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Mosaik Literaturzeitschrift
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Kritik

Das individuelle Schicksal im Rahmen des Konflikts

Longlist Deutscher Buchpreis 2017
Hamburg

Wenn es um die Vorzüge der europäischen Gemeinschaft und der innereuropäischen Zusammenarbeit geht, wird gerne auf die lange Friedensperiode hingewiesen, die mittlerweile seit über 70 Jahren im Raum Europa währt – in dieser Sicht auf die Dinge wird allerdings nicht nur der kalte Krieg schnell als friedliches Nebeneinander ad acta gelegt, sondern auch die verschiedenen Kriege auf dem Balkan in den Jahren 1991-2000. Bei geschätzten 100.000 Toten und mehr als doppelt so vielen Vertriebenen, nimmt es sich schon sehr zynisch aus, von lange währendem Frieden in Europa zu sprechen.

Aber in dieser Haltung spiegelt sich wahrscheinlich auch die breite Unkenntnis in der westeuropäischen Bevölkerung wider, dahingehend was genau die sogenannten Jugoslawienkriege eigentlich waren, wer darin mit wem kämpfte, warum und in welchem Ausmaß, wer am Ende gewann und wer verlor. Und auch heute sind die Lage und die Verhältnisse auf dem Balkan für viele wahrscheinlich ein Buch mit sieben Siegeln.

In Bosnien ertappte ich mich oft dabei, dass ich ältere Leute ansah und mich fragte, auf welcher Seite sie im Krieg standen, ob sie Opfer oder Täter gewesen waren. […] Und dann dachte ich mir immer, Junge, reiß dich zusammen, Bosnien ist nicht nur der Krieg. Zieh die NGOs ab, die Politik und den Gewaltporno der blutigen Stories, und was bleibt? Ein kaputtes Land, sicher, aber eins voll mit Leuten wie Tiger […], die keinen Bock mehr haben, ständig auf die Vergangenheit reduziert zu werden, die nix mehr wissen wollen vom Krieg. Das ist die eine Seite der bosnischen Gegenwart.

Robert Prossers neues Buch „Phantome“ ist kein Versuch, die komplexe und komplizierte Beschaffenheit der jugoslawischen Kriege, ihrer Ursachen und Folgen, erschöpfend und umfassend darzustellen – es ist eine exemplarische Auslotung mit einem individuell geprägten Ansatz. Das schlägt sich schon im Aufbau nieder. Das Buch ist in drei Teile geteilt: der erste spielt 2015, der zweite 1992, der dritte wiederum 2015 (wobei der mittlere Teil der umfangreichste ist).

Der erste Teil steigt nicht sofort voll ins Thema ein; wir sind nicht mit der Figur eines Geflüchteten aus einer der ex-jugoslawischen Staaten konfrontiert oder mit einem Kriegsverbrechertribunal, sondern finden uns im Untergrund von Wien wieder, wo ein Sprayer sich bereit macht für seine nächtliche Tag-Tour. Wie in einem Strudel, ausgehend von dieser düsteren und zugleich intensiven erste Szene, werden auf den folgenden Seiten mehrere Themen nah zueinander gezogen, tauchen abwechselnd aus einem einzigen narrativen Fluss hervor: die Graffiti-Szene von Wien, die Beziehung des Protagonisten zur Tochter einer Bosniakin und eines Österreichers, Reisen auf den Balkan, die Geschichten der Leute vor Ort, die Geschichte der Familie der Freundin; der Besuchs der Gedenkfeierlichkeiten zum 20ten Jahrestag des Massakers von Srebrenica bildet quasi den Höhepunkt des ersten Teils.

Es ist beeindruckend wie Prosser diese Verschmelzung gelingt, wie sich dieses erste Kapitel immer wieder in intensive Situationen und Ausführungen hineinbewegt; mal wird das Erzählen in den Vordergrund gerückt, dann verdichtet sich die Darstellung atmosphärisch und dann sind es wieder die Gedanken des Protagonisten, die zu den Nervenenden der Sprache werden.

Und doch wirkt dieser Anfang, diese Verschmelzung, wie ein Trick. Allerdings: ein sehr geschickter Trick, der den Lesenden einen Zugang ermöglicht, der nicht von oben herab kommt, sondern von der Seite den Schritt ins Geschehen tut und der dezidiert die westeuropäische Perspektive mitträgt. Die Unsicherheit des Protagonisten bei allem, was er hört und denkt (siehe auch: das Zitat über diesem Abschnitt), wie er die Dinge zu verstehen und einzuordnen versucht – darin steckt die ganze westeuropäische Unsicherheit in Bezug auf die Jugoslawienkriege, sehr gut eingefangen und ausgestellt; auch bei der Beschreibung der Veranstaltung in Srebrenica wird das klar:

Ich verstand die Leute nicht, Sara dagegen stammelte die bosnischen Parolen mit, und so dumm es sich anhört, aber ich fühlte mich allein gelassen. Unzählige Menschen und ich der eine Exot darunter, der nichts kapierte. Was wusste ich schon damals von Sara und ihrer Familie?

