Anzeige
Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
x
Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Verprasst! Passt!

Hamburg

Robert Striplings "Verpasste Hauptwerke" gehört in die Reihe jener Bücher, die man durchaus mit Gewinn lesen und wiederlesen kann, deren wahre Pointe aber im Konzeptuellen liegt: Stripling wählt das Zitat-mit-Quellenangabe – sagen wir: das Motto – als Textsorte, mit der er sich einen Spaß macht, und zwar gerade nicht den naheliegenden Spaß der nesting dolls und infiniten Regresse von Wirklichkeitsebenen. Statt dessen bekommen wir: eine Führung durch das Reich nie geschriebener Bücher von fiktiven, die jeweiligen Epochenklischees komisch übererfüllenden Autoren … und außerdem ein Nachwort, von dem wir nur sehr kurz denken, dass es uns tatsächlich etwas erklärt, oder dass es uns zumindest in das eh schon durchschaute Bauprinzip dieses Haupttexts nochmal autoritativ einführt. Tatsächlich aber funktioniert dieses Nachwort als eine kurze Erzählung von den Freuden der phantasievollen Hochstapelei (und hier tauchen sie dann auf, die nesting dolls, denn gewissermaßen macht das Nachwort retroaktiv aus dem ganzen restlichen Text eine weitere solche Erzählung).

Wären die "Verpassten Hauptwerke", inklusive jenes Nachworts, nicht bloß lustig, sondern auch noch über irgendeine Bande tragisch-katastrophisch – man wäre versucht zu sagen, das Ganze habe den Charakter einer Modernisierung der Prosabauweise von ca. Alasdair Gray. Die Übermacht der Gesamtanlage gegenüber den einzelnen Elementen würde dazu passen, ebenso der Umstand, dass das Buch besonders anfällig für die Gefahr erscheint, sofort entzaubert und langweilig dazustehen, kaum, dass der Gestus des jeweiligen Pasticchios mal nicht genau getroffen wird. (Es gibt Textsorten und selbst Stilspiel-Konzepte, die da weniger gefährdet sind.) (Und dass aber die Entzauberung nicht eintritt, dass der Ton sich halten lässt, ist genau die Attraktion.) Indes – Katastrophen finden wir bei Stripling nicht, zumindest nicht im Großen-Ganzen. Das braucht auch nicht mehr zu sein als freundlich, gelehrt und gerade das entscheidende Bisschen frivol.

Kritisieren könnte man gegebenenfalls, dass die fiktiven Quellenangaben immer nur genau so weit "realistisch" nachgebaut sind, wie die jeweilige Pointe das braucht. Fälle wie beispielsweise dieser hier –

„Hochmut kommt vor dem Fall, sagt der Volksmund. Denke niemals also, du seist schon gefallen – das wäre hochmütig. Es geht noch tiefer.“ — Sarius Saccus, römischer Politiker und Rhetoriker, in: Faelle, Rom, 164 n. Chr.

– würden in einem "echten" Zitatenschatz-Büchlein ebensowenig vorkommen wie in einem "echten" akademischen Werk über denselben Autor: Das selbstverständliche "in: Titel, Ort, Jahr" der modernen Zitierweise verliert in diesem und ähnlichen Kontexten seinen Sinn und unterbricht die willing suspension of disbelief. Aber das ist jetzt nicht weiter schlimm – haben wir es doch im Wesentlichen mit einem Spaßbuch für literarisch Gelehrte zu tun, die es sich auf den Beistelltisch neben dem Bürosofa legen können, für wartende Besucher zum Blättern, oder falls ihnen selbst das Arbeitslesen zu viel wird. (Und das geht natürlich auch mit einem E-Book-Reader, warum nicht?)

Ein Komparatistik-Proseminar könnte sich darüber hinaus einmal damit beschäftigen, ob Stripling jeden Stil, jede Epoche und jeden Autorentypus, die er seiner traumzeitigen Bibliothek einschreibt, auf jeweils eigens zugemessene Weise zuspitzt und gegen den Strich der wirklichen Literaturgeschichte bürstet; oder ob es sich (mein Verdacht – dessen allfälliges Zutreffen jedoch weder die Leistung noch den Spaß an der Sache schmälern würde) um eine Art stilistisches Selbstschussverfahren handelt, das man (dh. ich) bloß nicht auf den ersten Blick durchschaut.

Des Rezensenten Lieblings"zitat" schließlich:

„Doch ob Ohne ohne Ohne geht? Ist das Weglassen seinem Wesen nach weniger? Oder gibt es ein Weglassen, das durch sein Eintreten erst ein Mit wird, dem das Hinzugeben näher erscheint als ein Ohne?“ – Wolf Rahmsburg-Dortmunder, Befreiungstheologe und Sumoringer, in: Oben ohne – Gottesbilder und Sumo, Gelsenkirchen, 1978

Robert Stripling (Hg.)
Verpasste Hauptwerke
mikrotext
2018 · 328 Seiten · 21,99 Euro
ISBN:
978-3-944543-68-0

Fixpoetry 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge