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Kritik

Superheld im Wachkoma

Rio Youers Roman „Westlake Soul“
Hamburg

Westlake Soul – könnte der Name eines Superhelden sein, oder? Und in gewisser Weise stimmt das auch. Aber erstmal hat der Protagonist von Rio Youers' gleichnamigem Roman seinen Namen seinen etwas exzentrischen Eltern zu verdanken, und Westlakes Schwester Niki ergeht es nicht viel besser. Ihr voller Name lautet Phereniki. Ansonsten aber ist Westlake ein ganz normaler 23jähriger, der seine Jugend genießt, viel Zeit mit seiner Freundin Nadia verbringt und sich bei jeder Gelegenheit aufs Surfbrett schwingt. Bis zu jenem Tag, an dem er die falsche Welle erwischt.

Er geht unter, das Brett schlägt ihm an den Kopf, und als er von den Notärzten___STEADY_PAYWALL___ wiederbelebt wird, war sein Gehirn acht Minuten lang ohne Sauerstoff. Aus dem Wachkoma, sagen die Ärzte, wird er nicht mehr aufwachen. Es ist keine Hirnaktivität messbar. Er kriegt nichts mehr mit, reagiert auf keine Signale seiner Umwelt. Ein Toter in einem noch halbwegs lebenden Körper.

Die Souls sind verzweifelt, aber sie klammern sich an diese winzige Hoffnung: Dass es Fälle gab, in denen Patienten wie Westlake nach Jahren aus dem Koma erwacht sind und sich ins Leben zurückgekämpft haben. Sie nehmen ihn mit nach Hause, eine Pflegerin kümmert sich um ihn, ernährt ihn über eine Magensonde. Niki und die Eltern sitzen an seinem Bett, sprechen mit ihm, und auch sein Hund Hub weicht nicht von seiner Seite.

Sie ahnen nicht, dass Westlake bei vollem Bewusstsein ist. Er lebt, er ist wach, aber er hat keine Möglichkeit, es ihnen mitzuteilen. Nun – zumindest keinem bis auf Hub. Mit seinem Hund kann er kommunizieren, die beiden verbindet etwas. Und er kann seinen Körper verlassen, kann sich an jeden Ort der Welt begeben, kann die Gedanken von Menschen lesen. Doch er ist ein Superheld mit gebundenen Händen, und sein größter Widersacher, der Tod in Gestalt des hinterlistigen Dr. Quietus, stattet ihm immer öfter Besuche ab. Aber vielleicht ist all das auch nur Einbildung. Die Flucht in eine imaginäre Welt, in der es zumindest denkbar wäre, dass diese Geschichte gut ausgeht.

Rio Youers gelingt hier etwas Faszinierendes: Er bearbeitet ein so tragisches, so verstörendes wie reales Thema mit einer unglaublichen Leichtigkeit und sogar mit unbändigem Humor. Es ist der Blick auf das Menschliche, das Verstehen und Erfassen dieser ganzen schrecklichen Situation, es sind die zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt oder konstruiert wirkenden Charaktere, die diesen Roman zu einem Juwel machen. Dabei könnte man ihm durchaus so einiges vorwerfen: Dass er bisweilen kitschig ist, romantisierend, dass er sich stellenweise zu sehr ins Esoterische flüchtet. Aber all das ist kaum der Rede wert, denn es ist weder eine Marotte des Autors noch eine Unsicherheit im Umgang mit dem Stoff – sondern die schiere Echtheit des Protagonisten, dessen Stimme so klar ist, als säße er neben dem Leser und würde ihm seine Geschichte persönlich erzählen.

Und diese Geschichte ist nicht selten blanker Horror: Wie Nadia Westlake einen letzten Besuch abstattet und wie er in ihren Augen vergeblich nach der Zuneigung von einst sucht und nur noch eine Mauer findet, mit der sie sich abgrenzt und selbst schützt; wie Westlakes bester Kumpel Darryl betreten aus dem Fenster blickt, es vermeidet, Westlake anzusehen in den wenigen gelegentlichen Minuten, die er es mit ihm in einem Zimmer aushält; die ganze vernichtende Wucht, als Westlake nach zwei Jahren in diesem Nicht-Zustand versteht, dass seine Eltern aufgeben, dass sie die Magensonde entfernen wollen, weil sie keine Hoffnung mehr haben; wie er sich an die Überzeugung klammert, dass seine Pflegerin Yvette das sehen kann, was da noch ist hinter seinem leeren Blick: dass er noch immer da ist, eingesperrt in diesem nutzlosen Körper.

Und natürlich brodeln unter der Oberfläche unangenehme Fragen: Wie wäre es Westlake ergangen, wäre er in eine weniger aufmerksame, liebende und starke Familie hineingeboren worden? Hätte man dann die lebenserhaltenden Maßnahmen sofort eingestellt? Und wie ist das generell mit Wachkomapatienten? Sind alle solche Kämpfer wie Westlake, die um jeden Preis leben wollen? Oder gibt es auch andere, die verzweifelt den Tag herbeisehnen, an dem man sie sterben lässt, an dem das Vegetieren endlich vorbei ist? Westlakes Antwort darauf ist eindeutig: „Das mit der Rettung der Welt könnt ihr vergessen. Ich will bloß wieder surfen.“

„Westlake Soul“, in Kanada für den Sunburst Award nominiert, ist ein Buch über das Leben und seine Unplanbarkeit; ein existenzialistischer Roman, der sich um komplizierte ethisch-moralische Fragen dreht ohne je zu moralisieren, und der sein schwieriges Sujet angenehm unverkopft behandelt, ohne dabei einseitig oder vereinfachend zu sein. Der kleine Buchheim Verlag beweist hier ein zielsicheres Gespür für große Literatur ohne Verfallsdatum.

Rio Youers
WESTLAKE SOUL - Im Griff des Todes
Übersetzung: Claudia Rapp
Buchheim Verlag
2020 · 256 Seiten · 22,99 Euro
ISBN:
978-3-946330-15-8

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