Ich habe mich anfangs oft gefragt, wer dieser Protagonist eigentlich ist; ich kam nicht so wirklich an ihn ran. Irgendwann habe ich aber verstanden, dass es nicht entscheidend ist, wer er ist - ob nun ein alter Ego des Autors oder eine zweckmäßige Erfindung. Dieses erste Kapitel konfrontiert die Lesenden mit ihrer eigenen Unkenntnis über das Thema; und schafft eine Basis, mit der sich der Einstieg klarer und einfacher gestalten lässt.

Dennoch muss ich zugeben, dass mich das narrative Nebeneinander von Graffiti und Bosnienkrieg bis zum Ende irritiert hat; zumal es eben nicht nur den Einstieg liefert, sondern im ersten Teil durchgehend eine Rolle spielt. Soll dieser zweite Schwerpunkt dem Protagonisten eine zusätzliche Dimension geben? Sollen die Graffiti-Teile als kurze Ruhepausen fungieren, die Spannung erhöhen? An einer Stelle heißt es:

Eigentlich ist es in Bosnien nicht anders als mit Graffiti, beide funktionieren nach strengen Regeln, die für Außenstehende schwer zu durchblicken sind. Heillos kompliziert sind die Verbindungen und Feindschaften, die ein verworrenes Netzwerk über ein Land spannen, in dem bereits dein Name verraten kann, ob du Kroate, Serbe oder Bosniake bist und du dich dementsprechend verhältst.

Ich bin mir nicht ganz sicher, inwieweit dieses Motiv wirklich die Idee des Buches belebt und unterstützt; andererseits wirkt es auch nicht wie ein totaler Fremdkörper. Aber: genug vom ersten Teil.

Im zweiten Teil wird eine Nebenfigur des ersten Teils zur Hauptfigur: Anisa, die Mutter der Freundin des Protagonisten, die, wie bereits erwähnt, Bosniakin ist. In fünf Teilabschnitten wird von ihrem Weg durch den Krieg und ihrem anschließenden Aufenthalt in Wien, in einer Flüchtlingsunterkunft, berichtet. Es gibt aber noch eine zweite Hauptfigur: Anisas ehemaligen Freund und Geliebten Jovan, ein bosnischer Serbe. Seine Erlebnisse werden parallel erzählt.

Dieser zweite Teil ist das Herz- und Kernstück des Buches und im Aufbau wiederum sehr gut durchdacht. Im Zentrum zwei Figuren, die eigentlich eine enge Verbindung haben, durch den Krieg aber getrennt werden; die zwar aus demselben Land stammen, aber unterschiedlichen Ethnien angehören; die ein gemeinsames Schicksal haben und doch ganz verschiedene. Die (für den Westeuropäer so verwirrenden) Unterscheidungen in der Landes-, Religions- oder Volkszugehörigkeit, die die Jugoslawienkriege so befeuerten, sind teilweise schon in dieser kleinen Konstellation vorhanden.

Was mir aber am besten gefällt: dass man nicht das Gefühl bekommt, Prosser wolle möglichst viel in diesen beiden Geschichten unterbringen, darin zur großen Darstellung ausholen. Er legt den Fokus auf das Schicksal seiner beiden Figuren, ihre individuelle, realistische Ausprägung und versucht diese nicht mit möglichst vielen historischen Bewandtnissen zu unterfüttern. Das schlägt sich auch in der Sprache wieder, die viel mit atmosphärischen Details arbeitet, die Wahrnehmung seiner beiden Figuren immer wieder klar konturiert. Und auch inhaltlich z.B. in der sehr genauen Darstellung des Alltags von Anisa in der Unterkunft in Wien, wo sie wiederholt um eine Entscheidung bzgl. ihres weiteren Vorgehens ringt, nicht weiß, ob sie neu anfangen oder sich an ihr altes Leben klammern soll, mit allem, was dazugehört. Aber wie neu anfangen, wenn noch so viel unabgeschlossen ist, sie nicht einmal weiß, wo Jovan ist oder was mit ihrem Vater passiert ist – speziell die Erinnerung an ihren Vater verfolgt sie.

Seit fast drei Monaten lebt sie schon in diesem Turnsaal, ohne zu wissen, wie lange noch und was danach passieren soll. Alles geschieht, ohne dass sie den geringsten Einfluss darauf nehmen kann, alles, was ihr bleibt, ist, immer dasselbe zu erzählen, dieselbe Geschichte, den Leuten vom roten Kreuz oder Emir oder Jasmin, dieses Version des schlimmsten Augenblicks in ihrem Leben, die sich mit ein paar wenigen Zeilen begnügt.

