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Kritik

Er wird sich wieder eine Kugel in den Kopf jagen

Hamburg

Der letzte Roman von Romain Gary (Cooper) ist dieser Tage in der Edition Blau erschienen, mit dem Titel Die Jagd nach dem Blau. Er ist nicht ganz so konzis oder bewegend direkt wie Du hast das Leben vor dir, er ist leicht mäandernd, man weiß nicht, ob gewollt, im Ton. Dieser passt allerdings zum Epos, das Geschichte und Fiktion miteinander verwebt, ziemlich gut.

Beginnend mit aberwitzigen Beschreibungen eines ländlichen Frankreichs, wieder Jeunet antizipierend, und dem Jungen, der alles erinnern kann: Telefonbücher, Zahlenreihen etc. kann Ludo, der an "Gedächtnisüberschuss" leidet, wann immer er will, reproduzieren. Sein Briefe austragender Onkel Fleury baut fantastische Flugdrachen mit großen Namen, Jean-Jacques Rousseau zum Beispiel. Ludo verliebt sich in Lila, "die von sich träumt", eine archetypische, altkluge Lisa Simpson, und die Fabel geht fast wie eine süße Animation voller Gags voran, inklusive oberskurriler Dialoge, wenn sich nicht eben für quälend lang im Buch wie in der Geschichte der Zweite Weltkrieg über das Geschehen legen würde. Für jene zwei Buchdrittel wird der Ton plötzlich düster, verfärbt und nichts ist, wie es war. War es so, ist es so? Vielleicht.

Trotz den Episoden unter den Besatzern, die in Person eines deutschen Generals unbedingt kochen lernen wollen, im Spezialitätenrestaurant von Marcellin Duprat, mit exquisiten Rezepten zeilenlanger Namen unterlegt, kann eben Ludo nichts, gar nichts vergessen. Und was er erlebt, die Résistance seiner Bezugspersonen, aber auch die Kollaboration ausgerechnet seiner Liebe Lila, die Drachen als Symbole, ihre Zerstörung, überhaupt Zerstörung, und besonders die Auflösung jedweder Struktur hat das Buch wie die Welt fest im Griff. Ganz zum Schluss geht es etwas zurück in den verspielten, slapstickhaften Ton des Beginns. In jedem Falle spielen die Drachen nicht die Rolle, wie man erwarten würde. Die Komposition des Romans ist beinahe tappsig, aber spiegelt andererseits die Nicht-Komposition von Geschichte als realiteres Geschehen. Gary beging nach diesem Buch Suizid.

Aus der anfänglichen Beschreibung des Briefträgers:

Rein äußerlich hatte er gar nichts Niedliches. Ausgeprägte Gesichtszüge, hart und eigensinnig, zu einer Bürste geschnittenes graues Haar und einen jener dichten und langen Schnurrbärte, die man als "Gallier-Schnäuzer" bezeichnet, denn die Franzosen vermögen es noch, Gott sei Dank, an ihren historischen Erinnerungen festzuhalten, selbst wenn es nur mehr die ihrer Behaarung sind. Seine Augen waren schwermütig, was immer einen guten Hintergrund für Heiterkeit abgibt. Allgemein ging man davon aus, dass er "bekloppt" aus dem Krieg heimgekehrt sei; so erklärte man sich seinen Pazifismus und auch diese Marotte, seine gesamte Freizeit mit seinen Drachen zu verbringen: mit seinen gnamas, wie er sie nannte. Dieses Wort, gefunden in einem Buch über Äquatorial-Afrika, bezeichnet angeblich all das, was von einem Lebensfunken beseelt ist: Menschen, Fliegen, Löwen, Gedanken oder Elefanten.

Aus dem späteren Chaos:

Da ereignete sich ein weiterer Zwischenfall. Hinter uns ertönten vereinzelte Schüsse, gefolgt von einer Salve aus der Maschinenpistole. Ich drehte mich ruckartig um. Rückwärts laufend, kam langsam ein amerikanischer Soldat mit einer Maschinenpistole in der Hand aus dem Wald hervor. Er wartete einen Augenblick, schien beruhigt, befühlte seinen Körper seitlich und besah sich dann seine Hand. Offenbar war er leicht verletzt. Er schien sich darum keine Sorgen zu machen, setzte sich unter einem Busch auf die Erde, nahm ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche – und explodierte.
Er explodierte buchstäblich, mit einem Schlag und ohne erkennbaren Grund, in einer Erdgarbe verschwindend, die sogleich wieder zu Boden fiel – ohne ihn. Die Kugel, die ihn verletzt hatte, muss wohl den Splint einer der an seinem Gürtel hängenden Granaten gelockert haben, und als er sich dann setzte, hat sich die Granate vollständig entsichert.
"Schade", sagte Lila, "es wird keine einzige übrig geblieben sein."
"Keine was?"
"Er hatte ein ganzes Päckchen in der Hand. Ich habe seit Jahren keine amerikanische Zigarette mehr geraucht."
Zunächst war ich empört.

Romain Gary
Die Jagd nach dem Blau
Übersetzung:
Jeanne Pachnicke
Rotpunktverlag
2019 · 376 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-85869-828-5

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