Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
x
kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
Kritik

Das Grauen

Hamburg

Der zweite Roman von Roman Ehrlich ist mit seinen nicht weniger als 600-plus Seiten ein ziemliches, konzentriertes Monster. In seiner gelb-roten retro Gestaltung erinnert er nicht nur äußerlich an die ebenfalls beim Fischer Verlag besorgte Joseph Conrad Werkausgabe, sondern eben auch inhaltlich an eine neue Reise ins Herz der Finsternis. Kurtz irre Anführerschaft auf Basis einer logiklosen Anziehung an "Das Grauen", deren Ausübung in unmenschlicher Grenzüberschreitung von Schmerz und Leid, ist bei Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens ebenfalls der Dreh und Angelpunkt, ohne dass dies je ausgesprochen wird. Ehrlich schildert in zwei etwa hälftig 300-seitigen Teilen, wie Moritz, der junge, eigentlich ganz vernünftige Grafikgestalter, der irrational davon träumt, einmal vor der Kamera einen möglichst grausamen Tod zu sterben, der Faszination für Christoph erliegt, dem seinerseits dem Grauen erlegenen Kurtz-artigen Regisseur des Schrecklichen Grauens, einem noch nie gekannt entsetzlichen Horrorfilm, zu dessen Vorbereitung sich eine sektenartige Gesellschaft von Durchschnittsmenschen trifft und sich im zweiten Teil gemeinsam an deren Umsetzung macht. Trotz der gewissen Vorhersehbarkeit aller Aktion, die durchgeknallte Truppe "Grauenerlegener" filmt sich realiter beim Streunen, Terrorisieren und in den Wäldern Leben und geht dabei immer weiter der mentalen wie lokalen Orientierungslosigkeit entgegen, um am Ende enigmatisch sich aufzulösen und tatsächlich ähnlich Apocalypse Now einen (imaginierten?) Flächenbrand zu erzeugt zu haben, hält das Buch die Spannung aufrecht.

Das besondere an Ehrlichs konsequentem Buch ist seine Sprache. Nicht ein Satz, oft verschachtelt, steht heraus. Ein Geflecht perfekt lesbarer, objektiv-nüchterner und damit nachvollziehbarer Sprache schildert Anziehung und Verfall in gleichbleibendem Rhythmus. Dabei schleichen sich Filme, echte wie O Territorio von Raul Ruiz und Der Stand der Dinge von Wim Wenders, die sich tatsächlich aufeinander beziehen, deren Handlung von Ehrlich genial nacherzählt wird, in eine Enzyklopädie erfundener Filme, die so gut klingen, als dass es sie unbedingt geben müsste, z.B. My rotten self and my rotten room-mates, einem schaurigen Zombie-WG Film oder Scheme Park, einem angeblichen belgischen Geiseldrama in der Machart von Alien I. Das Grauen schleicht sich hinein, vermittels Schockszenen inmitten von ruhigen Landschaftsbeschreibungen oder den Sehnsüchten der geheimnisvollen Hauptfigur Moritz, aus dessen Perspektive perfekt erzählt wird, der sich in Schauspielerinnen erfolglos verliebt, seinen Job verliert, sich selbst foltert, verwildert und doch nur darum bittet, "sich selbst beim möglichst grausamen Sterben vor der Kamera zusehen zu dürfen".

Ist der erste Teil aufgrund der anfänglichen Sympathien, die man für Moritz empfinden kann ein packendes Psychogramm nicht nur seiner Ängste (In Vorbereitung auf den Film, erzählen sich alle Beteiligten in Momenten absoluter Selbstentäußerung ihre tiefsten Befürchtungen in einem geschlossenen Angstkreis – phänomenale Protokolle der Erzählkunst Ehrlichs, Mikrogeschichten in die Hauptfabel zu verpacken), verliert der zweite Teil aufgrund seiner sowohl leichten Vorhersehbarkeit als auch Versandung und Verlust eben jener Sympathien für Moritz, dem man immer weniger folgen kann, denn nichts wird ihm erfüllt, etwas an Spannung. Längen schleichen sich ein, dennoch ist der zweite Teil genauso nötig, denn obwohl Regisseur Christoph als relativ blasser Antagonist und Verführer der leicht klischeehaften Machart gezeichnet ist, übernimmt der Film das Schreckliche Grauen, gewissermaßen die Hauptrolle, der nur in Ausschnitten erzählt wird bzw. gar nicht, denn die gesamte Crew inklusive Moritz weiß nichts mit den Einzelszenen anzufangen, auf Nachfrage wird ihnen nicht geantwortet, das Skript ist nichts weiter als ein abstrakter Reigen Streiche, improvisierter Brutalität gegenüber Tieren und Menschenkörpern und eben gefilmtem Leben im alltäglichen Schrecken. Solcherart wird die Waldkarawane von gekaperten Menschenseelen eben auch nicht zu einem Werner-Herzog-Urwaldabenteuer sondern zu einem langen fade-out totaler Sinnlosigkeit, gebannt auf Zelluloid des schweigsamen Kameramanns.

Roman Ehrlichs Roman ist mit kleinen Abstrichen ein Meisterwerk. Geheimnisvoll und verstörend ergießt sich eine Demontage des Grauens an sich und auch des Filmens selbst vor seinen Lesern. Die Sprache Ehrlichs ist unfehlbar, nie langweilig, auf den Punkt und voller grandioser Satzhöhepunkte. Die leichte Überlänge auf Kosten des zweiten Teils ist in jedem Falle zu verschmerzen. Roman Ehrlich gelingt ein singuläres, hintergründiges und abgründiges sprachliches Meditieren, ein Haneke in Worten.

 

Roman Ehrlich
Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens
S. Fischer
2017 · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-10-002531-9

Fixpoetry 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge