Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

„Ich liebe die Nacht“

Rétif de la Bretonnes Streifzüge durch das Paris der Revolutionszeit
Hamburg

Als Rétif de la Bretonne im Jahr 1786 mit der Niederschrift der „Nächte von Paris“ begann, konnte er auf Notizen aus fast zwei Jahrzehnten zurückgreifen. Solange bereits hatte er sich allabendlich auf den Weg gemacht, das nächtliche Paris zu durchstreifen – und dabei seine Beobachtungen und Gedanken festgehalten. Sein erklärtes Ziel war es, die „Sitten einer Nation“ so umfassend wie möglich darzustellen; und wie (und vor allem: wo) ließe sich das besser bewerkstelligen, als nach Einbruch der Dunkelheit in den Gassen, Salons und Spelunken der französischen Hauptstadt?  

Das Ergebnis war ein Monumentalwerk von insgesamt 14 Bänden, das im Revolutionsjahr 1789 erschienen ist. Später kamen noch zwei weitere Bände hinzu, die die Ereignisse während der Revolutionszeit behandelten. Eine Auswahl daraus hat der Berliner Galiani Verlag nun in deutscher Übersetzung herausgegeben. Mit einer ausführlichen Einordung des Übersetzers und Rétif-Experten Reinhard Kaiser, die für das Verständnis sowohl des Autors als auch der Werksentstehung ungemein hilfreich ist. 

Kaiser bezieht sich dabei auch auf die Rétif-Biographie von Daniel Baruch, die 1996 in Frankreich erschienen ist. So vermutet Kaiser unter Verweis auf Baruch, dass die Motivation für Rétifs nächtliche Streifzüge nicht nur seinen literarischen Interessen geschuldet war, sondern er aus der Not eine Tugend machte und seine langjährige Spitzeltätigkeit für die Pariser Polizei, die freilich nie eindeutig nachgewiesen wurde, als Materialsammlung für seine eigentliche Passion, das Schreiben, nutzte.

Allerdings möchte Kaiser Rétif weniger als potentiellen Polizeispitzel, denn als „Spaziergänger und Zuschauer“ verstanden wissen, dem es in erster Linie „um die nächtlichen Abenteuer, Episoden und Erlebnisse“ ging, sprich, um das Rohmaterial, das er für seine Bücher benötigte – zumal seine Notizen für die Polizei ohnehin nur von geringem Interesse gewesen sein dürften, wie Kaiser meint. 

Und an Inspiration mangelte es Rétif wahrlich nicht. Er schien alles aufzusaugen, was ihm auf seinen Touren begegnete, ohne dabei bestimmte Themen oder auch soziale Milieus auszuklammern. Rétif berichtete von Händlern und Lumpensammlern, von Bettlern und Bürgern, aber auch aus den eleganten Salons der Gebildeten und Wohlhabenden. Er schilderte den Brand der Pariser Oper im Juni 1781 und besuchte die Freudenhäuser der Stadt, deren Preis- und Angebotslisten er eingehend studierte; er beschrieb das Feuerwerk anlässlich der Vermählung des späteren Ludwig XVI. mit Marie-Antoinette 1770 und begleitete Medizinstudenten, die die Stadt auf der Suche nach umherliegenden Leichen durchkämmten, an denen sie ihre Sezierfähigkeiten erproben wollten. Je näher es an das Jahr 1789 heranging, desto deutlicher spürte Rétif die sich ausbreitende Unruhe im Volk. Hellsichtig notierte er bereits 1787 unter der Überschrift „Die beiden Arbeiter (142. Nacht)“: Eine verhängnisvolle Umwälzung braut sich zusammen! Der Geist des Aufruhrs greift um sich und gewinnt an Kraft! Vor allem in den untersten Klassen gärt es klammheimlich. Ich zeige euch diesen Geist in aller Öffentlichkeit […].“

Der Ausbruch der Revolution hielt Rétif nicht davon ab, seine nächtlichen Touren fortzusetzen. Er schrieb über die Plünderungen und Zerstörungen in dieser Zeit, über die Gewaltexzesse und drakonischen Bestrafungen, aber auch über die Geräuschkulisse des revolutionären Treibens, den Geschützlärm und den Pulvergeruch allerorts; von Hausdurchsuchungen bei bekannten Schauspielern, die der Konterrevolution verdächtigt wurden, und von der Jagd auf Priester, die sich in den Klöstern der Stadt zu verstecken suchten.

Wenngleich Rétif den beobachtenden Charakter der eigenen Rolle immer wieder betonte, hielt er sich mit seinen Ansichten nicht zurück. Für die während der Revolution massakrierten Priester etwa vermochte er kein Mitleid aufzubringen; im Gegenteil, es handle sich bei ihnen um „die verächtlichsten Geschöpfe, die es gibt“, deren „skandalöse[r] Lebenswandel“ das Volk erst dazu animiert habe, seinerseits „alle Hemmungen [zu] verlieren“. Und auch darüber, was in einer Gesellschaft gerecht sei, und was nicht, hatte er sehr klare Vorstellungen, offenbar geschult entlang den Prämissen einer auf Nützlichkeit ausgerichteten Weltsicht: „Wenn eine Gesellschaft oder eine Mehrheit ihrer Angehörigen für eine Sache eintritt, dann ist diese Sache gerecht. […] Die Minderheit ist immer im Unrecht […], auch wenn sie moralisch im Recht sein sollte.“ Hier erweist sich Rétif als ein Kind seiner Zeit, dessen Radikaldemokratismus ihn – zumindest vorübergehend – in gedankliche Nähe zu den Jakobinern und den „Verteidigern der Republik“ brachte. In wie weit diese Positionierung wahrer Überzeugung oder opportunistischen Erwägungen geschuldet war, sei dahingestellt. Die Ausweitung sowie insbesondere die Willkür des von ihm aus nächster Nähe verfolgten Terrors führten jedenfalls dazu, dass Rétif seine Ansichten mit der Zeit mäßigte – ohne seine grundsätzliche Ablehnung der Aristokratie abzulegen. 

Rétifs „Nächte von Paris“ sind eine lohnende, unterhaltsame Lektüre, exzellent ediert und kommentiert von Reinhard Kaiser und vom Galiani Verlag als Buch aufwendig gestaltet. In seiner manischen Dokumentation erinnert das Werk an die legendären Tagebücher Samuel Pepys', die gut hundert Jahre zuvor geführt, aber erst im 19. Jahrhundert veröffentlicht wurden. Wobei Rétifs Aufzeichnungen was den Umfang betrifft deutlich über jene Pepys hinausgingen. An Material für eine Fortsetzung der deutschen Ausgabe der „Nächte von Paris“ mangelte es somit sicherlich nicht.

Rétif de la Bretonne · Reinhard Kaiser (Hg.)
Die Nächte von Paris
Galiani Berlin
2019 · 528 Seiten · 28,00 Euro
ISBN:
978-3-86971-182-9

Fixpoetry 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge