Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

Ein Kollektivversagen

In Deutschland lebende Juden fühlen sich Attacken aus unterschiedlichen Lagern ausgeliefert, wie Ronen Steinke in seinem aktuellen Buch kritisiert.
Hamburg

Küken bringen keine Briefe, da können sie noch so gelb sein. Und Israel ist kein Nazi-Staat, mögen religiöse Siedler noch so nachdrücklich Gebiete des Westjordanlands beanspruchen. Warum bei Analogien generell Skepsis angebracht ist, kann man in einem Einführungsband der Germanisten Stefan Descher und Thomas Petraschka mit dem Titel Argumentieren in der Literaturwissenschaft nachlesen. Ein Hauptkriterium, damit Analogieschlüsse überhaupt etwas taugen, lautet: »Die Eigenschaften, die X und Y teilen, müssen eine Ähnlichkeit in relevanter Hinsicht begründen […]. Dadurch, dass Postautos und Küken gleichermaßen beweglich, gelb und in Deutschland unterwegs sind, ist noch keine relevante Ähnlichkeitsbeziehung zwischen ihnen etabliert«. Analogien zwischen Israel und NS-Deutschland beruhen genauso auf ___STEADY_PAYWALL___ falsch verknüpften Prämissen. Dass diejenigen, die sie kolportieren, Widerspruch erfahren, ist das einzig Relevante daran, denn sie tragen ihren Teil zu Angriffen auf in Deutschland lebende Juden bei.

Einer von ihnen ist Ronen Steinke, Mitarbeiter der SZ-Redaktion und Autor einer vielbeachteten Biographie über Fritz Bauer, der in den 60er Jahren gegen energischen Widerstand die Frankfurter Auschwitzprozesse initiierte. Steinke schreibt in seinem neuen Buch Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt. Eine Anklage über eine neue Attraktivität antisemitischer Verschwörungsideen: »Immer hat der Antisemit dabei das heroische – auch für Menschen, die sich für links halten, attraktive – Gefühl, dass er nicht bloß nach unten trete wie der schnöde Rassist«. Für NS-Analogien, mit denen der gemeine Israelkritiker sein Zerrbild des, so Steinke, »Juden unter den Staaten« ausschmückt, gilt dergleichen besonders. Eigene Aggressionen lassen sich als Kampf gegen das schlimmste denkbare Übel wegerklären. Wie fragwürdig auch immer die Konsequenzen sind, man gehört automatisch zu den Guten.

Schon als 1969 am 9. November, dem Tag der Reichpogromnacht, Dieter Kunzelmanns Tupamaros West-Berlin versuchten, Teilnehmer einer jüdischen Gedenkveranstaltung in die Luft zu sprengen, boten dämonisierende Narrative über Israel die argumentative Grundlage. Steinke ordnet den Anschlag, der nur zufällig missglückte, in die damalige Zeit ein: »Mit dem, was die Kunzelmann-Truppe sagt, ist sie nicht allein. So klingt es jetzt vielmehr in vielen Gruppen der Studentenbewegung. Juden werden als privilegiert imaginiert«. Der Geschichte eines linken Antisemitismus in Deutschland widmet Steinke eigens ein knapp 20seitiges Kapitel. Und hinsichtlich der Gegenwart? Apologeten der Israel-Boykott-Kampagne BDS fordern in jüngster Zeit des Öfteren, man solle den Blick auf »wirklichen« Antisemitismus richten, soll heißen: wenn er von Linken kommt oder sich als palästinensischer Widerstand tarnt, ist er eigentlich gar keiner. Ausschließlich über Nazis müsse man sich sorgen. Wer Steinkes Buch liest, begreift, warum Betroffene das differenzierter sehen.

Steinke erinnert an Demonstrationen, über die Deutschland 2014 diskutierte. Hitlergrüße waren zu sehen gewesen, in Sprechchören hatten Teilnehmer »Jude, Jude, feiges Schwein« und noch Schlimmeres skandiert. »Keine dieser Parolen ist bis heute strafrechtlich verfolgt worden – denn die Staatsanwaltschaft in Berlin wie auch in Gelsenkirchen«, die jeweils dafür zuständig gewesen wäre, »hat es schlicht nie versucht«. Als im gleichen Jahr drei Palästinenser in Wuppertal eine Synagoge mit Molotowcocktails angriffen, wollte die Justiz keine antisemitischen Motive erkennen. Steinke zufolge resultiert daraus ein Lerneffekt: Bei potenziellen Tätern bleibe hängen, dass sie nur Empörung über Israel vorschützen müssen, und schon sind Angriffe auf Juden »keine Diskriminierung und keine Hasskriminalität [mehr], sondern immer ein legitimer Protestschrei«. Infolgedessen und aufgrund etlicher weiterer Beispiele diagnostiziert Steinke ein Kollektivversagen.

Terror von Rechtsradikalen spielt in dem Buch ebenfalls eine Rolle, und beileibe keine nachrangige. Spätestens seit der Attacke von Stephan B. 2019 an Jom Kippur auf die Synagoge in Halle fühlten Juden sich hierzulande ungeschützt. In vielen Städten fehle es an effektiven Maßnahmen. Jüdische Gemeinden selbst hätten sich mit klammen Kassen um Sicherheit zu kümmern, obwohl es eigentlich um »eine Kernaufgabe des Staates« gehe. So etwas erschüttere jegliches Vertrauen. Ferner lasse sich mit Entsetzen beobachten, wie nachlässig zuweilen innerhalb staatlicher Sicherheitsorgane mit antisemitischen Vorfällen umgegangen werde: »[I]n Hessen haben sich an einer Polizeischule 2019 Schüler in einem Klassen-Chat ausgetauscht, dabei machten neben rassistischen Witzen gegen Schwarze auch Bilder eines Holocaust-Deportationszugs die Runde. Dazu die Aufschrift: ›Genieß das Leben in vollen Zügen‹. An die zwanzig Polizeischüler lasen diese Dinge mit. Mehr als ein Jahr lang. Kein einziger ist auf die Idee gekommen, dies anzuzeigen.«

Einen Hauptfokus auf Rechtsradikalismus zu fordern, ist angesichts einer besonderen Gefahr durchaus nachvollziehbar, und gerade wenn sich unter Staatsdienern entsprechende Tendenzen ausbreiten, ist sofortige Intervention vonnöten. Aber diesbezügliche Mängel sind kein Grund, Antisemitismus aus anderen Lagern zu relativieren. Anderes zu behaupten bedeutet Fehlschlüssen aufzusitzen. Sie gilt es genauso zu benennen wie Unheil stiftende Analogien. Unmissverständlich zeigt Steinke die Brisanz aller Formen von Antisemitismus auf. Andere Betroffene haben schon früher Ähnliches geschildert, zum Beispiel Georg M. Hafner und Esther Schapira 2015 in Israel ist an allem schuld. Warum der Judenstaat so gehasst wird. Wer sich schon länger damit befasst, wird insofern nicht viel Neues erfahren. Da es nach wie vor aber an Bereitschaft mangelt, solcherlei Stimmen ernst zu nehmen, ist es gut, dass Steinke erneut die Dringlichkeit dessen vor Augen führt. Bücher wie das von Hafner und Schapira oder jetzt von Steinke sollten Pflichtlektüre für alle sein, die Verantwortung für das Wohlbefinden der Allgemeinheit tragen. Juden gehören wie alle anderen dazu und haben nicht verdient, sich derart im Stich gelassen zu fühlen.

 

Ronen Steinke
Terror gegen Juden / Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt / Eine Anklage
Piper
2020 · 256 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-8270-1425-2

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge