Anzeige
Beitragsbanner_mosaik_Niklas L. Niskate_Entwicklung der Knoten
x
Beitragsbanner_mosaik_Niklas L. Niskate_Entwicklung der Knoten
Kritik

Lust an Labyrinth und Wollknäuel

Hamburg

Fast aus dem Nichts hat der Fischer Verlag einen neuen Roman von Roberto Bolaño herausgebracht. Er ist in dem Sinne natürlich nicht neu, wie es bei einem Nachlass eben der Fall ist, sondern im Gegenteil, er ist eigentlich erstaunlich alt. Der Geist der Science Fiction datiert aus der Frühphase von Bolaño, in der sich der Dichter langsam dem Schreiben von Prosa zuwandte, "aus Familienernährung" wie er häufiger kokettierte. Die frühesten Erwähnungen dieses seines Sci-Fi-Projektes datieren von 1980. Es gibt Stellen ab 1984 und auch wohl darüber hinaus. Irgendwann verschwand es aus dem Projektfluss und es ist natürlich die Frage, ob sich der strenge Bolaño schamvoll abwenden würde, wenn er erführe, was man hier ausgegraben hat. Doch ähnlich seinen meisten anderen Schreibprojekten gibt es dazu wenig Grund, außer eine gewisse Gourmethaltung seinem eigenen Schaffen gegenüber.

Definitiv ist hier ein leichter, verhältnismäßig leichter, Autor Roberto Bolaño am Werk. Anders als bei anderen frühen Werken, wie Antwerpen oder Monsieur Pain, herrscht im Geist der Science Fiction ein bereits spät bolañeskes Genre-Crossdressing vor. Weniger lyrisch als direkt hymnisch-prosaisch ist der Geist eine offene Verbeugung Bolaños seinen Pulp-HeldInnen gegenüber. Die schnell erzählte Dreiecksgeschichte spielt mit konsequent durchgehaltenen Perspektivenwechseln innerhalb der Kapitel. Remo, Jan Schrella und Laura und einige andere Spätadoleszenten in México DF suchen, finden sich selbst und ihre Haltung, ihre Positionen innerhalb einer aufsteigenden Dichterszene der Stadt ("über 600 Literaturzeitschriften gezählt"). Augenzwinkernd, frech, fast mit Screwball-Dialogen springt Bolaño durch etwas, das im Prinzip wie eine Fingerübung zum ungleich schwereren, späteren Die wilden Detektive aus seiner Feder anmutet. Doch nicht ganz, hier beginnt sich zwar der Kosmos aufzuspannen, doch geht er seine eigenen Wege, behält das Narrativ viel stärker im Auge, dekonstruiert nichts. Parallel zu jenem Narrativ steht von Beginn eine Parallelgeschichte in Briefromanform: Jan Schrella (alias R.B.) schreibt seine HeldInnen direkt an: von Alice Sheldon und Ursula K. Le Guin bis Philip José Farmer u.a., um nicht nur seine Bewunderung für sie auszudrücken, sondern um sie zu "überzeugen", politisch Stellung zu beziehen in einem Verein/ Bündnis für die Unterstützung Lateinamerikas in den Zeiten diktatorischer Herrschaft.

Da begann mein Herz ganz seltsam zu hämmern. Ich dachte: Ich bin eine Statue, die zwischen Bürgersteig und Straße steht. Ich rief nicht. Ich lief los. Sekunden später, bevor ich noch aus dem Schatten des Hauses trat, oder aus dem Schattengewebe, das über diesem Abschnitt lag, tauchte in der Fensterfront des Restaurants Sanborns mein Spiegelbild auf, eine eigenartige geistige Kopie, ein junger Mann mit zerrissenem, blauem Hemd und langen Haaren, der sich mit einer seltsamen Kniebeuge vor den Prachtexemplaren und Verbrechen verneigte (aber vor welchen Prachtexemplaren und welchen Verbrechen, das hatte ich sofort vergessen), beladen mit Brot und Butterbirnen, die ich fortan und für immer Avocados nennen sollte, und einem Liter Leche Lala, die Augen, nicht meine, sondern jene, die sich in der schwarzen Grube der Fensterfront verloren, zu Schlitzen verengt, als hätten sie plötzlich die Wüste gesehen.

Mit Der Geist der Science Fiction kommt eine Überraschung, von Stammübersetzer Christian Hansen gewohnt sicher übertragen. Deutlich abzulesen ist, wie Bolaño von Zeit zu Zeit  die Sprache abrutscht und er in einen für ihn ansonsten untypische Sprechprosa gleitet, die frisch und straight, manchmal ungestüm daherkommt. Natürlich ist dieses Frühwerk noch nicht annähernd in den Höhen seiner späteren Jahrhundertliteratur, und trotzdem ist das, was hier vorgelegt wird, eine feine Ergänzung und in sich stimmig. Nicht uninteressant auch die reproduzierten Auszüge aus den Originalnotizbüchern, mitsamt Zeichnungen und Graphologen-Futter.

Roberto Bolaño
Der Geist der Science Fiction
Übersetzt von: Christian Hansen
Fischer
2018 · 22,00 Euro
ISBN:
978-3103973594

Fixpoetry 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge