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Kritik

Die Träume des Erfinders

Hamburg

Erdosain überfiel eine so heftige Angst, dass er plötzlich, halb wahnsinnig von einem körperlichen Schmerz, mit beiden Händen seinen Kopf fasste. Er hatte das Gefühl, als hätte sich sein Gehirn von seinem Schädel gelöst und würde beim leisesten Gedanken an dessen Decke krachen.

Dieser Erdosain, Remo, ist ein alter ego des frühverstorbenen argentinischen Großstadtromancier-Helden Roberto Arlt, der um sein Leben schrieb, außerdem Kolumnen und Dramen, der in allen Fettnäpfchen schuftete und hochverschuldet 1942 in Buenos Aires einem Herzversagen erlag. Seine rettende Idee, einen "synthetischen Damenstrumpf" zu erfinden, scheiterte. Remo Erdosain hingegen, ebenfalls verschuldet, nach einer kläglichen Unterschlagung akut in Gefahr, als Gatte soeben ersetzt worden von einem nicht minder unglücklich scheinenden Rivalen, in Sorge wegen einer Wolke aus unguten Gefühlen/ Gasen über der Stadt und besessen von dem Gedanken, einen Mord zu begehen, nebenbei hoffnungsvoller Erfinder der Kupferrose, begegnet binnen drei Tagen seiner Odyssee durch das 20er Jahre Buenos Aires einem Haufen verschleppter (Dostojewski-) Dämonen, die den Umschwung planen. Selbstredend gerät Remo mit ihnen in ein Unternehmen, das, hoffnungslos in jeder Hinsicht, die Realität mit Absurdität zu ersetzen versucht.

Diese Atmosphäre aus Traum und Unruhe, die ihn wie einen Schlafwandler durch die Tage treiben ließ, nannte Erdosain die Zone der Angst.
Er glaubte, dass eine solche Zone in zwei Meter Höhe über dem Boden der Städte existierte, und wenn er sie bildlich vor sich sah, dann so wie die Salzsteppen oder Wüsten, die auf den Landkarten durch Punkte dargestellt werden, so dicht nebeneinanderliegend wie Heringseier.
Diese Zone der Angst war die Folge des menschlichen Elends. Wie eine giftige Wolke schwebte sie schwerfällig von einem Punkt zum andern, drang durch Mauern und durchquerte Gebäude, ohne je ihre flache, waagerechte Form zu verlieren; eine zweidimensionale Angst, die in den Kehlen, die sie durchschnitt, den Nachgeschmack bitterer Tränen hinterließ.

Die sumpfige Stimmung, ein chaplinartiger Totentanz einiger archetypisch bekloppter Zunftgurus, die der melancholische Zuhälter, der Astrologe oder der Mann, der die Hebamme sah und der Goldsucher heißen, ist perspektivisch einmalig gedrängelt in den Seiten. Die verschlungene Erzählweise aus üppigen Metaphern und teildegeneriertem Dialog macht Die sieben Irren zu einer für 1929 völlig vorbildlosen Romanschöpfung. Das Figurenensemble erinnert durchaus an Tarsem Singhs The Fall, märchenhaft engagiert durch einen Weltteil. Nur, dass Arlts Buenos Aires eine geisterhafte Improvisation aus Fabriken, Schloten, Bordellen und hochgezogenen, verwunschen-unerreichbaren Prachtbauten einer Zeit darstellt, als Argentinien noch schwerreiche Industrienation war.

Mittendrin der (Nicht-Brochsche) Schlafwandler Erdosain:

Er würde triumphieren, ja er würde triumphieren! Mit dem Geld des melancholischen und schweigsamen Millionärs würde er ein elektrotechnisches Laboratorium einrichten. Er würde sich besonders dem Studium der Beta-Strahlen, der drahtlosen Energieübertragung und der elektromagnetischen Wellen widmen. Und er würde altern, ohne seine Jugend zu verlieren, so wie der absurde Held eines englischen Romans; nur sein Gesicht würde blasser werden, bis es so weiß wie Marmor wäre, und seine Augen würden funkeln wie die eines Magiers und alle Jungfrauen der Welt verführen.

Inmitten des gegeneinander geschnittenen Panoramas sagt der Astrologe dies:

Zuerst kam mir dieser Gedanke wie eine der vielen Dummheiten vor, von denen es in Ihren wirren Betrachtungen nur so wimmelt ... Doch dann fragte ich mich unfreiwillig, warum das Geld aus einem Menschen einen Gott machen kann, und plötzlich begriff ich, dass Sie eine grundlegende Wahrheit entdeckt hatten. Und wissen Sie, wie ich darauf kam, dass Sie Recht haben? Nun, indem ich darüber nachdachte, dass Henry Ford mit seinem Vermögen eine ausreichend große Menge Sprengstoff kaufen könnte, um einen Planeten wie den Mond in Stücke zu reißen. Ihre Behauptung ließ sich belegen.

Anstelle eines Nachworts bringt die 2018 bei Wagenbach aufmerksam editierte, neu bearbeitete Keller/ Regling Übersetzung von Arlts Klassiker ein Interview mit Ricardo Piglia, der als ausgewiesener Kenner/ Schüler pointiert zu antworten weiß:

F: Normalerweise vertreten Autoren eine bestimmte Auffassung oder arbeiten sich an ihr ab. Bei Arlt hingegen sehe ich, wie er eine Welt beschreibt und sich irgendwie in beiden Richtungen gleichzeitig bewegt.

R.P.: Tatsächlich vermischen sich in Die sieben Irren zwei Romane: Erdosains Roman und der Roman des Astrologen. Erdosains Roman, könnte man sagen, ist die Geschichte der großen Klage, die Geschichte des Versuchs, auf die andere Seite zu gelangen, der trüben Trostlosigkeit des Alltags zu entkommen. Der Roman des Astrologen, für mich Arlts Meisterwerk, handelt demgegenüber von den möglichen Welten: von der Möglichkeit der Fiktion, die Realität zu verwandeln. Die sieben Irren erzählt vom Projekt des Astrologen, eine Fiktion zu entwerfen, die agieren kann und Wirkungen in der Realität erzielt. Worin besteht die Macht der Fiktion? Danach fragt der Text die ganze Zeit.

Die sieben Irren, in der ansprechenden Oktavhefte-Reihe Wagenbachs erschienen, ist unbedingt zu empfehlen. Im Schatten der Rezeption Döblins, Dos Passos, Barnes etc, zeigt es einmal mehr, hui Südamerika, wie erstaunlich anders parallel tanzt die Fabel hier seit hundert Jahren. Bolaño, Aira etc. brauchten Arlt.

Roberto Arlt
Die sieben Irren
Übersetzung:
Bruno Keller und Carsten Regling
Wagenbach
2018 · 320 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-8031-3299-4

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