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Kritik

We fucked up ...

Hamburg

Die Gesten der Zukunft – ... yet still drugs to discover – untersucht Roman Ehrlich in seinem beklemmenden Roman Malé. Ein feuchtes deprimierendes Szenario, die Malediven knöchel- bis knietief unter Wasser, ihre Hauptstadt (Insel) Malé aufgegeben, ein ruiniertes Bollwerk, das dennoch in den oberen Etagen Leben birgt, das zudem wohl wegen ihrer speziellen Verlorenheit besonders anziehend auf umherstreifende Menschen am Ende ihrer bewohnten, bekannten Welt wirkt. Jene kehren hier wahlweise für den Suizid ein, sind auf den Spuren ihrer verschollenen (Wahl-) Verwandtschaft oder aber wollen einfach Drogen konsumieren, schauen ratlos auf die verplastikmüllte See, betäubt.

Was Ehrlich entwirft, ist eine ziemlich naheliegende Welt aus Pest + Cholera, denn nicht nur die Malediven, das einstige „Urlaubsparadies“, lediglich mit einer Konsumobjekt-Identität___STEADY_PAYWALL___ versehen, sind verloren, die ganze weite Welt ist es, dies wird allerdings nur sparsam angedeutet in Ehrlichs sonderbar mäandernden, ultra-präzisen und doch oft inszeniert trashigen Sprache. Die Erzählkonzeption ergeht sich in Wiederholungen und Loops, findet großes Vergnügen an wie abgeschalteten Aufzählungen, als ob der LeserInnenschaft nichts mehr zugetraut werden könnte, was ungefähr dem fucked-up Zustand der in umgekippten Kreuzfahrtschiffen kampierenden Horde der „Eigentlichen“ und anderen anarchistischen Neopren-Gruppierungen im Roman entspricht. Dieser Taktikgriff macht das Lesen doppelt vertunnelt grau. Ein gewagter Zug von Ehrlich, der bewusst einiges an Quatsch wie angespülten „ultraromantischen“ Plastikabfall ins Buch lässt, so die Treffpunkte des „Hühnersultan“ oder den „Blauen Heinrich“ in Malé, wo die Conventions einer unterhalb jeglicher Sinnebene operierenden Menschenschaft stattfinden, jene dort den Hüllen von Verhalten nachgeht, „inmitten der speziellen Wärme, die von ihnen [selbst] ausgeht.“

Mit Ausnahme der Subgeschichte um die Besucherin Valeria Lenín, die ein harsches Ende ereilt, bleiben alle Plots von Malé irgendwo stecken, fast ohne jegliche Progression, „wir ziehen weiter, wenn es vorbei ist“. Weniger wird ein Handlungsgefährt begleitet, als dass ein ausgeleuchtetes Aufmaß einer menschenverhauenen Zukunft geschieht, die ob so oder in Details noch anders, noch lebensfeindlicher kaum sein könnte. Der Eskapismus der Vermeidung, das fast völlige Verlöschen eines Gegenimpulses ist grundsätzlich. Ein typischer Satz geht so:

Die letzte Frage, die die Regisseurin des Dokumentarfilms über die verschwundene Schauspielerin Mona Bauch dem übergewichtigen Romanschriftsteller Adel Politha an diesem Nachmittag im Blauen Heinrich stellt, wird mit der Bitte um eine kurze Antwort eingeleitet.

Auf jenes Filmteam reagiert Frances Ford, eine amerikanische Literaturwissenschaftlerin, die absurderweise in Malé auf den Spuren des noch absurderen deutsche Lyrikers Judy Frank, der hier (relativ schlechte) Gedichte verfasst hat, deren Kostproben immer wieder im Buch für jenen gewollten Mief sorgen, den auch eine aufgeheizte Sommermülltonne ausstrahlt, folgendermaßen:

Ich kann die Welt doch auch selbst wahrnehmen, denkt Frances Ford. Ich brauche keine Autoritäten der Wahrnehmung dafür. Niemanden, der es für mich in Worte fasst.

Was geschehen ist, womit es das (zufällige) Insel-Personal zu tun hat, ist:

Der Zustand ist katastrophal. Diese große und vielleicht letzte Katastrophe ist aber kein einzelnes, apokalyptisches Ereignis, sondern eine langsam fortschreitende Konsequenz.

Roman Ehrlichs Malé ist eine dumpf erfühlte Abrechnung, von zum Teil wütend machender Twistlosigkeit. Angesichts der Thematik äußerst konsequent. Ein Roman zum Quälen. Anders als sein futuristisch ähnlich gelagerter Rivale Allegro Pastell ist Ehrlichs Text jedoch ein völlig anderes Terrain, kritisch und verweigernd: Es gibt keine Geschichte. Das vor 30 Jahren pausbacken proklamierte Bonmot vom „Ende“ ist in die Hände der Satten gefallen, die weiter & weiter essen, und partout nicht hinter sich abwaschen wollen und vor allem nicht einsehen, dass „VerbraucherIn“ sein, kein Auftrag sein kann. Malé operiert dies zwischen seinen Zeilen. Literarisch gesprochen, eine absichtlich saftlose Leseerfahrung. Mutig.

Roman Ehrlich
Malé
S. Fischer
2020 · 288 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-10-397221-4

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