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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
Kritik

Der ideale Frachtverlauf

Hamburg

Mehr als ein Kompagnon zu Roman Ehrlichs jüngstem Roman Malé, eine Meeresgeschichte auf dem Land (Malediven, unter Wasser nun) ist die Zusammenarbeit Ehrlichs mit dem Fotografen Michael Disqué namens Überfahrt. Ein Text-Bild-Essay, erschienen als Band #4 Volte expanded bei Spector Books. Die beiden „Künstler“, so ihre textliche Versubjektung, sind auf einem Containerschiff unterwegs. Von Hamburg nach China, es ist eine 40 Tage währende Überfahrt in Zeiten des Spätkapitalismus.

Die beiden begleiten sie mit ihren Sinnen, haben einen Deckbereich, trauen sich (nur mit Helm) durch die Container-Gänge, besuchen die Offiziersdecks, die Kommandofenster, die Bord-Bibliothek (DvDs und Bücher), konsumieren letztere und sind auch an der Karaoke-Maschine der Mannschaft anzutreffen. Bewusste Fremdkörper auf dem Schiff, die hier ihre Ergebnisse präsentieren, journalistische Erfahrungstexte, fotografische Momente, sind im Buch in Wirklichkeit die Welten der Waren, ihr schattiger Verkehr, ihre elektronische Steuerung von sonstwo, aber nicht auf See, die Fremdkörper. Wenn man nicht vertraut ist mit Gepflogenheiten jenes manischen Abnutzens der Wasseroberfläche, seltsamen Hafensitten, schwierigen Kontrakten der Seafarers, Unkenntnis der Containerinhalte seitens sämtlicher Beteiligter außer den Handeltreibenden selbst.., wirkt diese abgewandte Geschäfteindustrie ziemlich andersmaßstäblich.

Dass die Orte des automatisierten Warenumschlags Betriebsgelände von Großunternehmen sind, die ihre Abläufe, ihre Gerätschaften und Angestellten nach Außen durch Zäune, Schranken, Pforten und Überwachungssysteme vor unbefugtem Zutritt absichern, ist für die Künstler keine Überraschung. Die Tristesse aber, die durch diese Abschottung entsteht, ist ungeachtet ihrer Erwartbarkeit erschütternd.

Das Buch ist wahnsinnig ansprechend gestaltet. Die Fotografien Disqués sind auf den Punkt, zurückhaltend, minimale Lichtnahmen von kleinen Momenten an Deck vor den Momenten, keinen Klischees und immer wieder Leere, wenn denn See / Himmel Leere wäre. Ehrlichs diverse Texte hingegen sind vielgestalt. Manchmal komisch gespreizt, unterstreichen sie das unvertraute Gefühl. Herausragend in der Wiedergabe von Quellen aus der Schiffsbibliothek, Zeugnisse fahrender Gescheiterter wie Pérouse, aber auch Bemerkungen Blumenbergs, Felicitas Hoppe sammeln sich mit hochinteressanten Aussagen (fast wird man verleitet „Garn“ zu sagen) der Mannschaften an Bord. Das Schiff des alten Filipinos, das scheinbar jahrelang auf der Suche nach Waren, von Hafen zu Hafen steuert, (wie das Totenschiff Travens), während die Reederei schon den Geist aufgegeben hat, in höchstem Grönland auf Container hofft, leeren Bauchs weiterfahren muss, noch ein bisschen beim Robbenschlagen hilft, schließlich verschwindet, wie der Erzähler dieses Berichts unter Deck.

Das  ständige Schauen der Alien-DvDs, nicht nur wegen der engen entmenschlichten technoiden Metallgänge auf dem realen Schiff eine mehr als beunruhigende Freizeitaktivität, wie zu vermuten ist, sondern auch die filmische Navigation durch den Outer Space an Bord eines Handels (Raum-) Schiffs ist zu Recht in der Assoziationskette Thema. Die Geschichte der auf dem Suezkanal, am Großen Bittersee, wo alle Schiffe warten müssen, eingeschlossenen Schicksalsgemeinschaft während der ägyptisch-israelischen Kriege in den frühen 70er Jahren taucht auf. Ihre „See-Olympiaden“ mit selbstgebauten Mini-Seglern, ihre selbstgemalte Briefmarkenproduktion, ihr Wüstensandbeschuss, während die Ufer verwüstet werden, Bombenbeleuchtung den Himmel aufmischt.

Texte und Fotosubserien wechseln miteinander, erzeugen eine Abwechslung, die an sich nicht auf diesen Fahrten gegeben ist. Ein Almanach der (oftmals ernüchternden) Eindrücke. Eine wahre Volte. Ehrlich schreibt mit Blick auf die Seeleute, die dieselbe Reise unternehmen wie Passagiere, die über spezielle Agenturen einen „Entschleunigungstrip“ buchen:

Die Sprachlosigkeit, von der die Seeleute nach mehreren monatelangen Aufträgen auf den Containerschiffen befallen werden, wird als Konsequenz der ewigen Wiederholung des Selben beschrieben: es gibt, abgesehen von den Zahlen, die täglich an die Reederei übermittelt werden, nichts zu berichten. Mit jedem neuen Tag auf See, der in völliger Gleichförmigkeit zum vorigen und nächsten vergeht, verringert sich die Möglichkeit, überhaupt noch über diesen Alltag sprechen zu können. Man hat es ja schon gesagt, es gibt nichts Neues zu erzählen.

Roman Ehrlich · Michael Disqué
Überfahrt
Spector Books
2020 · 338 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
9783959053693

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