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Kritik

Plädoyer für waches Denken

Hamburg

Schon der für die deutschsprachige Ausgabe gewählte Titel "Denkerin der Stunde. Über Hannah Arendt" des 2018 im englischen Cambridge bei Polity Press erschienenen Werkes von Richard J. Bernstein offenbart die unterschiedliche Form der Ansprache eines potenziellen Lesepublikums im angelsächsischen Raum. Der Originaltitel "Why Read Hannah Arendt Now" zielt viel unverblümter auf eine unmittelbare praktische Verwertbarkeit der arendtschen Vorstellungen von politischer Theorie als sein soeben bei Suhrkamp vorgelegtes und von dem Münchener Lektor und Übersetzer Andreas Wirthensohn ins Deutsche übertragenes Pendant. Glücklicherweise geht es in Bernsteins realtiv schmalem Abriss über die Kernthesen der Arbeiten von Hannah Arendt nicht so reißerisch weiter. Bernstein, Philosoph und 1932 in ___STEADY_PAYWALL___Brooklyn geboren, unterrichtet bis heute an der angesehenen New School For Social Research in New York. Er hat als junger Professor Arendt noch selbst erlebt und gilt als ausgewiesener Kenner ihres Werkes.

Auf rund 140 Seiten thematisiert er die aus seiner Sicht wichtigsten politischen Themenfelder, über die sich die auch heute noch, 45 Jahre nach ihrem Tode, vieldiskutierte und mitunter auch mit dem etwas heiklen Attribut "umstritten" belegte Autorin im Laufe der Jahrzehnte zu Wort gemeldet hat.

Nach einem knappen Intro zu ihren wichtigsten Lebensstationen kommt Bernstein nahtlos zu Arendts Gedanken über Flucht und Staatenlosigkeit, die sie selbst erleiden musste. "Sie war der Ansicht, seriöses, ernsthaftes Denken müsse in der eigenen gelebten Erfahrung gründen." Bernstein arbeitet in diesem Kapitel unter anderem die arendtsche Unterscheidung von Nation und Staat, von Bürgern und Nicht-Bürgern, trügerischen Minderheitenverträgen und ihren Folgen für das politische Denken und Handeln heraus. "So gut wie all die Probleme, die Arendt mit Blick auf Staatenlosigkeit und Flüchtlingskrise thematisiert, plagen uns weiterhin - ja, sie haben sich sogar noch verstärkt und verschärft", resümiert er.

Hieran schließt der Blick auf "Das Recht, Rechte zu haben" inhaltlich an. Dies ist für Arendt die grundlegende Erfahrung aus der Tatsache, dass die Berufung auf abstrakte Menschenrechte weitgehend sinnlos ist, wenn Menschen nicht einer organisierten Gemeinschaft angehören, "in der Rechte garantiert und geschützt sind". Das Drei-Stufen-Modell der Logik totaler Herrschaft bestehe demzufolge aus der Tötung der "juristische[n] Person im Menschen", der "Ermordung der moralischen Person" sowie der "Zerstörung der Individualität":

Aberkennung aller Rechte, Verunmöglichung von Gewissensentscheidungen und der "Transformation der menschlichen Natur selbst, die, so wie sie ist, sich dauernd dem totalitären Prozess entgegenstellt." Der solchermaßen ausgegrenzte und zombiefizierte Mensch werde schlichtweg überflüssig. Doch Hannah Arendt wendet hierbei nicht nur den Blick zurück in die Zeit des Nationalsozialismus, sondern konstatiert auch für ihre Gegenwart und Zukunft ein Nützlichkeitsdenken, dem ganze Massen zum Opfer fallen könnten:

"Es ist, als ob alle entscheidenden politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Tendenzen der Zeit in einer heimlichen Verschwörung mit den Institutionen sind, die dazu dienen könnten, Menschen wirklich als Überflüssige zu behandeln [...] [Es] steht zu befürchten, daß die Konzentrationslager und Gaskammern, welche zweifellos eine Art Patentlösung für alle Probleme von Überbevölkerung und 'Überflüssigkeit' darstellen, nicht nur eine Warnung, sondern auch ein Beispiel bleiben werden."  

Bernstein zitiert hier eine Stelle aus Arendts Werk "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", die in der Tat durchaus auch an aktuell kursierende Befürchtungen denken lassen, etwa das Ansinnen, "sieben Milliarden Menschen" (O-Ton Bill Gates) gegen SARS-Cov-2 impfen zu wollen sei womöglich ganz anderen Interessen als der menschlichen Gesundheit geschuldet. Die Arendt also ausgerechnet als Urmutter von Verschwörungsideologien? Andererseits haben nicht wenige heute unbestrittene Wahrheiten scheinbar als haarsträubende haltlose Behauptungen begonnen, die den Interessen der Mächtigen ihrer Zeit zuwiderliefen. Doch der Kern des Totalitären besteht nach Bernstein für Arendt vor allem in dem "systematischen Bemühen, das Wesen des Menschen selbst zu verändern - zu zeigen, dass alles möglich ist."

