Fast, dass es nicht mehr die aktuelle Ausgabe des narrativistischen Literaturmagazins ist, die mir vorliegt … fast. Hat lange genug gedauert, bis ich endlich dazu komme, es zu lesen, geschweige denn zu rezensieren.

Wohlverdient, das fällt als erstes ins Auge, ist die Nominierung für den Schweizer Design-Preis 2018 – die relativ wenigen, aber strikt durchgezogenen gestalterischen Entscheidungen entfalten klare Wirkung; es erzählen schon allein die zwei gewählten Schrifttypen in ihrem Spannungsverhältnis zueinander und in den Assoziationen, die sie aufrufen, recht genau, wenn auch auf ungewohnte Weise vermittelt, wie nach Ansicht der Zeitschriftenmacher*innen zu lesen wäre … wie erstmal das Narr zu lesen wäre, aber (denken wir uns) dann überhaupt die Literatur, oder zumindest das, was diese Crew recht junger Schweizer Autor*innen zu ihr beiträgt. Und wie ist nur zu lesen? – Sagen wir: Unsentimental (Schrifttype "Real Beta"), aber schwelgerisch (Type "Narr Regular") … oder: entschieden diesseitig und auf die Arbeitswirklichkeit des (halb)akademischen (Halb-)Prekariats bezogen … man hat die alten Zeitungsredaktionen und -druckereien noch als sozialtypus- und charakterbildendes Herschreibungs-Etwas auf dem Schirm,  die geplotteten Schwarzweiß-Fotos und heute ungewohnt materiellen Sachzwänge der Textproduktion, aber dieses Etwas steht im Jahre 2018 der Spielerei nicht mehr im Wege … Soviel zur Interpretation der Design Choices des Narr als Narration.

Ohne uns nun in der Beschreibung der neunzehn einzelnen Textbeiträge1 zu verlieren: Die Redaktion bleibt sich mit der Auswahl treu. Kein Beitrag ist bloß gefällig; die Kriterien sogenannter Welthaltigkeit und intelligenter Unterhaltsamkeit sind aufrecht; programmatische Viabilität der einzelnen Entwürfe, die zwingend über den jeweiligen Text hinausgehen müsste, ist weniger wichtig als das Vorhandensein von Momenten, die zum Ausweis taugen, dass man auf die Vorgaben von Markt und aufpolierter Form eh pfeift; man setzt sich im Zweifelsfall lieber der Gefahr aus, für diskursfern und pubertär zu gelten, als abgeklärt, gelangweilt, langweilig 'rüberzukommen. Das ist für den Narr nichts Neues.

Man kann freilich der Meinung sein, diesmal wär's gerade das entscheidende Bisschen zu dick aufgetragen; es wirke z. B. gar sehr bemüht clever, wenn etwa Pablo Haller in seinem narrativistischen manifest #7 ein literarisches 23-Punkte-Programm formuliert, das einerseits – und ganz in der großen Tradition von Artmanns Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Acts – von vorsätzlicher Selbstwidersprüchlichkeit beim Beschreiben der Existenzform "Autor" surrt, aber sich andererseits pampig-zynisch-geschmeidig den Marktrealitäten auch des gegenwärtigen Lesens von Listen2 anpasst, wenn der Titel lautet

23 punkte, mit denen du nicht glücklich wirst, dafür aber einen ordentlichen text hinkriegst (sofern du halbwegs talentiert bist)

… oder Johannes Witeks – mit Haller gesprochen – "kluglustiges" Gedichtgedicht, das offenkundig auf laufende poetologische Diskussionen reagiert, aber das doch hauptsächlich, um die Differenz zwischen aufgesetzter Unschuldsmiene und wirklicher Wahrnehmungsweite als komischen Effekt zur Schau zu stellen. (Was wiederum nicht heißt, das man's nicht lesen möchte).

(Auch erwähnenswert ist die Tiger-Woods-Prosa von Jan Schilmöller – laut Kopfzeile "Gewinnertext Literaare 2018" –, und zwar weniger des ausgelutschten inhaltlichen Sujets wegen, mehr dank des ausgesprochen lustigen, equilibristischen Umgangs mit der grammatischen Subjekt3-Position …)

Alles zusammen: Natürlich muss der Narr weiterhin gelesen und propagiert werden. Aber: so erfreulich es ist, von einem Rudel (oder sagt man Nistplatz? Kolonie? Agglomeration?) jüngerer Autor*innen zu wissen, die (a) unblöd und (b) uneitel sind, die (c) eine klare Vorstellung davon haben, wozu nochmal überhaupt zu schreiben lohnt und die (d) Interessanteres vorhaben, als den Markt zu bedienen … so nett wäre es andererseits, wenn sie einem diese Reihe an Umständen in der aktuellen Ausgabe ihrer Hauszeitschrift nicht gar so penetrant zwischen alle die Zeilen montiert haben würden.

 ***

Red: René Frauchiger, Lukas Gloor, Daniel Kissling, Adam Schwarz, Jan Müller
Illu: Sarah Parsons
Autor*innen: Andjelka Antonijevic, Clara A'Campo, Yannic Han Biao Federer, René Frauchiger, Pablo Haller, Kristin Höller, Kathrin Jira, Timo Krstin, Stefan Marx, Beat Mazenauer, Lina Morawetz, Jan Müller, Sarah Parsons, Jan Schillmöller, Roman Seifert, Johannes Witek, Benjamin von Wyl

  • 1. bzw. achtzehn, je nachdem, ob wir Stefan Marx' reduzierten Strichfigurencomic als Text lesbar finden wollen oder nicht
  • 2. als "listicles"
  • 3. See what i did there?
René Frauchinger (Hg.) · Lukas Gloor (Hg.)
Narr #24
15 CHF
Das Narr
2018

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