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Kritik

Native Son

Hamburg

Der frühverstorbene Richard Wright (1908-1960) war einer der ersten afro-amerikanischen Autoren, der Bestseller landete. Er schrieb außerdem Gedichte und Essays und beeinflusste nicht nur James Baldwin nachhaltig. Wie letzterer lebte auch Wright in Paris, wo er verstarb, Amerika signifikant den Rücken gekehrt. Sein Roman Native Son erschien 1940 zum ersten Mal und landete schlagartig oben in den Verkaufszahlen, es gab Filmversionen und u.a. eine von Orson Welles besorgte Theateradaption.

Wenn jetzt Kein & Aber den Roman in neuer Übersetzung herausbringt, dann, weil es zuvor lediglich entschärfte und unvollständige Fassungen derselben gab (1941 (in Zürich erschienen) und 1993). Die jetzige erstmals vollständige Fassung beruht auf Klaus Lambrechts Fassung, überarbeitet und ergänzt von Yamin von Rauch. Tatsächlich ist die Geschichte um Bigger Thomas, den "Jungen aus dem Schwarzengürtel" der Stadt, der als Fahrer einer reichen Weißen-Familie versehentlich zum Doppelmörder und unaufhaltsam vor Gericht zerstückelt wird, ein an Dostojewski erinnerndes Drama, das allerdings in seiner Beschränkheit auf wenige Personen und Details und vor allem in seiner intensiven, harten Atmosphäre der jetzigen Komplettausgabe diesen lange hinter sich gelassen hat. Die Dialoge, die kurzen Sätze der Erzählung gehen eine zeitlose Sprachökonomie ein. Durchsetzt von entlarvenden Zeitungsartikeln in der Sprache des Mobs, an den sie sich richten oder endlosen Gerichtsplädoyers der Juristen, gelingt Wright neben einer aufwühlenden Story besonders auch ein beeindruckens Sprachpanorama über den demagogischen Einsatz der Worte.

Schon zu Beginn schreibt Wright:

Bigger hasste seine Familie, weil er wusste, dass sie litt und dass er machtlos dagegen war. [...] Deshalb hielt er sich eisern von ihnen fern, er lebte mit ihnen, aber hinter einer Mauer, einem Vorhang. [...] Er wusste, wenn er Sinn und Bedeutung seines Lebens in sein Bewusstsein dringen ließe, würde er sich oder jemand anderes umbringen.

Und später:

Für Bigger und die Seinen waren die Weißen keine Menschen; sie waren eine Naturgewalt, wie der Sturm, [...] der sich plötzlich auftat.

Aus einem jener "Zeitungsartikel":

[...] Sein Unterkiefer tritt wie bei einem Urwaldtier hässlich hervor.
Seine langen Arme hängen baumelnd bis zu den Knien herab [...]
Seine Haltung ist geduckt, als wolle er jeden Augenblick zum Sprung ansetzen. Er blickt mit mürrischen und abweisenden Augen in die Welt und scheint jeglichem Mitleid zu trotzen.
[...]
Ein irischer Polizeihauptmann sagte im Brustton der Überzeugung: "Ich bin der Meinung, dass nur der Tod ihn und seinesgleichen kurieren kann."

Obwohl Wright eine Fabel im Dienst einer Sache (dem Aufdecken von Zuständen) beispielhaft zu übertragen versucht, man gewissermaßen dem Autor als Puppenspieler zusieht, hält der in verschiedene intensive Abschnitte aufgeteilte Roman die erzählerische Spannung und sprachliche Dichte erstaunlich hoch. Biggers Ende, der Todestrakt, ist in eine seltsame Atmosphäre getaucht, in der Bigger aus seiner Dumpfheit erwacht und in den beiden Morden, die in ihrer zufälligen Zwangsläufigkeit direkt der Griechischen Tragödie entsprungen sein könnten, erstmals einen Sinn für sich sieht. Wright lässt zwar Bigger als transparenten Gefühlsträger durch den Roman laufen, und im Prinzip handelt es sich um einen reinen "Männeroman", der Frauen nur kleinen Raum zuweist (zwei von vier überleben die Fabel), doch ist es trotz dieser zeitkontextuell beschränkten Konstruiertheit ein erstaunliches Stück Spracharbeit, dieser "Sohn dieses Landes", dessen Lektüre kaum jemanden kalt lassen dürfte.

Richard Wright
Sohn dieses Landes
Übersetzung:
Klaus Lambrecht
Kein & Aber
2019 · 567 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-0369-5795-1

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