In dem folgenden Kapitel widmet sich Bernstein Arendts Zionismuskritik. Ihre Forderung nach einer jüdischen Heimstätte sei nicht mit dem Plädoyer für einen jüdischen Nationalstaat gleichzusetzen, im Gegenteil: Arendt hatte die "Vision von einem geeinten Land, in dem Juden und Araber zusammenleben." Auf der Basis jüdisch-arabischer Gemeinderäte und föderativer Strukturen sei dieses Projekt am ehesten lösbar. Der damalige zionistische Mainstream wertete dies als "Dolchstoß" und setzte Arendt unter Konformitätsdruck, dem diese entgegenhielt:

"[M]assenhafte Übereinstimmung ist nicht das Ergebnis einer Übereinkunft, sondern ein Ausdruck von Fanatismus und Hysterie. Im Gegensatz zur Übereinkunft bleibt eine vereinheitlichte Meinung nicht bei irgendwelchen genau definierten Zielen stehen, sondern breitet sich wie eine Infektion auf alle benachbarten Angelegenheiten aus." (Zitat aus: "Zur Rettung der jüdischen Heimstätte ist es noch nicht zu spät" von 1948). Ein Schelm, der dabei Analogien zu unseren virulenten Zeiten entdecken mag, und das durchaus in allen widerstreitenden Lagern.

Schon kritischer tritt Bernstein den Gedanken Arendts in seinem Kapitel "Rassismus und rassistische Segregation" entgegen. Gerade in letzter Zeit machen im Gefolge der Aufregung um die sogenannte Cancel Culture auch wieder massive Vorwürfe gegen Arendts Positionen zum schwarzen Amerika die Runde. Bernstein bezichtigt sie der Blauäugigkeit in Bezug auf ihre Charakterisierung von Diskriminierung, in welcher sie ein soziales und weniger ein politisches Problem erblickte. Bernstein zufolge sei es "höchst unsensibel", erzwungenermaßen zu erleidende gewalttätige Alltagsdiskriminierung auf eine Stufe mit rein privaten Entscheidungen, die zu Ausgrenzung führen, zu stellen (etwa dem Entschluss weißer Eltern, ihre Kinder auf rein "weiße" Schulen zu schicken, worin Arendt nichts grundsätzlich Problematisches sah, da Diskriminierung nicht mit politischen Mitteln abgeschafft werden dürfe). Doch andererseits zeigt Bernstein zitatreich, dass sich aus Arendts Schriften auch "Möglichkeiten, dem heutigen Rassismus entgegenzutreten" ableiten lassen. In seinen Augen war sie nicht die weiße Suprematistin, als denen sie heute einigen erscheinen mag.

In dem Kapitel "Die Banalität des Bösen" beleuchtet Bernstein Arendts Bericht zum Eichmann-Prozess, eine derjenigen Schriften, die hierzulande eine besonders breite Rezeption erfahren haben. Arendts Vorwürfe an die Judenräte, sich zum Büttel der "Endlöser" gemacht und bei der Selektion der Vergasungsopfer mitgewirkt zu haben sei Bernstein zufolge "eine der empörendsten und unverantwortlichsten Behauptungen in Arendts Bericht". Leider verpasst er es, Arendt an dieser Stelle mit ihren eigenen Thesen zu widerlegen: entsprach nicht die Situation der Judenräte genau jener "Ermordung der moralischen Person", der Verunmöglichung von Gewissensentscheidungen, von der sie in "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" geschrieben hatte? Jede Wahl war doch zwangsläufig die falsche Wahl. Dem Vorwurf von Arendts Kritikern, sie habe Eichmann entlastet, tritt Bernstein entschieden entgegen, kritisiert aber auch, dass sie sich von Eichmanns Strategie, als rein ausführendes Organ gehandelt zu haben, zum Teil täuschen ließ. Dennoch sei die These von der Banalität des Bösen auch heute noch relevant, denn wie Arendt schreibt sei

"[d]ie traurige Wahrheit [...], daß die meisten bösen Taten von den Menschen getan werden, die sich niemals entschieden, ob sie nun böse oder gut sein wollten."

Die kontoverse Debatte über Arendts "Eichmann in Jerusalem" führte zu dem Essay "Wahrheit und Politik". Hier scheinen die vielleicht wichtigsten Denkansätze für die heute geführten Diskurse auf. Arendt vertritt nach Bernstein die Ansicht,

"die Tradition der politischen Philosophie habe stets versucht, der Politik ihre Maßstäbe für Wahrheit aufzuzwingen [...] Entgegen der philosophischen Tradition, Meinungen gering zu schätzen, preist Arendt den Meinungsstreit als konstitutiv für Leben und Würde der Politik."