Mit diesen beiden exemplarischen Geschichten gelingt gleich zweierlei: eine spannende Romanhandlung (spannend auch dadurch, dass sich die Geschichten abwechseln) – und ein Einblick in das Räderwerk der Jugoslawienkriege. Mit letzterem wird man einfach konfrontiert, es gibt keine Erklärungen. Die Hilflosigkeit und Ungewissheit der beiden Figuren, ihr Schicksal und ihre Lage betreffend, sowie das Schicksal ihrer Familie oder die Lage in ihren Heimatdörfern, sogar die Lage des Krieges, sie sind die Dreh- und Angelpunkt der ganzen Dynamik und tragen die widersinnige und zugleich brutale Wirklichkeit dieses Krieges an die Lesenden heran.

Eine Landkarte Bosniens wird eingespielt, die Orte der Auseinandersetzungen sind mit Explosionssymbolen verzeichnet. Unter diesen roten und gelben Flammen Anisas erste Party, der Schulabschluss, der erste Sex; die Premieren, die das Leben einer Jugendlichen ausmachen und nun ebenso unglaubwürdig wirken wie die Ortsnamen, die sie von der Moderation aufschnappt.

Prosser verknüpft diese Hauptstränge noch mit einigen weiteren Geschichten von Personen, die einer der beiden Hauptfiguren begegnen und so entsteht ein dichtes Geflecht, das den ganzen Krieg nach und nach als eine Havarie, als fleischgewordene Willkür erscheinen lässt, voller versprengter Seelen, verlassener Dörfer und unkontrollierter Militär-Aktionen.

Ich habe nach der Lektüre dieses zweiten Teils nicht unbedingt einen besseren Überblick über den Verlauf des Krieges, die Kriegsparteien oder die Motive der einzelnen Interessensgruppen (und hoffe sehr, dass mir in der Darstellung des Inhalts kein grober Schnitzer unterlaufen ist). Aber ich habe einen Eindruck davon bekommen, wie das Leben in den Kriegsgebieten ausgesehen hat und mit was für Verhältnissen und Situationen die Menschen dort konfrontiert waren. Und ich denke darum geht es auch: dass die medialen und historischen Phantome dieses Krieges in den akribisch geschilderten Schicksalen der Figuren eine greifbare Dimension bekommen.

Im anschließenden drittel Teil ist Jovan noch einmal der Protagonist, 23 Jahre später. Wir erfahren aus seinem inneren Monolog, wie es ihm ergangen ist, im späteren Verlauf des Krieges und danach. Dieses letzte Kapitel, es ist gleichsam irritierend und erstaunlich, denn es fügt der bisherigen Darstellung noch mal eine zusätzliche Nuance hinzu.

Wohin verschlug es die Leute nach dem Krieg, aus Ländern kommend, die verwüstet waren und in denen die Lebenswirklichkeit bis heute nicht unbedingt verlockend, die Atmosphäre nicht wirklich friedlich ist? Es gibt da viele Geschichten und die Geschichte der Mutter der Freundin ist nur eine.

Im ersten Teil beschreibt die Freundin des Protagonisten die Leute, die sie auf dem Balkan auf zahlreichen Partys oder anderen Zusammenkünften treffen:

Aber immer etwas in den Augen der Jungen, wie ficken die, wie träumen die, fragte Sara, mit solchen Augen, die resigniert sind und hungrig in einem. Alles gleichzeitig. Man verdient 400 Euro im Monat, aber die Geschäfte laufen. […] Alles Pump, alles Beziehung.

Prosser hätte den Roman auch allein aus dem Mittelstück heraus entwickeln können. Diese beiden einfassenden Teile, sie wirken zu Anfang vielleicht etwas provisorisch, aber sie holen das Thema und die dadurch bedingte Wirklichkeit in die Gegenwart, verankern sie dort. Diese Fassung: sie macht den Roman ein wenig angreifbar, aber letztlich stark, sehr stark; denn diese beiden Teile zeigen, dass sich der Autor zweier Tatsachen bewusst ist: seiner außenstehenden Perspektive und der Problematik, die jedes auf Historie basierende Werk mit sich bringt: die Auslegung der Vergangenheit, der Überlieferung und, bei so einem nahen Fall wie den Jugoslawienkriegen, der Erinnerung.

So viele Täter und Opfer, wie kann es sein, dass niemand etwas weiß. Die aufgelösten Existenzen, die in einer Grube liegen, eine Ansammlung letzter Gedanken, letzter Gefühle, die flatternden Enden des Lebensfilms

Abschließend bleibt nur zu sagen: trotz aller Vorbehalte, die man ansetzen könnte, habe ich großen Respekt vor diesem Buch (und seinem Autor). Eben nicht, weil es eine epische Meisterleistung darstellt, sondern weil es sich innerhalb seiner eigenen, wohl überlegten Struktur bewegt und darin erstaunliche Balance und ein starkes Bewusstsein für vielerlei beweist. Hut ab und vielen Dank für dieses Werk!

 

 

 

 

Robert Prosser
Phantome
Ullstein
2017 · 336 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
13 9783961010097

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