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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Hebet den Schatz hinweg

Hamburg

Eine ungewöhnliche Autorin deutscher Sprache ist Ricarda Huch, die in etwa zu Lebzeiten Thomas Manns geschrieben und in nahezu allen verfügbaren Genres veröffentlicht hat. Heutzutage weniger bekannt, hat sie in ihrer elfbändigen Gesamtausgabe zwei Werke hinterlassen, die alles andere von ihr bisher in den Schatten gestellt haben: Zwei historische Abhandlungen, die beide besonders sind insofern, als dass sie sich zwar im Bereich non-fiction bewegen, sie aber definitiv weit, weit weg sind von purer Wissenschaftlichkeit oder gar dem heutigen Populären Sachbuch. Huch setzt Panoramen zusammen. Das eine, ein Band zum Dreißigjährigen Krieg, beschäftigt sich in einem fast körpersprachlichen Ansatz mit Ereignissen und Personen, um eine wie ein Geschehen-als-Metamorphosen-Werk zwischen den Zeilen stehende Geschichte der Dauer bzw. Undauer von Verhältnissen nachzuerzählen.

Jener zweiter Band ist bekannter; und kürzlich in der bibliophilen Anderen Bibliothek neuaufgelegt worden: Die Romantik. Ein zweiteiliges Epos, das sich wiederum sehr eigenwillig, nahezu dunkel der erneuten Errichtung eines Panoramas widmet, dem des Unterbewussten in der gleichnamigen Künsteperiode im frühen 19. Jahrhundert. Brillant belesen und von unschlagbarer Wissensparathaltung spinnt Huch Seite um Seite einen äußerst persönlichen Faden um den Beginn, die Blütezeit und den Niedergang dieser bedeutenden Epoche. Hauptsächlich der Literatur und der Philosophie verhaftet, gegen Mitte und Ende teilweise von der Malerei und später der Medizin ergriffen, geht es Huch um Psychologie. Was trieb die Romantiker dazu, alles fahren zu lassen und sich mit Leib und Seele dem Schwärmerischen und Synthetisierenden des Unterbewusstseins zu verschreiben und die Antike wie die exakte Naturwissenschaft gleichzeitig zu feiern. Wieso sind Dichter fabelhafte Ingenieure und warum funktionierte es nur jugendlichen Herzens? Warum gab es Zugpferde wie die Schlegeliana, warum wurde es einsam um frühvergreiste Tiecks, warum war Goethe Gott und wie wuchs die Ironie auf?

Huch geht davon aus, dass man als LeserIn grundsätzlich so viel Wissen besitzt wie sie. Sie komponiert nicht, es gibt keine Überleitungen, es läuft Schlag auf Schlag und sie führt niemanden ein, manchmal später nachgeholt, so, als habe sie selbst den Überblick verloren. Aber genau diese scheinbare mühselig-erschwerende Chaotizität macht den Reiz ihres profunden Buches aus. So würde vermutlich auch ein Besessener über Alchimie reden. Irgendetwas ist da, war da. Und es ist magisch. Die Namen fliegen einem um die Ohren, Huch bricht den Stab über jeden und nimmt sich raus, alles, einfach alles über alle zu wissen, Neigungen, Zusammenhänge und zuvorderst: ihren Gefühlshaushalt. Ihr ästhetisches Urteil wirkt bisweilen voreilig, beziehungsweise hat sie die sogenannte Geschichte eines Besseren belehrt, zum Beispiel ihre Geringschätzung von E.T.A. Hoffmann, doch all das ist ein großer Korpus. Verbunden mit spannend gewählten Zitaten, einer Neigung zu düsteren Formulierungen, ergibt sich hier Literatur über Literatur. Originell, lesenswert und im Nachwort von Tilman Spreckelsen aufgezeigt, bereits nach seinem Erscheinen eines der prägenden Bücher überhaupt zum Romantikbegriff. Huch hat vieles als erste benannt und bei aller Ernsthaftigkeit und dem Hochhalten der Empfindsamkeitshaltigkeit des Themas gibt es sehr komische Stellen, wenn es zum Beispiel um die leicht obskuren damaligen romantischen Methoden in der Medizin geht: geheimnisvoll-ernsthafte Tränke wie der Hopelpopel oder das verbreitete Adeptentum des Kakomagnetismus. Beide nicht durchgesetzt.

Das gelungene artwork des Doppelbandes im Schuber (über 700 Seiten immerhin) stammt von Joe Villion, eine sich nach innen zum Buch auflösende Feuer im Wald Vision mit Tiefenhaptik als Gartenlauben-Collage. Huch schreibt, und die Stelle zeigt ihre eigene poetologische Haltung:

Ein Kunstwerk mag wohl durch Nacht und Grauen hindurchgehen, soll uns aber doch schließlich zum Lichte führen; denn dazu ist der Künstler da, dass er den durch Zweifel und Ratlosigkeit gemarterten. Menschen die verworrenen Erscheinungen deutend löse.

Ein Beispielabschnitt für ihr Spiel mit Quelle und Auslegung:

"Der Tod ist eine Selbstbesiegung, die wie alle Selbstüberwindung eine leichtere Existenz verschafft."
Man ahnt einen unergründlichen Gehalt in den Worten [Novalis] und möchte ihn fassen; aber zugleich hauchen sie eine Musik aus, der man sich mit geschlossenen Augen hingeben möchte, ohne zu untersuchen.
Schärfer und bestimmter ist, was Schleiermacher gibt; fast alles berührt das Psychologische, wie sein durchdringender Blick es zutage förderte. Man erfreut sich an der feinen Beobachtung, an der unbeugsamem Wahrheitsliebe, mit der er Folgerungen zieht und keinem Schlusse ausweicht; aber da ist keine zitternde Oberfläche, unter der unermeßliche Tiefe lockt, keine blaue Ferne, kein süßes Dunkel, das geheimnisvollen Urwald ankündigt. "Was oft Liebe genannt wird, ist nur eine eigene Art von Magnetismus. Es fängt an mit einem beschwerlich kitzelnden en-rapport-Setzen, besteht in einer Desorganisation und endigt mit einem ekelhaften Hellsehen und viel Ermattung. Gewöhnlich ist auch einer dabei nüchtern."

Ricarda Huch beschreibt auf ihre eigene Weise das "im Unbewussten Untergehen" der einst hoffnungsvollen Bewegung. Sie spart wenig aus und trotz ein paar Längen lohnt sich ihre interessante Sprache und die eigentümliche Kapitelbewegung in den Bänden sehr. Ein seinen eigenen Regeln folgendes Stück (Literatur-/ Geistes-) Geschichtsschreibung. Schön, dass es in neuer Aufmachung glänzen darf.

Ricarda Huch
Die Romantik
Die Andere Bibliothek
2017 · 732 Seiten · 42,00 Euro
ISBN:
9783847703976

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