Meinungsbildung erfolge nicht im stillen Kämmerlein, sondern nur in der echten Begegnung. Bernstein konstatiert hier zu Recht, dass heute die "gefährliche Neigung, anderen, die anderer Meinung sind als wir, nicht zuhören zu wollen" um sich greife, Fakten in Meinungen umgedeutet würden und dies auch von führenden Politikern außerhalb totalitärer Gesellschaften praktiziert werde. Gemäß Hannah Arendt wird "der menschliche Orientierungssinn im Bereich des Wirklichen, der ohne die Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit nicht funktionieren kann, vernichtet". Die politische Lüge, als Täuschungsmanöver geplant, verselbständigt sich, bis auch der Täuschende sie am Ende selber glaubt. Diese scharfsinnig von Arendt erkannte Folge erleben wir aktuell in vielerlei Hinsicht. Bernstein schreibt hierzu: "Menschen, die das Gefühl haben, sie seien abgehängt und vergessen, sehnen sich nach einem Narrativ, das den Ängsten und der Not, die sie erleben, einen Sinn gibt". Das gilt für Aluhüte, Pegidisten und AfD-Anhänger (Bernstein thematisiert US-bezogen vor allem Trump und seine Wählerschaft), doch es ist auch nicht schwer dabei an pseudosinnstiftende Hashtags unserer Tage wie #dubistdeutschland oder das corona-absurde #zusammenhalten zu denken. Die Beschwörung der Gemeinschaft zur Wiederaneignung verlorengegangener Diskurshoheiten, das systematische Schüren von Angst und die unter dem Deckmantel der Gesundheitsvorsorge betriebene materielle und geistige Enteignung ist eine mittlerweile auch im mitteleuropäischen Demokratieverständnis angekommene Entwicklung, und die, die sie in Gang gesetzt haben, scheinen inzwischen tatsächlich selbst von der Aufrichtigkeit ihres Handelns überzeugt. Zahlen und Kontextualisierungen helfen da wenig. Bernstein hierzu:

"Tatsachenwahrheiten zu fomulieren ist häufig machtlos gegen solche Image-Kampagnen und hat beim Frontalzusammenstoß mit den herrschenden Mächten keine Chance."

 In der Folge spricht Bernstein von Hannah Arendts positivem Politikbegriff. Ihre Ideen, die bis zur griechischen Polis zurückreichen, lieferten "einen wichtigen Maßstab, um einschätzen zu können, was heute in der Politik fehlt - ein weiterer Grund, warum wir Hannah Arendt lesen sollten." Künstlich vom Menschen geschaffene öffentliche Räume ermöglichten das Entstehen von "Politik zwischen Menschen". Auch die politische Gleichheit sei nicht naturgegeben, sondern von Menschen gemacht. Der Unterscheidung von Freiheit und Befreiung, von Macht und Gewalt, überhaupt dem gesamten arendtschen Begriffsgeflecht widmet der Verfasser im Kapitel "Pluralität, Politik und öffentliche Freiheit" breiten Raum.

Ein weiteres Feld bietet Arendts Idee des revolutionären Geistes und ihre Affinität zu Rätesystemen, die immer dicht an der direkten Willensbildung orientiert seien. Gleichzeitig zieht Bernstein, historischen Erfahrungen folgend, das Fazit, dass auch Arendt das Problem nicht gelöst habe, "wie man eine stabile, dauerhafte politische Institution entwickelt, in der der revolutionäre Geist ein Zuhause findet." Dennoch misst er der Vorstellung hohe Aktualität zu, "dass Menschen zusammenkommen und gemeinsam handeln können, dass sie ihre öffentliche Freiheit ausüben und dem Gang der Geschichte eine Wendung geben können." Das mag manchem für den aktuellen Fall der Krise nun mehr nach aufmüpfigen Grundgesetzdemos klingen als nach angepasstem linksliberalem Zuhausebleiben. Es wird interessant sein zu sehen, ob die politische Denkerin Hannah Arendt in diesem komplizierten Diskursgeflecht vielleicht sogar noch eine explizite Rolle spielen wird, und auch, welche Seite ihre Thesen auf welche Weise für die jeweils eigenen Standpunkte fruchtbar zu machen gedenkt.

Bernstein resümiert, dass Arendts Überlegungen mehr sind als schnöde Theorie, sie schaffe uns "eine kritische Perspektive [...], um die Versäumnisse und Defizite heutiger Politik zu beurteilen, und damit eine Inspirationsquelle für politisches Handeln [...]". Zum Abschluss beleuchtet Bernstein die Aspekte von persönlicher und politischer Verantwortung im Werk Hannah Ahrendts, ihre Ablehnung einer Vorstellung von Kollektivschuld, ihre Kritik am Aufrufen historischer Notwendigkeiten zur Begründung politischer Handlungen. Er stellt uns die Denkerin der Stunde, und das scheint sie in vielerlei Hinsicht tatsächlich zu sein, als jemand vor, der sich "falscher Hoffnung genauso wie falscher Verzweiflung" widersetzte und vor dem Abgleiten in den Zynismus warnte.

Richard J. Bernstein wäre es zu danken, wenn sein kurzer Überblick über die hauptsächlichen Anliegen und Thesen Hannah Arendts beim ein oder anderen (wieder) zu einer vertieften Lektüre führen würde. Er beweist einmal mehr, dass gute und überlegt geäußerte Gedanken und Begründungen mit dem Alter nicht an Wert einbüßen.

Richard J. Bernstein
Denkerin der Stunde - Über Hannah Arendt
Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn
Suhrkamp
2020 · 141 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
78-3-518-42944-0

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